Schonkost von Tim Raue Vegane Sterneküche für daheim

Tim Raue, Inhaber eines mit zwei Michelinsternen bekrönten Berliner Restaurants, hat für den Münchener Lieferservice "Pure Delight" ein sogenanntes Cleanse für den "Healthy Lifestyle" entwickelt.

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Die Fastenzeit ist vorbei. Zum Glück! Unsere Autorin hat die vegane Schonkost getestet, die Sternekoch Tim Raue für einen Lieferservice entwickelt hat. Keine gute Idee.

Von Harriet Köhler

Es ist immer ein Jammer, wenn Essen im Kühlschrank verkommt - einfach nur, weil man keinen Appetit hat oder die Vorräte vergessen. Wenn man jedoch eine Portion Suppe sehenden Auges vergammeln lässt, die grob überschlagen 20 Euro gekostet hat und für deren Rezeptur ein Sternekoch verantwortlich war? Dann ist da etwas schiefgegangen, und zwar gehörig.

Von vorne. Tim Raue, einer der profiliertesten Köche des Landes und Inhaber eines mit zwei Michelinsternen bekrönten Berliner Restaurants, hat für den Münchener Lieferservice "Pure Delight" ein sogenanntes Cleanse für den "Healthy Lifestyle" entwickelt, also ein mehrtägiges, veganes Ernährungsprogramm, das aus Frühstück, Lunch, Snack, Dinner und Saft besteht und frei ist von aller Industrie, von Zucker und Gluten. Das ist schon mal lustig, weil Raue wahrscheinlich der einzige Sternekoch ist, der schon Rezepte veröffentlicht hat, in denen 2,99-Euro-Peking-Enten-Fertigsauce aus dem Asialaden eine entscheidende Rolle spielt. Aber es macht auch stutzig: Sterneküche, die nach Hause geliefert wird?

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Der Karton, den einem der Overnight-Kurier morgens in den Flur knallt, ist mit Stroh isoliert. Und das erinnert einen überhaupt erst daran, dass die darin enthaltene Orgie aus Schraubgläsern, Schalen, Fläschchen und Tütchen für die Umwelt schon mal nicht sonderlich healthy ist. Immerhin: Die Tiegelchen sind so minimalistisch-schick, dass man sie fast über dem Waschbecken aufreihen will statt im Kühlschrank. Und, wie schmeckt es, das "Real Food to Glow"? Tja. ("Glow" scheint übrigens nicht unwichtig zu sein, wirken manche Clean Eater doch geradezu besessen von der fixen Idee, das richtige Essen verhelfe zu einem rosig schimmernden Teint.)

Für das Menü-Verständnis sind drei Anrufe nötig

"Passionsfrucht-Pudding mit Mango & Tapioka" heißt ein Frühstück. Das klingt erst einmal ganz gut - aber um dann auch so zu schmecken, müsste das Obst, das sich um nett knorpelige Tapiokakügelchen schmiegt, dann doch von besserer Qualität sein. Oder der "Porridge mit Johannisbeere & Haselnuss": Haferbrei hat man im Winter ja gern, zumal dieser hier durch Mandelmilch eine angenehm marzipanige Süße abkriegt. Nicht schlecht, aber eben auch nicht sonderlich raffiniert. Und wo stecken eigentlich die Zubereitungshinweise, die einem verraten, ob man den Brei aufwärmen soll und wenn ja, wie man ihn in einen Topf umfüllt, ohne ihn mit der Johannisbeerschicht zu vermischen?

Auch beim "Püree von Kürbis & weißen Bohnen mit Ingwer & Kumquat" ist nicht klar, ob man es kalt oder warm genießt. Und beim "Kopfsalat mit Pak Choi & Yuzu Béarnaise" muss man erst in München anrufen, um zu erfahren, dass das fehlerhaft etikettierte Dressing mit der in einem weiteren Tiegel befindlichen veganen Béarnaise vermischt wird (insgesamt sind für das Menü-Verständnis drei Anrufe in München nötig). Was bei der Saucenmischung rauskommt, ist tatsächlich nicht schlecht, rettet jedoch leider nicht den Kopfsalat, der bereits braune Ränder hat. Zumal unten in der Schale der blanchierte Pak Choi im eigenen Kochwasser schwimmt - unschön, zumal das Wasser das eigentlich schmackhafte Dressing bis zur Unkenntlichkeit verdünnt.

Und dann die Salate. Die werden zum Teil in kompostierbaren Plastikschalen angeliefert, was sich als praktisch erweist, sobald man den Inhalt genauer unter die Lupe nimmt. Der "Spinatsalat mit Sesam & Chili Dressing" liegt bereits so erschlafft auf seinem Bett aus Selleriepüree, dass es auch dem sonst alle Geschmäcker gleichmäßig übertünchenden Chili-Dressing nicht gelingt, das zu überspielen. Und der Feldsalat, der die "Geschmorte Topinambur mit Champignoncreme & Haselnuss" wohl ursprünglich auffrischen sollte, ist nicht nur welk, sondern kurz vor der Verrottung. In seiner Unappetitlichkeit lenkt er aber wenigstens von der hässlich grauen, nichtssagenden Champignoncreme ab, die den kalten Topinambur eher erdrückt als umspielt. Und wieder soll es hier das Chili-Dressing richten. Man hat Raue manchmal vorgeworfen, dass seine Küche zu süß, zu scharf, zu viel von allem ist - im Fall dieser Salatsauce stimmt das.

Immerhin: Schlank macht die Kur - den Geldbeutel

Auch andere Gerichte haben Mängel. Beim "Rote Bete Gemüse" liegen die gebackenen Betebrocken zwar hübsch pink auf einer süßlichen Zwiebelcreme, sind allerdings so riesig, dass weder die zart scharfe Himbeervinaigrette noch der knusprige, karamellisierte Buchweizen sie zum Leben erwecken können. Das "Massaman Curry mit Linsen & lila Kartoffeln" ist dann nicht schlecht, aber letztlich bloß Thai und Indisch fusioniert - mit Chips obendrauf, die wirklich fade sind. Und bei der "Karotte mit Passionsfrucht, Ingwer & Koriander" sollten die Babymöhren eigentlich Grund haben zu jubilieren angesichts einer pikanten, mit Ingwer und Kumquatscheiben aufgefrischten Passionsfruchtsauce. Doch leider ist das Wurzelgemüse selbst so geschmacksfrei, dass einem die Vergleiche ausgehen.

Was ist also schiefgegangen, wenn einem am dritten Healthy-Lifestyle-Tag endgültig der Appetit auf die Petersilienwurzelsuppe im Kühlschrank vergangen ist? Die Umsetzung ist es. Fehlende Anleitung, qualitativ mäßige Zutaten, eine undurchdachte Zubereitung und dann noch das Frischeproblem: Das kann kein Sternekoch der Welt retten. Die sich allzu oft wiederholenden Zutaten (Kumquat, Passionsfrucht, Chili-Dressing) dagegen hätte auch jeder Azubi vermeiden können.

Immerhin: Schlank macht die Kur - nämlich den Geldbeutel: Ab 185 Euro gibt es das Drei-Tage-Cleanse. Für die Summe bekäme man locker drei Businesslunch-Menüs bei Tim Raue und wäre hinterher auch nicht kränker als zuvor.

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