Faszination Grillen Männer, die auf Koteletts starren

Alle rotten sich ums Feuer, jeder nagt an einem Fetzen Fleisch - Grillen ist eine archaische Angelegenheit. Dabei sind die Rollen klar verteilt: Der Mann steht am Feuer, die Frau hält sich fern. Das war auch in der Steinzeit schon so. Doch wieso haben wir unsere Verhaltensmuster seitdem nicht verändert? Weil wir so weit entwickelt sind.

Von Merle Sievers

Es ist früh am Morgen, der Mann legt sich sein Bärenfell um und streckt den Kopf aus der Höhle. Mutigen Schrittes macht er sich auf in die große, gefährliche Welt, um seiner wichtigsten Pflicht nachzukommen: die Familie zu ernähren. Er riskiert sein Leben, kämpft mit Mammuts und Säbelzahntigern, erlegt ein wildes Tier mit einem gezielten Stich seiner Speerspitze. Mit der Beute auf den Schultern kommt der tapfere Held nach Hause, wo seine Lieben den ganzen Tag das Feuer bewacht und auf ihn gewartet haben. Stolz hängt er das tote Tier über die Flammen und brät es. Dankbar tätschelt seine Frau ihm den Bauch, er hat seine Pflicht erfüllt, er ist der Größte ... An dieser Stelle endet der Tagtraum, verehrte Herren, und Sie kommen bitte wieder zurück in die Realität.

Die Wirklichkeit ist anders - und doch überraschend ähnlich. Egal, ob man zurzeit an der Isar, in der Schrebergartensiedlung oder im Park spazieren geht: Überall qualmt und brutzelt es, was das Zeug hält. Menschenmassen sitzen auf Decken oder Plastikstühlen, vor sich aufgebaut ein Grill, auf dem Würstchen, Nackenkoteletts und Maiskolben braten. Keine Freizeitbeschäftigung erfährt im Sommer einen breiteren Konsens als das Grillen. Alle haben Spaß daran, jeder kann etwas zur gemeinsamen Unternehmung beisteuern. Ein Rost und ein Stück Fleisch genügen, um Menschen glücklich zu machen.

Dabei leben wir nicht mehr in der Steinzeit. Wir müssen unser Essen nicht mehr zwingend über das offene Feuer hängen, um es zuzubereiten. Unsere Küchen sind voll mit Mikrowellen, Dampfgarern, Schnellkochtöpfen, Induktionsherden mit elektromagnetischem Glaskochfeld und anderen hochtechnologischen Geräten. Warum entscheiden wir uns also nach wie vor dafür, all das links liegen zu lassen und unser Essen auf dem offenen Feuer zuzubereiten? Warum setzen wir uns nicht wie bei jeder anderen normalen Mahlzeit an den Esstisch, sondern gehen unter freiem Himmel in die Knie, kauern freiwillig auf dem Boden oder in klapprigen Campingstühlen?

Helden mit versengten Augenbrauen

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Grillen spricht unsere Urinstinkte an. Der Rauch, die Hitze, der Geruch von Essen wecken den Neandertaler in uns. Menschen versammeln sich um die Feuerstelle, das ist evolutionär in ihr Verhalten eingraviert. "Seit etwa 100.000 Jahren können die Menschen mit Feuer umgehen. Seitdem wird Essen über Hitze zubereitet, wodurch sich zum Beispiel auch das menschliche Gebiss verändert hat und Sprache sich entwickeln konnte", erklärt Gunther Hirschfelder, Kulturwissenschaftler an der Universität Regensburg. "Für die soziale und kulturelle Menschbildung spielte das Kochen mit Feuer also eine große Rolle."

Die Begeisterung für das Grillen gründet sich demnach auf die positiven Erfahrungen, die unsere Vorfahren bereits damit gemacht haben. Diese Intuition ist Teil unseres Erbguts. Was bei der Betrachtung einer Grillparty heute auffällt: Einerseits haben Männer und Frauen gleichermaßen Spaß an dem Event, alle kommen gerne zusammen, um einen Sommerabend mit Grillen im Garten zu verbringen. Andererseits sind es fast immer die Männer, die am Rost stehen und mit Feuer und Fleisch hantieren. Wiederholt sich hier das Muster? Verfallen emanzipierte, moderne Frauen Grillen einfach wieder in die Rolle der bauchtätschelnden Höhlenfrau und Männer in die des kraftstrotzenden Anführers?

Im Grillen ein Refugium

80 Prozent der Männer in Deutschland lassen sich die Grillzange nur ungern aus der Hand nehmen, 13 Prozent tolerieren überhaupt niemanden neben sich am Grill. Das ergab eine Umfrage des Discounters Lidl unter etwa 1600 Grillern im vergangenen Jahr. Zwei Drittel der befragten Frauen sagten sogar, dass sie überhaupt kein Interesse an dem Job des Grillmeisters hätten und sich lieber um die Zubereitung der Beilagen kümmern würden. Was ist schuld an dieser eingefahrenen Rollenverteilung?

Männer klammern sich an ihre Grillzange, weil Frauen in so vielen anderen Lebensbereichen bereits das Zepter an sich gerissen haben. So argumentiert Kulturwissenschaftler Hirschfelder: "Für den Mann ist das Grillen eine Art postmoderner Reflex. Im Zuge der Emanzipation der Frau hat er evolutionäre Rechte eingebüßt. Machtverlust bedeutet immer auch ein Trauma. Im Grillen hat der Mann ein Refugium." Der Grill also als letzte Insel der Männlichkeit: Wo er das Zepter schwingt und sein Schwert zieht, um die Sippe zu verteidigen. Am Grill kann der Mann Feuerwehrmann, Ernährer und Entertainer in einem sein. Dort kann er sein, wie er tief in seinem Inneren gerne wäre.

Außerdem können Kerle beim Grillen essen so viel sie wollen, ohne blöd angeguckt oder mit mahnendem Blick sanft an seinen wachsenden Wohlstandsbauch erinnert zu werden. Zwei Steaks, drei Steaks und noch ein paar Würstchen. Etikette und Tischmanieren werden dabei gänzlich über den Haufen geworfen und keinen stört das. Auch Hirschfelder sagt: "Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Geschlechterrollen immer weiter aufweichen. Männer stehen unter einem gewaltigen Beobachtungsdruck, sich nicht zu machistisch oder proletenhaft zu verhalten."

Nicht aber beim Grillen. Da wird die Wurst mit den Händen gepackt und herzhaft reingebissen, sodass das Fett nur so spritzt und der Fleischsaft vom Kinn tropft. Hier sind der Fleischeslust keine Grenzen gesetzt. Außerhalb der Grillparty würde ein solches Essverhalten nicht toleriert werden. Würde der Mann sich den Teller beim Mittagstisch in der Kantine ähnlich vollschaufeln und drauflosfuttern, würden seine Kollegen ihm direkt Gefräßigkeit, Maßlosigkeit und schlechte Manieren unterstellen.

Das Drehen und Wenden am Rost, das Fleisch-in-die-Hand-Nehmen ist und bleibt eine männliche Domäne. Dass Männer sich gut dabei fühlen und ihre Rolle als Grillmeister genießen, ist verständlich. Und es heißt nicht, dass die Frauen, die danebensitzen, es verpasst hätten, sich zu emanzipieren - im Gegenteil. Am Herd standen sie lange genug. Die Männer indes stehen mit Begeisterung am Grill, gerade weil es der letzte Bereich ist, den sie für sich haben und den sie verteidigen.

Wenn der Mann also am Rost steht und den Rauchschwaden hinterherblickt, dann kann es schon mal passieren, dass seine Urinstinkte geweckt werden und er in einen Tagtraum vom Jäger und Beschützer verfällt. Doch bevor die Koteletts verbrennen, sollte man ihn wieder wecken.