Abgasaffäre bei Volkswagen Rückzug von Michael Horn: Bei VW geht der Falsche

Nach allem, was bekannt ist, hat Horn sich mehr um das Unternehmen verdient gemacht als seine Managerkollegen.

Kommentar von Claus Hulverscheidt, New York

Das Stühlerücken bei VW geht also weiter, nun hat Michael Horn, der so dynamisch-jung wirkende Chef der Volkswagen Group of America, seinen Rücktritt erklärt. Klingt logisch, denn nirgendwo auf der Welt hat VW seit dem Bekanntwerden des Diesel-Abgasskandals so sehr die Pest am Hals wie in den Vereinigten Staaten. Erst am Mittwoch wurde bekannt, dass die Behörden nun außer wegen des Verdachts des Betrugs, des Verstoßes gegen Emissionsschutzgesetze sowie der Täuschung von Kunden, Behörden und Aktionären auch wegen möglicher Steuervergehen und Bankbetrugs ermitteln. Kein einziges Problem wurde unter Horn gelöst, im Gegenteil, es werden immer mehr.

Klingt also logisch, dass er geht - ist es aber nicht. Natürlich lässt sich von außen betrachtet nur schwer sagen, was im Unternehmen selbst in den vergangenen Wochen vorgefallen ist. Was Horn gegen den Strich ging, welche Fehler er gemacht hat oder was im Zusammenspiel mit Konzernchef Matthias Müller nicht funktionierte. Waren es die Verhandlungen mit den US-Behörden, die sich so schleppend gestalteten, dass ein Richter VW jüngst ein Ultimatum stellte? Oder war es das so sagenhaft missglückte Pressegespräch am Rande der Automesse in Detroit, das Horn mit initiiert hatte und an dessen Ende sein Chef tatsächlich erklärte, VW habe gar nicht gelogen?

Wenn dieser Auftritt tatsächlich eine Rolle gespielt haben sollte, dann allerdings ist am späten Mittwochabend der falsche VW-Manager zurückgetreten.

Im Gegensatz zu seinen Kollegen duckte Horn sich nicht weg

So oder so verliert Volkswagen mit Horn einen Mann, der sich gerade in den USA um das Unternehmen verdient gemacht hat. An den gefälschten Abgastests war er - man muss das nach all den Enthüllungen der vergangenen Monate mit größter Vorsicht sagen - wohl nicht beteiligt. Jedenfalls waren die Betrügereien, als der neue Amerika-Chef sein Amt im Januar 2014 antrat, schon seit Jahren im Gange. Vor allem aber kittete der 51-Jährige das Verhältnis zu den mehr als 600 VW-Vertragspartnern in den USA, die der Konzern jahrelang links liegen gelassen und mit einer völlig falschen Modellpolitik gegen sich aufgebracht hatte.

Als sich 72 Stunden nach Bekanntwerden des Skandals ganz Wolfsburg noch wegduckte, hatte Horn den Mumm, in New York vor die internationale Presse zu treten. Als andere noch herumdrucksten, nannte er die Dinge beim Namen ("Wir haben richtig Mist gebaut!"). Und als Managerkollegen noch zwischen relativieren und sich in den Staub werfen changierten, absolvierte er einen couragierten Auftritt vor dem zuständigen Ausschuss des US-Repräsentantenhaus, bei dem er Reue zeigte, ohne vor den Abgeordneten zu Kreuze zu kriechen.

Mag sein, dass sich Horn etwas hat zuschulden kommen lassen, das eine Trennung rechtfertigt. Das wäre beispielsweise dann der Fall, wenn er doch früher von den Betrügereien wusste, als er bisher zugegeben hat. Sollte er allerdings nur das Bauernopfer des Herrn Müller gewesen sein, wird sich dieser Schachzug rasch als verhängnisvoller Fehler erweisen. Die Verantwortlichen für das VW-Debakel und die schleppende Aufklärung - daran werden noch so viele "einvernehmliche Trennungen" nichts ändern -, sie sitzen nicht in der Zentrale der VW Group of America im US-Bundesstaat Virginia. Sie sitzen in Wolfsburg.

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