Bauer sein in der Stadt Frisch vom Dach

Fisch vom Dach. Davon träumen Christian Echternacht (vorne) und Nicolas Leschke.

Tomaten, Gurken und Barsche: Christian Echternacht und Nicolas Leschke bauen Berlins größte Stadtfarm. Das Interesse ist groß, vom wirtschaftlichen Erfolg sind die beiden allerdings noch weit entfernt.

Von Steffen Uhlmann

Oben im Glashaus sonnen sich Tomaten, Gurken und Chilischoten, unten im Container blubbern Barsche im klaren Wasser vor sich hin. "Eine ziemlich skurrile WG", sagt Christian Echternacht und lacht: "Die fühlen sich zusammen pudelwohl." Echternacht scheint guter Dinge zu sein. Zusammen mit Nicolas Leschke und ein paar anderen Mitstreitern hat er vor knapp zwei Jahren in Berlin Efficient City Farming (ECF) gegründet. Das junge Unternehmen will Stadtfarmen aufbauen und betreiben und beweisen, dass man auch mitten in der Stadt gewinnbringend eine nachhaltige Fisch- und Gemüseproduktion aufziehen kann. Es gehe darum, Ökologie und Ökonomie zu verbinden, betont Echternacht - und räumt ein, dass die Idee so neu nicht sei. "Aber wir haben hier einen ziemlich originellen Ansatz gefunden."

Schöne, schrille Zeit

Echternachts Aufstieg zum Stadtbauern führte über Umwege. Mit Landwirtschaft hatte der gebürtige Gelsenkirchner zunächst wenig zu tun. Vielmehr half er seinem Bruder, Fußballprofi zu werden, startete ein Medizinstudium in Marburg, das er abbrach, um Mitte der Neunzigerjahre eine Internetagentur und ein Stadtmagazin zu gründen. 2003 zog er nach Berlin, um gleich weiterzuziehen - im Tross von Brian Eno, dem Musiker, Künstler und Produzenten, der seine Karriere mit der legendären Rockband Roxy Music gestartet hatte. Echternacht assistierte Eno bei Ausstellungen und Videoinstallationen. "Eine schöne, schrille Zeit war das mit Eno", sagt der 42-Jährige, "aber jetzt Geschichte."

Geschichte sind auch Nicolas Leschkes Versuche, als Firmengründer und Berater bei verschiedenen Entwicklungsprojekten in Afrika und Indien die Lebensumstände der Bevölkerung zu verbessern. "Das ist gelungen und nicht gelungen", sagt Leschke nüchtern, der an diversen internationalen Business- und Management-Schulen studiert hat. Beruflich gelandet ist er schließlich in der Malzfabrik in Berlin-Tempelhof, einem der vielen Biotope für Kreative aller Art. Leschke ist dort stellvertretender Geschäftsführer und Coach für viele Jungunternehmer. Jetzt aber kümmert er sich auch noch um Fisch und Gemüse.

Das kam so: Malzfabrik-Chef Frank Sippel war bei seiner Suche nach Geschäftsideen in Basel auf die Urban Farmers AG gestoßen. Die kleine Schweizer Firma gehört zu den Vorreitern auf dem Gebiet der Aquaponik. Die Wortschöpfung aus Aquakultur und Hydroponik beschreibt das Verfahren, das auf die Symbiose von Fisch- und Gemüsezucht setzt. Die Fische im Aquarium liefern dabei mit ihren Ausscheidungen gerade jenen Dünger, den das Gemüse fürs Wachstum braucht. Zugleich entsteht ein fast geschlossener Wasserkreislauf, weil die im nährstoffhaltigen Wasser stehenden Pflanzen "nebenbei" auch zur Kläranlage werden. "Das Wasser kann also doppelt genutzt werden und macht damit die Fischzucht im Container ökonomisch", sagt Echternacht. Eine scheinbar einfache, aber geniale Idee, die Sippel mit in die Malzfabrik nach Berlin brachte. Das Ergebnis lässt sich derzeit in einem 16 Quadratmeter großen Showcontainer besichtigen.

Doch der Weg dahin war alles andere als leicht. Was so vielversprechend begann, drohte zwischenzeitlich für die Firmengründer zum Albtraum zu werden. Erste Versuche mit einem Vorgängermodell der Containerfarm schlugen fehl, weil der optimale pH-Wert, das Maß für den Basen- Säure-Gehalt des Wassers, für Fisch und Gemüse nicht derselbe ist. "Wenn es den Pflanzen im Wasserkreislauf gut ging, wuchsen die Fische zu langsam heran", erklärt Echternacht. "Oder es war genau umgekehrt." Echternacht, Leschke und ihre Mitstreiter suchten Hilfe. Sie fanden sie im Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei am Ostberliner Großen Müggelsee. Dort hatten Wissenschaftler schon zu DDR-Zeiten versucht, Fisch- und Gemüsezucht zu kombinieren. Viele der dabei geborenen Ideen verschwanden in der Schublade und wurden erst Ende der 90er-Jahre wieder herausgeholt, verfeinert und schließlich in einer Versuchsanlage einem Praxistest unterzogen - mit Erfolg. "Nur wirtschaftlich umgesetzt wurde das patentierte Verfahren nie", sagt Echternacht. "Da mussten erst wir kommen."

Viele Interessenten, aber wirtschaftlich ein Flop

Vom Geschäftserfolg sind allerdings auch die EFC-Gründer noch ein gutes Stück entfernt. Zwar funktioniert der Showcontainer in der Malzfabrik und lockt viele Interessenten. Wirtschaftlich aber bleibt die Containerfarm ein Flop. "Ihre Kapazität ist viel zu klein, um sie ökonomisch zu machen", sagt Leschke. "Wir müssen jetzt größer bauen und damit den Beweis antreten, dass sich Fisch- und Gemüsezucht auf dem Dach eines Supermarktes oder auf einer Freifläche in der Stadt rechnet." Darum soll nun auf dem Gelände der Malzfabrik auf 2000 Quadratmetern Dachfläche die erste große Farm entstehen.

Echternacht und Leschke haben alles durchgerechnet. "24 Tonnen Fisch und bis zu 35 Tonnen Gemüse pro Jahr sind durchaus drin", glauben sie. Die Ernte wollen sie an Restaurants liefern und über Abo-Kisten direkt zu den Kunden bringen. Der Start ist für dieses Jahr geplant, wenn die neue Aquaponik-Anlage steht. Ob das gelingt, ist nicht ausgemacht. Für den laufenden Betrieb ihrer Firma sorgen zunächst öffentliche Fördergelder. Für den Bau der Stadtfarm aber müssen sie über eine Million Euro bei privaten Investoren sammeln. Echternacht ist zuversichtlich. Seit Wochen ist er auf Tour, um für das Projekt zu werben. Es gebe Interessenten aus dem arabischen Raum, aus Australien und Südkorea, sagt er. Und nicht nur das: Anfang Dezember kehrten die beiden Firmengründer aus dem Silicon Valley zurück. Im Gepäck den "Oscar" der Cleantech Open, einem Wettbewerb für junge Firmen im Bereich Umwelttechnologien, der alljährlich im Mekka der Innovationen ausgetragen wird. "Unter 1000 Teilnehmern sind wir als bestes internationales Start-up ausgezeichnet worden", freut sich Echternacht.

Dass sie das Startkapital zusammenbekommen, davon ist er jetzt mehr denn je überzeugt. Die eigentliche Erfolgsprobe aber steht noch aus. "Eigentlich wollten wir die Stadtfarmen nur bauen und vermarkten", sagt Echternacht. "Jetzt aber werden wir selbst Stadtbauern, um zu beweisen, dass unser Geschäftsmodell auch funktioniert."