Arbeitsmarkt Immer mehr Deutsche arbeiten nicht nur zu normalen Zeiten

Arbeiter bei Nacht an einer Eisenbahn-Baustelle in Niedersachsen

(Foto: dpa)

Viele verbringen mehr als 40 Stunden pro Woche im Beruf, auch Schicht- und Sonntagsarbeit nimmt weiter zu. Doch wer unregelmäßig und viel am Stück arbeitet, gefährdet sich und andere.

Von Henrike Roßbach, Berlin

Die arbeitsmarktpolitische Idealvorstellung in Deutschland ist das Normalarbeitsverhältnis: eine unbefristete Vollzeitstelle mit Acht-Stunden-Tagen von Montag bis Freitag. Viele Konstellationen aber weichen davon ab.

Das bestätigt auch die Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linken-Bundestagsabgeordneten Jutta Krellmann zum Ausmaß atypischer Beschäftigung, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Grundlage der Daten, die das Arbeitsministerium zusammengestellt hat, sind Zahlen des Statistischen Bundesamtes.

Demnach hatten 2016 von den 37 Millionen abhängig Beschäftigten 1,7 Millionen eine Stelle mit "überlangen" Arbeitszeiten, also 4,6 Prozent. Knapp ein Viertel arbeitete "ständig oder regelmäßig" am Wochenende, knapp 14 Prozent an Sonn- und Feiertagen, knapp jeder Vierte abends und knapp neun Prozent nachts. Schichtarbeit gehörte für 15,6 Prozent zum Alltag.

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Überlange Arbeitszeiten gehen mit sinkender Leistungsfähigkeit einher

Weil die Zahl der Erwerbstätigen gestiegen ist, gibt es inzwischen auch mehr Arbeitnehmer mit langen Arbeitszeiten als vor zehn Jahren. Ihr Anteil allerdings blieb in etwa stabil: 2006 lag er bei 4,7 Prozent, bis 2012 stieg er auf 5,6 Prozent, dann sank er wieder auf 4,6 Prozent im Jahr 2012. Ähnlich stabil blieb der Anteil der Wochenend-, Abend- und Nachtarbeiter. An Sonn- und Feiertagen dagegen wird heute häufiger gearbeitet als vor zehn Jahren: Der Anteil stieg von 12,3 auf knapp 14 Prozent. Auch der Anteil der Schichtarbeitern stieg von 14,5 Prozent 2006 auf 15,6 Prozent 2016.

Problematisch können Arbeitszeiten jenseits der Norm sein, wenn sie die Gesundheit beeinträchtigen. Das Arbeitsministerium bezieht sich in seiner Antwort auf den Arbeitszeitreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin und schreibt, dass der Anteil der Beschäftigten, die ihren Gesundheitszustand als "sehr schlecht oder schlecht" einschätzten, am höchsten sei in der Gruppe derjenigen mit einer Wochenarbeitszeit von mehr als 60 Stunden. Schichtarbeiter litten häufiger unter Erschöpfung und Schlafstörungen; tendenziell gingen lange Arbeitszeiten mit sinkender kognitiver Leistungsfähigkeit und steigendem Unfallrisiko einher. Grundsätzlich hätten Beschäftigte mit Überstunden häufiger Beschwerden als solche mit "hohen Einflussmöglichkeiten" auf ihre Arbeitszeit.

Genau diese Einflussmöglichkeiten stehen derzeit im Zentrum des Tarifkonflikts in der Metall- und Elektroindustrie; die IG Metall will den Arbeitgebern ein Recht auf befristete Teilzeit abringen. Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände dagegen wünscht sich schon lange eine Lockerung des Arbeitszeitrechts, etwa eine Wochenhöchstarbeitszeit statt einer Tagesgrenze von zehn Arbeitsstunden. "Die Lebenszeit unterliegt immer stärker dem Zugriff der Arbeitgeber", kritisierte Krellmann, gewerkschaftspolitische Sprecherin ihrer Fraktion. "Sie bestimmen was, wie aber vor allem auch wann wir arbeiten müssen. Die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit verschwimmen zunehmend. Damit muss Schluss sein." Krellmann forderte, die Gesundheit der Arbeitnehmer "über ökonomische Interessen zu stellen". Flexibilität dürfe nicht "immer nur zu Lasten der Beschäftigten" gehen.

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