Armutsbericht Eins und eins macht drei

Wie sieht es in Deutschland mit der Armut aus? Der Paritätische Wohlfahrtsverband zieht aus seinen Zahlen Schlüsse, die nicht zulässig sind.

Von Nikolaus Piper

Was eigentlich ist Armut? Über die Frage wird oft und erbittert gestritten. Besonders dann, wenn der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen Armutsbericht vorlegt. Diese Woche war es wieder soweit. Laut Bericht waren voriges Jahr 15,4 Prozent der Menschen in Deutschland arm, trotz Aufschwung nur etwas weniger als 2014 (15,5 Prozent). In einigen Bundesländern ist die Armutsquote immerhin deutlich stärker zurückgegangen, in Berlin etwa von 21,4 auf 20,0 Prozent und in Bremen, dem Armenhaus, von 24,6 auf 24,1. Anderswo dagegen stieg die Quote, in Nordrhein-Westfalen (von 17,1 auf 17,5 Prozent) und, ja, in Bayern (von 11,3 auf 11,5). Zu Recht machte dies Detail aus dem Bericht Schlagzeilen. Mehr Arme ausgerechnet im wohlhabenden Bayern?

Es lohnt sich, den Bericht daher etwas genauer anzusehen. Der Sozialverband muss für seine Zahlen regelmäßig heftige Kritik einstecken. Zum Beispiel dafür, wie er Armut definiert. Arm ist danach, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Das würde ja bedeuten, sagen die Kritiker, dass das Durchschnittseinkommen sich verdoppelt und die Armutsquote immer noch gleich bleibt. Das stimmt zwar, trotzdem trifft der Einwand nicht, und zwar aus zwei Gründen. Armut kann, erstens, sinnvollerweise nur relativ gemessen werden. Arm ist, wer nicht mehr normal am Leben der Gesellschaft teilhaben kann, und das bedeutet in München etwas anderes als in einer afrikanischen Stadt. Mit einem deutschen Hartz-IV-Satz gehört man in Eritrea zum Mittelstand, vom Monatseinkommen eines Armen aus Eritrea lebt man in München nicht einmal einen Tag lang. Zweitens verwenden die Statistiker keine Durchschnittseinkommen, sondern das "mittlere" oder "Median-Einkommen". Dabei werden die Einkommen der einzelnen Haushalte gedanklich vom reichsten bis zum ärmsten aufgereiht. Der Haushalt genau in der Mitte liefert den gesuchten Wert. Dessen Vorteil ist, dass er unempfindlich gegen Extreme ist. Selbst wenn Warren Buffett und Bill Gates gemeinsam nach Bremen ziehen würden, änderte das am Median, und damit an der Armutsquote, kaum etwas.

Vorwerfen muss man dem Sozialverband allerdings, dass er aus seinen Zahlen Schlüsse zieht, die nicht zulässig sind. So wird behauptet: "Die Entwicklung der Armut scheint von der wirtschaftlichen Entwicklung und der Entwicklung des gesamtgesellschaftlichen Reichtums mehr oder weniger abgekoppelt." Dies sei ein Indiz dafür, dass es sich bei der Einkommensarmut "weniger um ein wirtschaftliches als ganz offensichtlich um ein politisches Problem handelt". Genau dafür sind die Zahlen eben kein Indiz.

Offenkundig sind im vorigen Jahr die Einkommen auf breiter Front gestiegen, deshalb ist die Armutsquote gleich geblieben. In einigen Problemzonen, wie Berlin, haben sich Probleme entschärft, in Bayern sind die mittleren Einkommen besonders stark gestiegen (was bei dem Arbeitsmarkt hier kein Wunder ist), wodurch die Armutsquote, rein rechnerisch, steigt. Letzteres ist, wohlgemerkt, eine Spekulation, aber eine, die die Zahlen des Armutsberichts nahelegen.

14,4

Prozent der über 65-Jährigen in Deutschland gilt nach den Zahlen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes als arm. Vor zehn Jahren waren es erst 11,0 Prozent. Hier zeigt sich ein zentrales Problem für die Zukunft: Menschen, die fürs Alter nicht ausreichend vorgesorgt haben oder dies, etwa wegen langer Arbeitslosigkeit, nicht konnten, gehen jetzt in Rente

Selbstverständlich bleibt die Armut in Deutschland bedrückend. Aber der Bericht des Verbandes lässt, wenn man ihn sorgfältig liest, hoffen, dass auch Arme von der guten Konjunktur profitieren werden. Jedenfalls ist nicht so ganz zu verstehen, wie sich aus diesen Zahlen der alarmistische Ton des Verbandes und seine Forderung nach einem "sozial- und steuerpolitischen Kurswechsel" ableiten lässt.

An dieser Stelle schreiben jeden Freitag Nikolaus Piper und Thomas Fricke im Wechsel.