Kreislaufwirtschaft Pulli zu mieten

Neuer Trend? Recyclebare Pullis.

Mietmode statt Wegwerf-Kleidung: Für fünf Euro im Monat lässt sich bei einer niederländischen Firma Alltagskleidung leasen. Das spart Platz im Kleiderschrank und schenkt ein gutes Gewissen.

Von Sonja Salzburger

Ein T-Shirt für 4,99 Euro, eine Jeans für 9,99 Euro - mit Schleuderpreisen versetzen heute viele Discounter ihre Kunden in Kaufrausch. Sieben Paar Jeans sollen Deutsche und Niederländer im Schnitt besitzen, jeder Deutsche kauft pro Jahr etwa zwölf bis 15 Kilogramm Kleidung. Für viele scheint es keine besseren Seelentröster zu geben als eine pralle Einkaufstüte und einen überfüllten Kleiderschrank.

Bert van Son will das ändern. Der Niederländer zeigt sich überzeugt, dass man nicht viele Klamotten benötigt, um sich stilsicher anziehen zu können. Warum Kleidung kaufen, wenn man sie auch mieten kann?

Seine jüngste Geschäftsidee: "Lease a Fleece" - ein Pullover, den man nicht kaufen, sondern leasen kann. Per Crowdunding suchte der Niederländer nach Unterstützern. 45.000 Euro benötigte er, um die Produktion starten zu können, beinahe 52.000 Euro sind es geworden. Ende Februar wird er den Pullover auf seiner Website und in ausgewählten niederländischen Modegeschäften anbieten.

Nach einem Jahr nimmt der Hersteller den Pulli zurück

"Lease a Fleece" funktioniert folgendermaßen: Der Kunde hinterlässt für einen Pullover 20 Euro Pfand und verpflichtet sich per Vertrag, jeden Monat fünf Euro Leasinggebühr zu bezahlen. Der Pullover bleibt im Besitz der Firma Mud Jeans, die garantiert, ihn zu flicken, falls er kaputt gehen sollte. Nach einem Jahr kann der Kunde den Pullover zurückgeben oder weitere 20 Euro investieren, um das Kleidungsstück so lange zu tragen, wie er möchte. Wenn der Kunde den Pullover irgendwann leid ist, soll er ihn nicht wegwerfen oder in die Altkleidersammlung geben, sondern muss ihn Mud Jeans zurückschicken. Dafür bekommt er eine Gutschrift von 20 Euro, die er in das nächste Kleidungsstück des Labels investieren kann. Mud Jeans verspricht, die zurückgegebenen Pullover nicht in den Müll zu werfen, sondern als Second-Hand-Ware zu verkaufen oder zerkleinern zu lassen, um die Baumwollfasern wiederzuverwerten.

Ganz neu ist das Prinzip der Mietklamotten nicht. Für Arbeits- und Sportkleidung gibt es schon lange einen Markt. Auch teure Anzüge und Abendkleider kann man ausleihen. Dahinter steckt die Idee, dass es sich nicht lohnt, viel Geld in eine glamouröse Robe zu investieren, wenn man die Anlässe, zu denen man so ein Kleidungsstück trägt, an einer Hand abzählen kann. Klamotten zu mieten, die man jeden Tag anziehen kann, ist dagegen neu.

Mud Jeans vermietet auch Jeans

Der Pullover ist das zweite große Leasing-Projekt von Mud Jeans. 2013 brachte das Label verschiedene Jeansmodelle auf den Markt, die Kunden entweder leasen oder regulär kaufen können. Bisher hat das Unternehmen über 1500 Jeanshosen verleast und 1000 Stück verkauft. Reich wird van Son mit seiner Geschäftsidee nicht, sagt er, aber immerhin schenke er sich selbst und seinen Kunden ein gutes Gewissen. "For people who care", lautet der Slogan des Unternehmens.

Für sein Engagement erntet van Son viel Anerkennung. 2012 wurde seine Firma von der niederländischen Circle Economy Foundation als vorbildliches Beispiel für eine erfolgreiche Kreislaufwirtschaft ausgezeichnet. Nach diesem Wirtschaftskonzept sollen möglichst alle Rohstoffe, die für die Produktion einer Ware eingesetzt wurden - ähnlich wie in der Natur - , wieder vollständig in den Produktionsprozess zurückgelangen.

Umweltschutz und faire Arbeitsbedingungen

Die Kollektionen von Mud Jeans bestehen zu einem Großteil aus recycelbaren Materialien wie zum Beispiel Biobaumwolle und werden unter guten Arbeitsbedingungen hergestellt, heißt es auf der Website.

Menschenwürdige Arbeitsbedingungen in der gesamten Produktionskette zu garantieren, sei jedoch trotz Fair Trade-Siegel schwierig, sagt Professor Martin Müller, Inhaber des Stiftungslehrstuhls für nachhaltiges Wirtschaften an der Universität Ulm. Das liege vor allem an der Globalisierung. Bei der Herstellung der meisten Waren sind heute viele Unternehmen beteiligt, die wiederum von Subunternehmen beliefert werden. Bei Engpässen werden diese Unternehmen ständig ausgetauscht, was die Lieferkette unübersichtlich macht.

Van Son sind die Schwierigkeiten in der Textilbranche bekannt. Produziert werden die Leasing-Klamotten ausschließlich in Italien, versichert der Unternehmer. Am liebsten würde er alle Kleidungsstücke und Materialien in Europa herstellen lassen. Aber einige T-Shirts und Sweatshirts, die Mud Jeans ebenfalls verkauft, müsse der Unternehmer nach wie vor in Indien produzieren lassen, weil er sonst zu wenig Gewinn mache, sagt van Son.

Viele Konsumenten wollen es möglichst billig

Bis verantwortungsbewusster Konsum selbstverständlich wird, scheint es noch ein langer Weg zu sein. Bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos aus dem vergangenen Jahr gaben 44 Prozent der befragten Deutschen zu, dass sie sich beim Shoppen vor allem billige Preise und viel Auswahl wünschen, die Arbeitsbedingungen der Fabrikarbeiter interessierten sie weniger. Die Befragung fand zwischen dem 7. und 21. Mai 2013 statt - etwa drei Wochen nach dem bisher schlimmsten Fabrikunglück in der Geschichte Bangladeschs, bei dem mehr als 1100 Menschen ums Leben kamen.