16. Februar 2013 10:56 Kurznachrichtendienst Twitter Vom Gekritzel zum Milliardenkonzern

140 Zeichen eines Jugendlichen aus Kairo neben der Nachricht des amerikanischen Präsidenten: Twitter startete als egalitäre Kommunikationsplattform. Heute kann ein Nutzer über den Dienst eine X-Box kaufen. Wie sich Twitter wandelt und in Zukunft professionell Geld verdienen will. Porträt eines Netzwerks.

Von Benjamin Romberg und Nakissa Salavati

Eine weltumspannende Plattform für Informationen, Meinungen und Geplapper - so startete Twitter vor fast sieben Jahren. Jetzt können Nutzer über das soziale Netzwerk sogar einkaufen. Das Unternehmen wandelt sich, es will vor allem eins: Geld verdienen. Wie schafft Twitter das? Wie lassen sich Kommerz und freie Kommunikation vereinbaren? Und haben die Twitter-Nutzer nichts Besseres zu tun?

Der Ursprung

Die erste Skizze ist mit Kuli auf einen Block gekritzelt, mit ein paar Schnörkeln verziert - ganz so, als hätte da jemand Langeweile gehabt. Das Gekrakel stammt von Jack Dorsey, späterer Mitbegründer von Twitter. 2006 geht Dorseys (@jack) erster Tweet online: "just setting up my twttr". Es ist der Beginn einer freien, egalitären Kommunikationsplattform: Jeder Nutzer kann darauf 140-Zeichen-lange Nachrichten gleichermaßen sichtbar hinterlassen. Der amerikanische Präsident taucht in den Nachrichtenströmen neben Jugendlichen aus Kairo, Kiew oder Köln auf.

Das Konzept

Twitter ist vor allem eines: einfach. Nutzer können Nachrichten in der Länge von 140-Zeichen bloggen, der Tweet ist sofort und für alle sichtbar. Außerdem kann der Nutzer Nachrichten anderer retweeten und verbreitet sie damit auch auf seinem eigenen Account. Ein Nutzer kann Tweets kommentieren und anderen Nutzern folgen, sodass ihre Nachrichten in seinem Profil einlaufen. Findet er sie nicht länger interessant, kann er einfach aufhören, ihnen zu folgen, in dem er ihren "Unfollow"-Button anklickt. Der unübersichtliche Nachrichtenfluss lässt sich in Listen ordnen, einzelne Nachrichten mit einem Hashtag, z.B. #aufschrei, verschlagworten. Im Gegensatz zum sozialen Netzwerk Facebook legen die Nutzer kein mit Nachrichten kommentiertes Fotoalbum an: "Auf Twitter siehst du nicht die Person, sondern was sie produziert. Du setzt dich also nicht persönlich, sondern mit dem auseinander, was sie von sich gibt", erklärte Dorsey das Konzept in einem Interview mit der Los Angeles Times.

Die Gründer

Die Idee von Twitter beginnt mit vier jungen Männern in San Francisco: Jack Dorsey, Evan Williams (@ev), Biz Stone (@biz) und Noah Glass (@noah). Die Software-Entwickler und Jungunternehmer gründen die Podcasting-Firma Odeo - und suchen nach einer simplen, konzerninternen Kommunikationsform: Kurznachrichten in Echtzeit. Die Idee für den erfolgreichen Namen Twitter (zu deutsch "Gezwitscher") hatte Glass. In seinem Twitterprofil steht: "I started this". 2006 bauen die Gründer den Prototyp zu einer mobil nutzbaren Version aus. Schätzungen zufolge investieren mehrere Kapitalfonds in den kommenden Jahren etwa 60 Millionen Dollar. Der 36-jährige Dorsey ist heute als einziger der Mitgründer noch führender Kopf der Firma.

Der Aufstieg

Die Zahlen der Nutzer steigen, und mit ihnen das Gezwitscher: 2007 werden noch etwa 400.000 Tweets in drei Monaten veröffentlicht, ein Jahr später schon eine Million, Anfang 2010 sind es pro Tag 50 Millionen. Zum sechsjährigen Jubiläum 2012 verkündet Twitter, die Plattform habe 140 Millionen Nutzer und 340 Millionen Tweets pro Tag erreicht. Ende 2012 sind es bereits 200 Millionen aktive Nutzer. Twitter fasziniert, weil es in Echtzeit funktioniert. Aus Gerüchten über ein Ereignis entsteht ein Informationsaustausch, an dessen Ende eine Nachricht stehen kann. Berühmtestes Echtzeiterlebnis: Ein Flugzeug landete 2009 im Hudson River in New York. Janis Krums befand sich auf einer Fähre und twitterte mit Foto: "There's a plane in the Hudson. I'm on the ferry going to pick up the people. Crazy."

Die Nutzer

Wer sind die Millionen Menschen, die twittern? Haben sie nichts Besseres zu tun, als Kurznachrichten über Gott und die Welt zu verbreiten? Tatsächlich hat sich Twitter zu einer Plattform entwickelt, die andere Kommunikationskanäle ablöst oder erweitert. Ein Blogger stellt seine Beiträge online - und tweetet sie. Ein Sportjournalist ist bei einem Fußballspiel dabei - und schreibt einen Tweet über die Stimmung im Stadion. Die Reichweite der Nachrichten überzeugt auch die Prominenz: Den Tweets des Papsts (@Pontifex) folgen mehr als 1,5 Millionen Menschen, Barack Obama (@BarackObama) mehr als 27 Millionen. Spitzenreiter ist Teeniestar Justin Bieber (@justinbieber) mit etwa 34 Millionen Followern - ein einfaches "Danke" retweeten dann auch mal Hunderttausende Menschen. Worüber sich auf Twitter wiederum Mr.Bean-Darsteller Rowan Atkinson lustig macht. Das digitale Gespräch läuft.

Die Einnahmequelle

Wie andere soziale Netzwerke auch macht Twitter seinen Umsatz zu großen Teilen mit Werbung. Das Unternehmen veröffentlicht keine offiziellen Zahlen, doch wenn man Expertenschätzungen glauben kann, kann sich das Wachstum in diesem Bereich durchaus sehen lassen: Im laufenden Jahr rechnet die Analysefirma E-Marketer mit Anzeigenumsätzen von etwa 545 Millionen Dollar - 2012 sollen es noch 288 Millionen gewesen sein. Der Abstand zu Konkurrenten wie Google oder Facebook ist aber noch gewaltig. Zum Vergleich: Facebook hat im vergangenen Jahr 4,3 Milliarden Dollar mit Werbung erlöst.

Derzeit experimentiert Twitter mit Anzeigen, die speziell auf die Zielgruppen der Werbekunden zugeschnitten sind. Eine New Yorker Buchhaltungsfirma berichtete dem Wall Street Journal von positiven Erfahrungen damit. Sie hat eine Anzeige geschaltet, die sich an Twitter-Nutzer richtete, die sich vor der Präsidentschaftswahl vor allem für die Steuerpolitik der beiden Kandidaten interessiert haben. 2,1 Millionen Klicks seien so auf ihre Website geleitet worden.

Die Zukunft

Immer mehr Menschen nutzen soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter über ihr Smartphone. Die Unternehmen müssen einen Weg finden, Werbung so zu platzieren, dass sie auch auf den deutlich kleineren Bildschirmen wirkt. Bei Twitter scheint das besser zu funktionieren als bei Facebook: Nach eigenen Angaben macht das Unternehmen mehr Geld mit mobiler Werbung als über seine normale Website. Konkrete Zahlen gibt es nicht.

Als Beispiel für den Erfolg von Twitter in diesem Bereich gilt allerdings die chinesische Restaurantkette P.F. Chang's. Für 25.000 Dollar kaufte sich das Unternehmen Werbung bei Twitter. Das Netzwerk bietet sogenannte "promoted tweets" an, die ganz oben bei den Suchergebnissen auftauchen, wenn ein User die entsprechenden Schlagworte eingibt. Der User erhält also längst keine ungefilterten Ergebnisse mehr. Nach Angaben von P.F. Chang's haben binnen weniger Tage vier Millionen Menschen auf den Tweet des Unternehmens geklickt oder diesen geretweetet - 70 Prozent davon über mobile Geräte. Der Versuch, diesen Erfolg mit einer zweiten Werbekampagne wenig später zu wiederholen, scheiterte allerdings. Die Werbetreibenden schlossen daraus, dass es wohl auf den richtigen Zeitpunkt ankommt.

Die neue Idee

So lange die Unternehmen vom Erfolg ihrer Werbung in sozialen Netzwerken nicht überzeugt sind, bleibt auch der elektronische Handel über Twitter, Facebook und Co. eine Zukunftsvision. Die Kreditkartenfirma American Express hat nun jedoch eine Kooperation mit Twitter gestartet: Amex-Kunden sollen künftig per 140-Zeichen-Nachricht einkaufen können, "pay-by-tweet" sozusagen. User können ihr Kreditkartenkonto mit Twitter verbinden - und wer den entsprechenden Hashtag vergibt, bekommt die Ware direkt nach Hause geliefert. Zum Beispiel Spielekonsolen, Tablet-Computer oder einen Geschenkgutschein.

Twitter selbst wird von der Partnerschaft nur indirekt profitieren. American Express gibt dem Netzwerk nichts von seinen Gewinnen ab, wie die Financial Times schreibt. Twitter hofft aber, auf diese Weise mehr Werbekunden anlocken zu können, die ihre Produkte ebenfalls per Hashtag verkaufen wollen.

Das schnelle Geld

Bei rasant wachsenden Unternehmen aus dem Silicon Valley stellt sich früher oder später zwangsläufig die Frage nach dem Börsengang. Einen Termin gibt es im Fall von Twitter bislang nicht, Analysten gehen aber davon aus, dass es sich noch um maximal zwei Jahre handeln kann. Ende Januar kaufte der Vermögensverwalter Blackrock Firmenanteile von altgedienten Twitter-Mitarbeitern im Wert von 80 Millionen Dollar. Insgesamt bewerten die Investoren den Kurznachrichtendienst mit neun Milliarden Dollar. Das klingt zunächst nach viel Geld für ein Unternehmen mit einem geschätzten Jahresumsatz von 350 Millionen Dollar, bei dem nicht einmal klar ist, ob es überhaupt Gewinne erwirtschaftet. Für Silicon-Valley-Verhältnisse ist das aber nicht ungewöhnlich - Facebook ist aktuell fast 78 Milliarden Dollar wert, obwohl der Kurs schon etwa zehn Dollar niedriger liegt als beim Börsengang im Mai 2012.

Auf das schnelle Geld ist Twitter-Chef Dick Costolo nach eigener Aussage nicht aus. Er halte einen Börsengang nicht unbedingt für notwendig, sagte er kürzlich in einem Interview mit dem Wall Street Journal. Er strebe ein nachhaltiges Wachstum für sein Unternehmen an, die Interessen der User stünden im Vordergrund. Sollte der Wert von Twitter weiter steigen, wird sich zeigen, wie ernst Costolo diese blumigen Worte meint.