Gastronomie Die Trinkgeld-Erpressung

"Der Rest ist für Sie": Das Wort "Trinkgeld" scheint etwas aus der Mode gekommen. Lieber sprechen Bedienungen auch in Deutschland inzwischen vom "Tip"

(Foto: karuka - Fotolia)

Der Bedienung etwas Kleingeld zu geben, gilt in Deutschland als Geste der Höflichkeit. Bisher. Denn auch hierzulande setzt sich immer mehr die Haltung durch, dass Trinkgeld ein Anrecht ist. Beobachtungen aus den USA, wo die Kunden unter den Exzessen des Tippings leiden.

Von Peter Richter, New York

Die Zukunft steht zum Beispiel auf der Theke von New Yorker Coffeeshops. Man drückt kurz die Kreditkarte rein, und ein Dollar geht ab. Nachdem man für den Kaffee bereits drei Dollar bezahlt hat, versteht sich; der Extradollar ist nur für die Freundlichkeit, dass einem der Kaffee zubereitet überreicht wird und nicht etwa in einzelnen Bohnen. Die Zukunft ist ein kleines marmeladenglasgroßes Ding und heißt Dipjar. Was dadurch abgelöst werden soll, heißt nämlich Tip Jar und ist in der Regel ein altes Marmeladenglas mit echten Dollarscheinen. In der Vergangenheit stand da oft zur Sicherheit ein aufmunterndes Schildchen daneben: "Tipping is not a city in China."

Als diese Geldeinwurfgläser mitsamt der launigen Ermahnung vor Jahren auch in der Bundesrepublik Einzug hielten, benahmen sich viele Deutsche noch etwas bockig: Die Chinesen bauen so viele Städte, da wird schon auch mal eine mit dem Namen Tip darunter gewesen sein, und außerdem hieß die Sache, die da ungewohnt selbstbewusst eingefordert wurde, doch eigentlich mal Trinkgeld.

Aber der schöne, alte Begriff Trinkgeld scheint ein bisschen aus der Mode gekommen zu sein, besonders bei denen, die welches nehmen. Trinkgeld klingt halt auch immer ein bisschen nach "Noch ein Bier für den Mann am Klavier". Deshalb ist auch in der deutschen Gastronomie inzwischen der Begriff Tip populärer. Tip beschreibt heute eher ein Anrecht als ein Geschenk. Das Wort mag englisch sein, aber die Sache, das Tipping, ist amerikanisch wie nur irgendetwas.

Jetzt wird am Hochschrauben der Summen gearbeitet

In den USA ist die Erziehung der Kundschaft, sogar in Selbstbedienungslokalen dauernd noch etwas draufzulegen, wesentlich fortgeschrittener; jetzt wird eher am Hochschrauben der Summen gearbeitet. Manche Coffeeshops stellen einfach zwei Geldgläser auf, eines beim Kassierer und dann noch eines bei der Person, die den Kaffee ausgibt. Andere haben für das Bezahlen mit der Kreditkarte ein Lesegerät mit iPad, darauf darf man antippen, ob man ein, zwei oder drei Dollar extra gibt.

Diesen Trick hat sich die Gastronomie von den Taxis abgeschaut. Früher gaben Barzahler im Schnitt zehn Prozent Trinkgeld, seit die Kreditkartenlesegeräte drei voreingestellte Optionen für den Tip anbieten, nämlich 20, 25 und 30 Prozent, wählen die meisten scheu die mittlere. Man könnte auch etwas Geringeres eingeben, aber das ist fummelig, und unter den strafenden Blicken aus dem Rückspiegel machen das die wenigsten.

30 Prozent streben auch die Kellner an, und wenn es weniger als 15 sind, dann kommen sie einem hinterher und herrschen einen an. Nun klingt anherrschen auf Amerikanisch so: "Entschuldigen Sie, war irgendetwas mit meinem Service nicht zu Ihrer vollsten Zufriedenheit? Gab es etwas, was ich besser machen könnte?"

Oft genug sieht man dann Touristen aus Europa verwirrt nach netten Worten suchen, statt, was eigentlich gefragt wäre, nach der Brieftasche. Denn ins Deutsche übersetzt heißt das: "Ich will zwanzig Prozent Minimum, ihr erbärmlichen Wichte, und wenn euch das zu viel ist, dann bleibt bitte auf euerm morschen Kontinent da drüben." Richtig daran ist: Um den Euro steht es nicht gut, der Dollar wird immer teurer; es wird also immer schmerzhafter, sich als Europäer in den USA nicht wie ein erbärmlicher Wicht zu benehmen.