Fashionspießer Weg mit dem Krempeln

Hochgeschoppte Ärmel können ja durchaus lässig-patent wirken. Aber eine Wulst am Saum macht aus einem Sakkoträger noch lange keinen coolen Arzt - bestenfalls einen Krempler. Eine Stilkolumne.

Von Violetta Simon

Es gab eine Zeit, da fuhren Männer Golf Cabrio, bügelten sich eine Falte in die Karottenjeans und trugen dazu weiße Tennissocken. Die Frauen banden sich Stirnbänder aus Frottee oder Tüllschleifen ins dauergewellte Haar, sangen "Girls just wanna have fun" und schlürften dazu klebrige Drinks, in denen Cocktailkirschen schwammen. Im Fernsehen lief "Miami Vice", eine Serie über zwei verdeckte Ermittler namens "Sonny Crockett" und "Rico Tubbs", die niemals ohne schulterpolsterverstärkte Sakkos auf die Straße gingen, um die Pistolenhalfter möglichst glamourös zu verdecken.

Kostja Ullmann und Moritz Bleibtreu auf der Premiere des Films "Schutzengel" in Berlin.

(Foto: Getty Images)

In dieser Zeit begannen die Männer, die Ärmel ihrer Blazer und Sakkos umzuschlagen. Aus durchaus nachvollziehbaren Gründen, jedoch völlig zu Unrecht, wird Sonny und Rico unterstellt, damit angefangen zu haben. Die Krempe sollte der Umwelt signalisieren: "Seht her, ich bin ein Sakkoträger, aber deswegen noch lange kein Spießer." Die Krempelei machte nicht einmal vor Lederjacken halt. Und dann, zum Glück, war der Spuk vorbei. Er verschwand gemeinsam mit Aerobic-Anzügen und Neonstulpen.

Nun kann sich die Fashionszene ja nicht immer wieder neu erfinden, also erfand sie stattdessen den Retro-Schick. Seitdem wird in jeder Saison ein anderer Trend aus der Vergangenheit reanimiert. Und so stand sie eines Tages wieder auf der Fashionweek-Matte, die Krempe. Und blieb. Ungeachtet der Tatsache, dass mittlerweile die Neunziger, die Sechziger und die Zwanziger wiederbelebt wurden, haben sich die krumpeligen Wülste im Straßenbild festgekrallt wie ein parasitärer Pilz am Stamm einer alten Weide.

Im besten Fall erwecken Krempler den Eindruck, patent zu sein, echte Anpacker eben. Im schlimmsten wirken sie wie Wichtigtuer, die sich durch eine Menschenmenge drängen mit den Worten "Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt!" Dabei erinnert der hochgeschoppte Ärmel eher an einen Tierarzt, dessen Arm eben noch in einer Kuh steckte.

Mittlerweile krempeln sogar Frauen ihre Garderobe um, und es scheint sie kein bisschen zu stören, dass sie dabei wirken, als wären sie aus ihren Boyfriend-Blazern oder taillierten Cord-Sakkos herausgewachsen. Das ist schade, denn einerseits kommen durch das Umschlagen zwar all die schönen Armreifen und Freundschaftsbändchen an ihren schmalen Handgelenken zur Geltung. Andererseits sehen sie damit aus, als wollten sie im nächsten Moment ein Handy aus dem Klo fischen oder sich eine Schürze umbinden und Spareribs marinieren.

Allein die Tatsache, dass dabei die meisten Ärmel ein gemustertes Innenfutter präsentieren, lässt darauf schließen, dass das Ganze tatsächlich gewollt ist. Entsprechend enthusiastisch wird dann auch der entblößte Futterstoff mit den übrigen Teilen farblich abgestimmt. Mal angenommen, die Designer würden sich dazu entschließen, Sakkos mit Schottenkaro oder Seerosenmuster zu füttern - hätte die Kremplerei endlich ein Ende?

Doch selbst dann wäre das Elend noch lange nicht zu Ende - die Saumwülste befallen nämlich nicht nur Ärmel, sondern auch Hosen, bevorzugt übergroße Chinos - was selbst schlanke Trägerinnen ein bisschen wie Obelix aussehen lässt. Aber das ... ist eine andere Geschichte.

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