Workwear Cordhosen als Code für Coolness

Das Herz war ein frühes Werbesymbol für Carhartts Workwear. Viele bisher unveröffentlichte Fotos aus dem Firmenfundus zeigt der Bildband "The Carhartt WIP Archives" (Rizzoli-Verlag).

(Foto: Imago Stock)

Was Arbeiter in den USA einst als Berufskleidung trugen, dient Rappern heute als Uniform - und beeinflusst weltweit den Streetstyle. Der Kult verkörpert eine kollektive Sehnsucht.

Von Dennis Braatz und Max Scharnigg

Das englische Wort "wear" bedeutet eigentlich nur Kleidung. Derzeit werden mit diesem Suffix aber allerhand Modetrends veredelt. Zuerst kam die Sportswear und machte Laufjacken und Sneakers chic, dann brachte uns die Yogawear schwarze Leggings und Trikots.

Zuletzt waren alle verrückt nach Athleisurewear, die streng genommen nur eine Kombination aus beiden vorangegangenen Trends war und Laufjacken zu Leggings empfahl. Bei allem Fitnesswahn: Besonders abwechslungsreich war das nicht gerade. Weshalb auch derzeit nun die Workwear mehr Aufmerksamkeit bekommt, nüchtern übersetzt: die Berufskleidung.

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Es geht dabei aber nicht um Ärztekittel oder Bäckerschürzen, sondern um den Look von nostalgischen Autoschraubern, ehrlichen Gerüstbauern und Goldgräbern, wie er sich vor allem mit den Produkten uramerikanischer Kleidermarken erzielen lässt.

Die derben Lederboots von Red Wing aus Minnesota und die Raw-Denims von Levi's etwa dürften den meisten längst bekannt sein. In den Fußgängerzonen sind sie zu Klassikern geworden. Dazu gesellen sich jetzt Mechanikerhemden mit großen Taschen auf der Brust, Cargo- und Latzhosen mit Laschen für den Hammer und schwere Ledergürtel, die so aussehen, als könnte man sich damit auch auf einer echten Ranch sehen lassen.

Carhartt ist eine der erfolgreichsten Marken, die in diesem Workwear-Kontext entstanden ist - und die gerade wieder einen Aufschwung erlebt: Der Rapper Asap Rocky wählte vor Kurzem zur Aftershowparty des Metballs eine Weste. Rihanna trägt die Mützen, Kanye West die Jacken. Und das französische Überlabel Vêtements lud zu einer Hemdenkooperation, die Anfang des Jahres im Pariser Departmentstore Colette verkauft wurde.

Das ist viel neuer Schwung für eine ziemlich alte Marke. Gegründet wurde Carhartt bereits 1889 in der Industriemetropole Detroit. Mit gerade mal vier Nähmaschinen und fünf Angestellten begann Hamilton Carhartt damals mit der Herstellung von extradicken Hosen aus orangebraunem Canvas. Die Teile wurden schnell unter Schienenbau- und Ölbohrarbeitern beliebt (Levi's war zu der Zeit mit seinen blauen Denims schon die Marke der Cowboys). Was den Männern vor allem gefiel, war die Allwetter- und Stichfestigkeit der Produkte.

An ihrer Machart hat sich bis heute kaum etwas geändert: das Hosenmodell "B01 Men's Firm Duck Double-Front Dungaree" mit verstärktem Kniebereich etwa wird seit 1932 erfolgreich verkauft. Carhartt ist damit in den USA bis heute einer der bekanntesten Hersteller für Berufskleidung - auch ganz unabhängig von Rappern und französischen Kollaborationen.

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Einer, der aber das modische Potenzial der Marke früh erkannte, war der Schweizer Jeanshersteller Edwin Faeh. 1989 begann er mit dem Import von Carhartt-Kollektionen nach Europa. "Arbeiterhosen, die in den USA 19 Dollar gekostet haben und hier dann 100 Mark", sagt er.

Schon damals kein Schnäppchen, teilweise bedingt durch Mehrwertsteuer und Einfuhrzoll, vor allem aber, weil Faeh es mit diesen Importen nicht auf Baustellen, sondern auf eine trendbewusste Zielgruppe abgesehen hatte. Die Skater und Hip-Hopper der MTV-Generation hatten die Blue-Jeans-Welle damals gerade in all ihren Spielarten durchexerziert und brauchten eine neue Uniform.