Fashionspießer: Kunstnägel Härter, spitzer, weißer

Auch Reality-TV-Star "Snookie" trägt sie: Künstliche Fingernägel aus Acryl.

(Foto: AFP)

Sie sehen aus, als bräuchte man zum Kürzen einen Bolzenschneider. Und schreien laut: Prinzessin! Auch abseits von Genderklischees sind künstliche Nägel bedenklich. Eine Stil-Kolumne.

Von Johanna Bruckner

Das primärste sekundäre Geschlechtsmerkmal der modernen Frau sind ihre Fingernägel. Dieser Paradigmenwechsel in der Sexualbiologie mag für manchen überraschend kommen und ernüchternd sein. Doch die Vorzeichen waren da. Der verzweifelt beweinte Verlust von Weiblichkeit durch das Einreißen oder - Gott bewahre! - Abbrechen eines Fingernagels ist schließlich in den Archiven einschlägiger Doku-TV-Formate wohl dokumentiert. Aber selbst wer noch nie eine Folge Germany's Next Topmodel gesehen hat: Die Brutstätten jenes Umbruchs sind unübersehbar.

Aus den Tiefen der Untergrundpassagen in Bahnhöfen haben sie es ans Tageslicht geschafft, in die Hauptstraßen kleiner Dörfer und die Nebenstraßen großer Städte. Sie heißen "Dany's Nagelstudio" (der Klassiker, trotz grammatikalischer Bedenklichkeit), "Smiling Nails" (der Name ist Programm) oder "C'est la Vie Nails" (keine Gewähr vor Nagelpilz). Und sie sind letzte Zuflucht für all jene, die bereits alles haben - gefärbte Haare, gebleichte Zähne, gemachte Brüste, einen gepiercten Bauchnabel und einen frisierten Intimbereich.

Hier unterwerfen sie nun auch noch die Natur des Nagels den Gesetzen der künstlichen Schönheit, die da heißen: härter, spitzer, weißer.

Niedere Arbeiten und Nagelbruch haben wir nicht nötig

Die Erkenntnis, dass der menschliche Nagel schwach, das heißt brüchig ist (siehe oben), treibt Frauen natürlich schon länger um. In der Ming-Dynastie galten lange Fingernägel als Statussymbol der weiblichen Oberschicht, die damit signalisierte: Niedere Arbeiten und Nagelbruch haben wir nicht nötig. Viele Nagelstudios sind heute wohl nicht von ungefähr in asiatischer Hand. Und die alten Griechinnen wussten eingerissene oder abgeknabberte Nägel mit Pistazienschalen geschickt zu überdecken.

Doch mit solch unschuldigen Versuchen, der Natur nachzuhelfen, haben die Methoden in modernen Nagelstudios nichts mehr zu tun. Das Ambiente dort mag wahlweise an Prinzessin Lillifees Märchenschloss oder ein gut sortiertes Blumengeschäft erinnern. Doch rosafarbene Wände und dekorativ platzierte Lotusblüten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es hier zugeht wie in der Autowerkstatt.

Mithilfe von Acryl wird der beschädigte oder schlicht für unzureichend befundene Nagel zunächst "aufgebaut", wie es fachsprachlich heißt. Das Endergebnis ist mitunter von einer Dicke und Härte, dass der Laie unwillkürlich zum Bolzenschneider statt zur Nagelfeile greifen möchte. Wobei der Kunstnagel tatsächlich nicht geschnitten, sondern mithilfe diverser Feilen unterschiedlicher Körnung in Form gebracht wird. Die wiederum darf mal mal eckig, mal spitz, aber keinesfalls natürlich halbrund sein. Zum Abschluss wird dann noch poliert, bis die Arme schwach werden, und lackiert, was die Fläschchen hergeben.

Griff ganz tief in die Gendertrickkiste

Weil das Endprodukt zwar die Langlebigkeit eines Lada, aber den Glamour eines Porsche haben soll, kommt beim Feintuning viel Farbe zum Einsatz. Im besten Fall wird die von einem ruhigen Händchen aufgetragen, sodass am Ende - abseits aller Geschmacksfragen - die Bewunderung für diese Art der Kleinkunst steht. Im schlechtesten Fall erinnern die Farbschlieren auf dem Nagel an Edvard Munchs "Schrei".

Gold am Arm, Strasssteinchen auf den Nägeln: Reality-TV-Star "Snookie" (aus der MTV-Serie Jersey Shore) lebt nach der Styling-Maxime "Mehr ist mehr".

(Foto: AFP)

Um solche Malunfälle zu übertünchen, hilft dann nur noch der Griff ganz tief in die Gendertrickkiste. Glitzerstaub und Strasssteinchen haben schließlich noch aus jeder Frau eine Prinzessin gemacht! Wenn die Hände die Visitenkarte eines Menschen sind, dann sagen Kunstnägel vor allem eines: von Beruf Weibchen.

Womit wir bei der Gefahr des Trends zum Nagel-Tuning wären, abseits von Nagelhautentzündung und Nagelpilz. Denn natürlich darf jeder Erwachsene lästige Haare im Laserfeuer veröden und unerwünschte Nasenhöcker einfach weghämmern lassen. Doch für die Acrylfortsätze an den Fingern gibt es keine Altersbeschränkung. Schablonen zur French Manicure liegen der Bravo bei und in manchen Nagelstudios sind Mädchen als Kundinnen willkommen, für die ihre Fingernägel die einzigen sekundären Geschlechtsmerkmale sind. Die bekommen einmal mehr signalisiert: Wahre Schönheit kommt nicht von innen, sondern von Dany - und irgendwann dann von Onkel Doktor.