Kosmetik Mizellenwasser: Wundermittel oder alter Aufguss?

So sehen die Moleküle aus: Mizellen fangen Schmutz in ihrem Inneren und reinigen effektiv.

(Foto: Mauritius)

Das ist doch gewöhnliche Seife, sagen Chemiker. Trotzdem werben jetzt viele Abschmink-Produkte damit. Denn: Mizellenwasser reinigt die Haut ohne viel Rubbeln und Reiben.

Von Christina Berndt

Das Make-up am Abend einfach drauf lassen und auf Selbstreinigung am Kopfkissen setzen? Nicht wirklich eine Alternative, wenn man an die Atembeschwerden denkt, die das bei der eigenen Haut auslöst, oder an die schwarzen Ringe um die Augen am nächsten Morgen. Abschminken muss also sein. Und weil viele Frauen es nicht mögen, mit einem Wattebausch an ihrer Haut zu ziehen und dann auch noch einen öligen Film vom Abschminkmittel darauf zurückzulassen, bieten immer mehr Kosmetikhersteller eine angebliche Innovation an, die das Gesicht rubbel- und drucklos vom aufgehübschten in seinen naturgegebenen Zustand zurückversetzt: Mizellenwasser.

Chemiker wundern sich: Mizellen? Das ist doch das Prinzip ganz gewöhnlicher Seife

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Das magisch klingende Nass gibt es inzwischen in großer Zahl in Drogeriemärkten und edleren Parfümerien. Selbst Aldi Süd bietet für 95 Cent ein "Lacura Face Mizellen Gesichtswasser" an, Nivea sein "sensitives Mizellen Wasser 3 in 1" (2,99 Euro) und Garnier sein "Mizellen Reinigungswasser All-in-1" (3,99 Euro). Es gibt aber auch sehr hochpreisige Produkte wie das "Eau Micellaire Douceur Express Reinigungswasser 3 in 1" von Lancôme (28,50 Euro) und das "Eau Micellaire Démaquillante Apaisante" von Dior (34,50 Euro), die in Tests übrigens nicht besser abschnitten als die Billigvarianten. "Bei Mizellen handelt es sich um reinigende Wirkstoffe, die wie ein Magnet Schmutz und Make-up auf der Haut anziehen und sanft entfernen, ganz ohne Reiben und in nur 1 Anwendung", heißt es zum Beispiel bei Garnier.

Das überzeugt die Kunden offenbar. Die Chemiker unter ihnen aber wundern sich: Mizellen? Das ist doch das Prinzip ganz gewöhnlicher Seife. Und das geht so: Wenn man längliche Moleküle, die auf einer Seite unpolar sind (und damit wasserabweisend) und auf der anderen polar (und damit wasserfreundlich) ins polare Wasser wirft, dann formen sie winzige Kügelchen, die Mizellen. In deren Inneren lagern sich die unpolaren Schwänze zusammen, weil sie sich vom Wasser fernhalten, nach außen ragen die polaren Anteile. Das ist auch bei klassischer Seife so, die aus Salzen von Fettsäuren besteht. Diese Moleküle haben ebenfalls ein wasserabweisendes und ein wasserfreundliches Ende.

Trifft das Seifenwasser dann auf Fettflecken, Lippenstiftreste oder Sonnenmilch, werden die fettigen und damit unpolaren Schmutzpartikel im Inneren der Mizellen eingeschlossen. Zurück bleibt saubere Wäsche. Im Idealfall ganz ohne Rubbeln, nur mit der Kraft der Ladung, die dafür sorgt, dass sich fettige Dinge im Wasser zueinander hingezogen fühlen.

Beim Abschminken funktioniert das genauso. "Im Grunde ist Mizellenwasser also alter Wein in neuen Schläuchen", sagt Sabine Ellsässer, Apothekerin und Autorin eines Kosmetiklehrbuchs aus Köln. Aber auch wenn jedes Seifenwasser ein Mizellenwasser ist, so sind die neuen Mizellenwasser keine Seife, sondern eine Fortentwicklung des guten, alten Prinzips. Denn bei den enthaltenen Molekülen handelt es sich um neumodische, patentierte Tenside, die besonders fettlösend sein können. Ebenso wie andere Abschminkprodukte reinigen sie deshalb effektiver als gewöhnliche Seife. In der Industrie werden mit solchen Mizellen Stoffe gelöst, die eigentlich unlösbar sind. Perfekt: "Eigentlich unlösbar" - so könnte man auch Make-up am Ende eines Tages beschreiben.

Tatsächlich funktioniert das Abschminken mit Mizellenwasser recht leicht, ohne viel Rubbeln und Reiben. Und dass die Kügelchen nur Nanometer groß sind, muss man nicht fürchten: Diese Nano-Partikel gelten als gesundheitlich unbedenklich. Viele der in Mizellenwassern verwendeten Tenside gehören allerdings zu den Polyethylenglykolen (PEG), oder die Produkte enthalten zusätzlich noch PEG. Auch diese sind nicht direkt gesundheitsschädlich, aber sie machen, so kritisierte es auch Ökotest, die Haut durchlässiger - für Wirkstoffe ebenso wie für Umweltgifte und für Schmutz. Und den wollte man doch eigentlich los sein.