Wohnen Der Balkon, ein seltsam halbprivater Raum

Balkone in München

(Foto: imago/Westend61)

Früher reichte es, wenn da Pflanzen standen. Heute muss der Balkon kuratiert werden, mit Hochbeeten und Designermöbeln. Unser Autor über die Verwandlung eines Orts, wo man in Unterhose draußen sein darf.

Von Max Scharnigg

Die Sache mit unserem Balkon war ein Drama in drei Akten. Es begann mit dem Wort "Küchenbalkon" das verführerisch in einer Wohnungsanzeige stand. Küchenbalkon ist ein magisches Wort, genau wie Streuobstwiese oder Kräuterlimonade. Botschaft: Rücken Sie vor bis zum guten Leben! In echt entpuppte sich der Küchenbalkon als schlichter Stahlbetonvorsprung, groß wie ein Duschhandtuch. Er stand auch nicht im rechten Winkel von der Hauswand ab, sondern hatte ein so deutliches Gefälle, dass man darauf seekrank wurde. Wegen des Gefälles und der Größe, war er nur einzeln zu betreten. Wir hatten bei Partys also nicht nur eine Schlange vor dem Klo, sondern auch vor dem Balkon. Trotzdem war es natürlich gut, ihn zu haben. "Gerne mit Balkon" sind ja nicht von ungefähr die letzten Worte fast jeder Anzeige, mit der nach Wohnraum in der Stadt gesucht wird. Balkon ist wichtiger als Badewanne. Balkon ist wichtiger als das, wohin der Balkon zeigt. (Bei uns: Norden und Mülltonnen). Eine Wohnung mit Balkon ist eine Wohnung mit Hoffnung. Und sei es nur, weil man darauf brennende Pfannen entsorgen kann.

In Unterhose ins Treppenhaus? Nein. Auf den Balkon? Kein Problem!

Ein Vergleich mit den anderen schiefen Balkonen am Haus brachte die Gewissheit: Mit zwei alten Basilikumtöpfchen, diversem Leergut und vollen Aschenbechern plus Sportklamotten-Lüftungsprogramm, lag man im guten Mittelfeld der Balkongestaltung. Denn obwohl alle einen Balkon wollen, wissen eigentlich die wenigsten eine würdevolle Verwendung dafür. Bei einem Drittel sah es aus, als hätten sie ihren Küchenbalkon einfach vergessen. Vielleicht schauten sie aber auch nur gerne den Tauben bei der Vermehrung zu.

Wer darf was und wenn ja, wie lange?

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Es ist auch ein seltsam halbprivater Raum. Einerseits ist der Balkon das Erste, was man von einer Wohnung sieht, ein Aushängeschild. Die heutigen Wohnungszuschnitte unterscheiden dabei nicht mehr zwischen Schmuckbalkon zur Straße und Wirtschaftsbalkon zum Hof. Andererseits hat der Freisitz Direktzugang zu unserer Privatsphäre und wird deshalb oft mit einem Zimmer verwechselt. Durchs Treppenhaus würde man nicht in Unterhosen laufen, aber so mal schnell den Rosmarin überwässern? Kein Problem! Diese Semi-Öffentlichkeit führte zur unrühmlichen Markisen- und Sichtblendenindustrie. Das viel zitierte Kleinidyll "Balkonien" ist eben nur dann eines, wenn man sich dabei nicht allzu ausgeliefert fühlt.

Leben in der Stadt hat einen Nachteil. Es findet meistens in vier bis zwölf Metern Höhe statt. Die wenigsten haben eine Terrassentür zum Garten. Ein Balkon ist deswegen vor allem eine Hilfestellung. Man nimmt damit am Draußen teil, ohne wirklich hinaus zu müssen, was in verschiedenen Phasen des Lebens sehr hilfreich ist. Keine Wetter-App kann die gefühlte Temperatur so nahe bringen, wie ein paar Sekunden Balkon. Keine Parkbank liegt so nahe, wie ein eigener Sitz, auf dem man die Frühlingssonne abschöpft. Man steht da vor dem Zubettgehen kurz noch unterm weiten Himmelszelt.

Aber der Balkon ist nicht nur für die Bewohner, er ist auch für sein Haus gut. Er lockert die Fassaden, gibt dem schweifenden Blick des Flaneurs Haftpunkte und ist als kunstvolle Metallbalustrade Aufwertung für das Stadtbild. Moderne Architekten kennen aber den Privatwunsch ihrer Bewohner, deswegen wucherten im letzten Jahrhundert brutalistische Kästen an den Wänden. Le Corbusier etwa bescherte in seiner "Wohnmaschine" in Marseille zwar jeder Wohnung einen Sonnenplatz, er achtete aber auch darauf, dass die Loggien blickdicht abgetrennt waren. So sitzt jeder in seiner Wabe und in der Illusion, die Sonne würde nur für ihn scheinen.

Irgendwann wurde die Neigung unseres Küchenfreundes zu bedenklich, es kamen Architekten, dann Handwerker. Sie entfernten die Balkone, rissen ein Dutzend Kräutertöpfe mit in den Abgrund und schraubten eine Sperrholzplatte vor die Tür. Jetzt war die Küche sehr klein. Wer keinen Balkon mehr hat, dem fehlt er wie ein dringend benötigtes Überdruckventil.

Das Leergut in den Flur

Die Amputation fiel in eine Zeit, in der die Städte ihren dritten Frühling erlebten. Die Menschen machten Flachdächer und Verkehrsinseln urbar, sie wollten Nutzpflanzen und -tiere wieder in die City einladen. Der Balkon war das Epizentrum dieser Bewegung. Nirgends sonst war die Stadt so nahe an der ersehnten Landlust, wie auf den Vorzeigebalkonen, die in Blogs kursierten: mit Hochbeet, Kletterzucchini, vierstöckigen Blattsalaten und Mini-Kompost. "Gärtnern ohne Garten", "Selbstversorgung auf engstem Raum", "Handbuch Bio-Balkongarten" - wenn es nach den Ratgebern ging, waren die neuen Grünstädter im Begriff, den Balkon zur Nutzfläche umzuackern. Dabei hat er historisch keinen rustikalen Charakter. Bei Minnesängern, "Romeo und Julia" und in der Romantik war er ein edler Standort. Und bei Adelshochzeiten und anderen Proklamationen dient er bis heute als Felsvorsprung über dem Volk auf der Erde. Diese Erde aber, wanderte jetzt in Bio-Qualität in die Höhe.

Es dauerte ein Jahr, bis die Sperrholzplatte weg war. So lange überlegte das Denkmalamt, wie und ob uns neue Balkone wachsen könnten. Der Jugendstil zog letztlich den Kürzeren. Auf massiven Stelzen wurden große Plattformen angeflanscht, auch ans Nebenhaus, wo es nie Balkone gegeben hatte. Auf einmal hing der kleine Hinterhof voller verzinktem Stahl und voller Freiluft-Visionen. Links unten entstand ein maritimes Strandkorb-Idyll, links oben kesselten bald Kugelgrille, extra für den Balkon. Die Geschäfte waren auf unseren Ansturm vorbereitet, mit LED-Außenleuchten und Reling-Radios, Designermöbeln und Miniaturgemüse. Jeden Frühling schreit seither die Außenfläche: Mach was aus mir! Hört man weg, hat man Schuldgefühle wie bei einer ungenutzten Karte fürs Fitnessstudio. Nein, der Balkon ist heute zu kuratieren. Und das Leergut sammeln wir vorsichtshalber im Flur.

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