Fashionspießer zu Nieten Vernietet statt vernagelt

Warum müssen überall Nieten dran?

(Foto: oH)

Einst Markenzeichen der Rebellen, sind Nieten an Klamotten längst allgegenwärtig. Warum lässt man sie nicht in den Schiffen? Oder sorgt für Alternativen? Mit Tesa. Oder Nägeln. Eine Modekolumne.

Von Lena Jakat

Nieten sind sehr wichtig für den modernen Menschen. Sie halten die Stahlträger zusammen, die dafür sorgen, dass uns nicht die Decke auf den Kopf fällt. Sie halten die Frachtschiffe zusammen, in deren Bauch Avocados und Zitronen in unsere Küchen geliefert werden. Sie sorgen dafür, dass die Boeing 747 beim Wochenendtrip nach Ibiza nicht auseinanderbricht. Und sie machen aus jedem von uns - egal, ob Kellnerin, Anwältin, Sängerin oder Hausfrau - einen kleinen Rockstar.

Als Albert Sefranek im Frankfurt der Nachkriegsjahre von einem GI eine seltsame Baumwollhose mit den angenieteten Taschen bekam, dürfte er höchstens geahnt haben, dass er die Jeans als erster in Europa zum Verkaufsschlager und den Textilienbetrieb der Familie damit zum Mustang-Imperium machen würde. Die Jeans war vor 60 Jahren noch verwegen. Es war die Uniform der Viehdiebe und Abenteurer aus dem Wilden Westen, James Dean trug sie und Marlon Brando. Die etablierte europäische Mode stand dem Kleidungsstück anfangs sehr skeptisch gegenüber. Ausgewaschen an den am meisten beanspruchten Stellen? Angenietete Taschen? Jede Jeans eine Rebellion. Sogar noch 1985, als sich Joschka Fischer als hessischer Umweltminister in Jeans und Turnschuhen vereidigen ließ.

2013 taugt die blaue Hose zur Businessklamotte, zum Abend-Outfit, ja zur Haute Couture. Zu allem, bloß nicht zur Rebellion. Und die kleinen runden Nieten an den Taschen kratzen höchstens noch an der Sitzschale des Designerstuhls, aber schon lange nicht mehr am Selbstverständnis der bürgerlichen Eliten. Vermutlich von der zeitgleich schwächelnden Metallindustrie stillschweigend subventioniert, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Gegenbewegung zur Verspießerung der Jeans gebildet: Mehr Nieten braucht das Land! Eckig, rund, spitz, flach, sternförmig, herzförmig, mit Strass und in Blau, Gelb und Grün. Viele, abertausende Nieten, swimmingpoolweise Nieten überschwemmten die Modeindustrie.

In den 80er Jahren schafften es die kleinen Metallstifte vielleicht noch, etwas vom Rebellentum der Jeans in die Neuzeit zu retten. Doch als sich Schlagersängerinnen in nietenbesetzte Jacken warfen, als das omnipräsente Bauchnabelsteinchen Piercings der Lächerlichkeit preisgab und der Punk sogar nietenbesetze Arm-, Fuß- und Halsbänder aus der Fetisch-Ecke befreite, war die Niete auf einem Tiefpunkt mit ihrer Namensvetterin aus der Lotteriegesellschaft angekommen.

Doch genauso, wie sich die Väter der Jeans vermutlich nie hätten vorstellen können, dass dereinst Rentner auf Kaffeefahrt Denim mit Gummizug tragen und Kindergartenkinder Hello-Kitty-Umhängetaschen in Jeansoptik hinter sich her schleifen würden, geht es auch für die Niete immer noch schlimmer. Sie klebt mittlerweile auf rosafarbenen Ballerinas ebenso wie auf Handtaschen und Hotpants. Kaum ein Kleidungsstück, so scheint es manchmal, gibt es heute noch nietenfrei zu kaufen. Die Flughafenangestellten freut es. So wird ihnen während des Wachdiensts an der Sicherheitskontrolle wenigstens nicht langweilig.

Lange, bevor das Wort Piercing in den Duden aufgenommen wurde, und sehr lange, bevor die coolen Jugendlichen angefangen haben, sich Ösen in die Ohrläppchen zu stanzen, haben sich Punkrocker Sicherheitsnadeln nicht nur an die Hosen gesteckt, sondern auch durch die Ohren. Sex-Pistols-Sänger Johnny Rotten wird das berühmte Zitat zugeschrieben, Sicherheitsnadeln seien erfunden worden, "um den Arsch von der Hose am Rausfallen zu hindern". Dass der Nadel im Mainstream am Ende doch keine Karriere beschert war, lag vermutlich an demselben Grund, aus dem wir bis heute auf die modische Karriere von Nägeln und Schrauben warten: Sie sind zu spitz. Gerade, wenn man bedenkt, dass manch Modebewusste aus Angst um ihre Haustiere schon auf besonders spitze Nieten am Stiefel verzichten, ist ein hohes Verletzungsrisiko ein durchaus relevantes Kauf-Gegenargument.

Nun gibt es auch noch andere Methoden der Materialverbindung, die darauf warten, von Fashionistas entdeckt zu werden: Die Schweißnaht zum Beispiel, in Zeiten von Kunstfaser technisch kein Problem. Oder, für Anhänger klassischen Kleidungsstils, die gezinkte Eckverbindung. Bekannt aus dem Möbelbau, ließe sich damit bestens die olle Patchwork-Idee weiterentwickeln. Oder - was vielleicht am besten in unser gehetztes Plastik-Zeitalter passt: Tesafilm. Rosa Klebstreifen statt Strapse, neongrüne Klebstreifen statt Schuhbänder, blaue Klebstreifen am Ohrläppchen und transparente Klebstreifen statt schulterfreiem Abendkleid. Optimiert für den Einmalgebrauch. Wie vielseitig, wie Avantgarde.

Und die Nieten dürften endlich da bleiben, wo sie hingehören: An Flugzeugrümpfen und Schiffsbäuchen.