Banken-Skandal um Zinsmanipulation Von Schafen und Champagner - Die UBS-Protokolle

"Denk an mich, wenn du auf deiner Yacht in Monaco bist": Finanzaufseher haben interne E-Mails und Chatprotokolle von Händlern der Schweizer Bank UBS veröffentlicht. Die Dokumente zeigen, wie der Referenz-Zins Libor über Jahre manipuliert wurde - und geben Einblick in Geschäfte, für die fast täglich getrickst wurde.

Von Jannis Brühl

Wer oft gemeinsam betrügt, entwickelt mit der Zeit eine gewisse Vertraulichkeit: "Kumpel, du wirst verdammt gut in diesem Libor-Spiel. Denk an mich, wenn du auf deiner Yacht in Monaco bist", lobt ein UBS-Mitarbeiter seinen Kollegen, als der mal wieder den Referenz-Zins Libor künstlich gedrückt hat. Die Schweizer Bank muss dafür nun die Rekordbuße von 1,16 Milliarden Euro zahlen. Ihre Mitarbeiter sollen den Libor von 2006 bis 2010 manipuliert haben. Den Großteil muss die für Japan zuständige Tochter zahlen. Auch in Hongkong wird seit Donnerstag gegen die Bank ermittelt.

Auf insgesamt 107 Seiten haben die Finanzaufseher in Großbritannien (PDF) und der Schweiz (PDF), die US-Derivatbehörde (PDF) sowie das US-Justizministerium (PDF) Beispiele für die Absprachen der Händler in Chats, Telefonaten und E-Mails veröffentlicht. Die Dokumente zeigen, wie die Händler sich in kumpelhaften Ton mit den Mitarbeitern absprachen, die die Eingaben der UBS in das Libor-System verantworteten. Die Protokolle geben einen Einblick in das Denken mancher Banker, für die Manipulation praktisch zum täglichen Geschäft gehörte. Und sie könnten unzählige Zivilklagen auslösen - denn nach dem Libor richten sich viele Zinssätze. In den USA läuft bereits eine Klage von Hausbesitzern, die glauben, wegen der Tricks zu hohe Hypothekenraten bezahlt zu haben.

Die London Interbank Offered Rate, kurz Libor, ist ein Referenz-Zinssatz. Er berechnet sich aus den Eingaben der Banken: Sie übermitteln jeden Morgen den Zins, zu dem sie selbst sich Geld leihen können. Ermöglicht wurden die Tricks durch die Naivität der Regulierungsbehörden: Sie ließen die Banken unbeaufsichtigt die Zinssätze angeben, die sie wollten - und nicht die, zu denen sie tatsächlich Kredite bekamen. Der Libor beeinflusst den Preis vieler Finanzderivate wie Swaps und Optionen. Von ihm sind Geschäfte im Wert von mindestens 300 Billionen Euro abhängig. Teils allein, teils in Absprache mit Tricksern bei anderen Finanzfirmen, drückte die UBS den Zins in die Richtung, von der sich ihre Händler höhere Gewinne erhofften. Durch manipulierte Zinsen abgesichert, machten die Derivatehändler gute Geschäfte. Ihre ahnungslosen Handelspartner in anderen Banken nannten sie nur "Schafe". Ein Händler schrieb, ein Kollege schicke "höhere Zahlen raus als er tatsächlich denkt. Hoffentlich werden die Schafe das einfach übernehmen." Geschrieben sind die Nachrichten im Slang der Trading Desks, die an SMS von Teenagern erinnert: Keine Großbuchstaben, Zwinker-Smileys, Abkürzungen. Die Briten reden sich mit "mate" an, die Amerikaner mit "dude".

In den Behördendokumenten sind die Banker anonymisiert worden zum Beispiel als "Leitender Yen-Händler" oder als "Derivat-Broker C". Die Identität zweier Händler ist jedoch mittlerweile bekannt: Das Justizministerium in Washington hat Anklage wegen elektronischen Betrugs, Preisabsprache und Verschwörung gegen die ehemaligen UBS-Mitarbeiter Tom Hayes und Roger Darin erhoben. Vor allem der 33-jährige Brite Hayes - in den Dokumenten "Trader A" genannt - war ein Star in den Handelsräumen der UBS. Für sie soll er in drei Jahren 260 Millionen Dollar verdient haben. Er wusste, wie er Leute manipulieren musste, damit sie den Libor manipulierten: Er nannte seine Leute: "Superman" und bat sie: "Sei heute ein Held!" Mancher zeigte trotzdem Skrupel: "Ich setze den Libor nicht sieben Basispunkte weit von der Wahrheit weg." Nach Verhandlungen mit Hayes einigten sich die zwei auf zwei Basispunkte unterhalb des tatsächlichen Zinses.

US-Justizminister Eric Holder sagte: "Sie haben vor allem betrogen, um höhere Profite und Boni für sich selbst einzustreichen." Es ging aber auch um den Ruf der Bank. In Krisen fürchten Geldhäuser, gegenseitiges Misstrauen könnte den Interbanken-Handel - ihre Kreditvergabe untereinander - abwürgen. In einem Chat erklärte ein UBS-Mann, die Tricks sollten Schlagzeilen verhindern, dass die Bank verzweifelt sei: "Wir wollen dem Markt keinen falschen Eindruck geben. Wir haben keine Probleme, an Cash zu kommen. Deshalb wollen wir keinen hohen Libor."

Die Ermittler zählten insgesamt 26 beteiligte Mitarbeiter und mehr als 1000 Manipulations-Anfragen. Das System funktionierte dank kleiner Geschenke. Über einen Broker, der Händlern besonders oft "Gefallen" tat, heißt es: "Er findet eine jährliche Lieferung Champagner ok und ab und zu einen kleiner Bonus." Manchen wurde offen Geld geboten: "Wenn du den Sechser-Libor heute unverändert lässt, werde ich einen fucking Riesendeal mit dir machen. Tust du das, zahle ich dir, du weißt schon, 50.000 Dollar, 100.000 Dollar." Im Libor-Skandal könnten 2013 anderen Banken ähnliche Enthüllungen bevorstehen. Auch gegen die Deutschen Bank wird ermittelt.