Arcandor Rettungschancen schwinden

Die Situation bei Arcandor soll sehr viel bedrohlicher sein als bislang bekannt: Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung zahlt der Konzern seine Mieten nicht mehr.

Von S. Weber und H. Einecke

Unter dem Druck der drohenden Insolvenz der Karstadt-Muttergesellschaft Arcandor steigt die Wahrscheinlichkeit für ein Zusammengehen der beiden großen Warenhausketten Karstadt und Kaufhof. Denn die Situation bei Arcandor ist sehr viel bedrohlicher als der Konzern bisher eingeräumt hat.

Dunkle Wolken über Arcandor: Das Handels- Und Reiseunternehmen hat offenbar seine Mietzahlungen eingestellt.

(Foto: Foto: AP)

Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung soll der Konzern seit Freitag keine Mieten mehr bezahlen. Das habe Vorstandschef Karl-Gerhard Eick bei dem Krisentreffen im Wirtschaftsministerium eingeräumt. Nach der Veräußerung sämtlicher Warenhäuser vor zwei Jahren ist der Konzern an allen Standorten nur noch Mieter.

Die jährliche Mietzahlung summiert sich auf knapp 350 Millionen Euro. Metro-Chef Eckard Cordes hat bei dem Treffen im Wirtschaftsministerium erneut angeboten, dass die Kaufhof-Muttergesellschaft Metro 60 der insgesamt 91 Karstadt-Standorte übernimmt. Damit würde der Konzern eine Vorschrift umgehen, wonach der bei einem Eigentümerwechsel von 90 Prozent der Standorte auch die Firmenzentrale übernommen werden muss.

An der Hauptverwaltung von Karstadt, in der etwa 1200 Mitarbeiter beschäftigt sind, hat Kaufhof kein Interesse. In unternehmensnahen Kreisen heißt es, in einem gemeinsamen Konzern gebe es allenfalls Jobs für 300 bis 400 Mitarbeiter aus der Karstadt-Zentrale.

Erhebliche Risiken

Auch ein Gutachten, das die Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers (PwC) im Auftrag der Bundesregierung angefertigt haben und das der Süddeutschen Zeitung vorliegt, beschreibt die Situation bei Arcandor als sehr bedrohlich.

Danach hat der Konzern, zu dem neben den Karstadt-Warenhäusern, der Quelle-Versand und das Reiseunternehmen Thomas Cook gehören, im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2008/09 (zum 31. März) unter dem Strich einen Verlust von 603 Millionen Euro gemacht. Das Eigenkapital ist auf 177 Millionen Euro geschmolzen und macht nur noch ein Prozent der Bilanzsumme aus.

Die Situation im Warenhausgeschäft hat sich allerdings etwas entspannt: Karstadt erwirtschaftete einen Betriebsgewinn von sieben Millionen Euro. Den Finanzbedarf von Arcandor in den nächsten fünf Jahren beziffert PwC mit 2,1 Milliarden Euro. In diesem Umfang müssten Kredite abgelöst, Restrukturierungskosten finanziert und Vermögenswerte an einen Pensionsfonds übertragen werden.

Das Restrukturierungskonzept bezeichnen die Wirtschaftsprüfer zwar als "weitgehend plausibel". Sie sehen jedoch bei der Umsetzung schon deshalb erhebliche Risiken, weil Arcandor "praktisch über keine freie Substanz mehr verfügt, um etwaige Fehlentwicklungen zumindest in begrenztem Umfang zu kompensieren."

Entsprechend groß sei das Risiko, dass der Bund im Fall einer Staatsbürgschaft tatsächlich haften müsse. "Von den kreditgebenden Banken wurde uns eine Ein-Jahres-Ausfallwahrscheinlichkeit von 20 Prozent mitgeteilt", heißt es in dem Gutachten.

Anweisung an die KfW

Ob der Handels- und Touristikkonzern von der Staatsbank KfW Unterstützung bekommt, ist ohnehin fraglich. Normalerweise darf das Institut nur kleinere Unternehmen mit Kredit versorgen. Im Rahmen des Konjunkturprogramms stützt sie jedoch auch größere Firmen mit bis zu 300 Millionen Euro.

Kreditanträge dieser Größenordung muss der Lenkungsausschuss der Regierung erst genehmigen, bevor die KfW diese unter die Lupe nimmt. Im Fall von Arcandor wird das Gremium voraussichtlich am Montag eine Entscheidung treffen. Beobachter rechnen mit einem ablehnenden Bescheid.

Fällt ein solcher Kredit aus, haftet der Bund, also der Steuerzahler. Außerdem gibt es eine weitere Variante in dringenden Fällen, wie etwa bei Opel, Holzmann und eben jetzt Arcandor. Die Regierung weist in Notfällen die KfW einfach an, einen bestimmten Betrag auszuzahlen.

Das nennt man ein Zuweisungsgeschäft, und auch dabei trägt der Steuerzahler das volle Ausfall-Risiko. Diese Praxis steht allerdings unter dem Vorbehalt einer Genehmigung aus Brüssel.

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