Fashionspießer - Fotoapparate als Accessoires Und es hat klick gemacht

Was klappert so spät durch Nacht und Wind? Ganz klar: die Vintage-Kamera am Hüftknochen des Hipsters.

(Foto: Daniel Hofer)

Wie tiefgründig, wie intellektuell: Von vielen Hipsterschultern baumeln jetzt wieder altmodische Fotoapparate. Das soll eine künstlerisch-philosophische Lebenshaltung zum Ausdruck bringen - beweist aber eher das Gegenteil. Eine motzende Modekolumne.

Von Felicitas Kock

Erst ist es nur einer. Ein kleiner Hipster in klassischer Uniform. Enge Hose. Karo-Hemd. Jutebeutel. Retro-Fotoapparat? Muss an der hübschen Freundin liegen, da schießt man schon mal ein Foto. Doch dann kommt ein zweiter, ein dritter Kamera-Mann des Wegs und plötzlich ist die Erinnerung zurück.

Da war doch was, im vergangenen Sommer. Vintage-Kameras hingen von dünnen Schultern und Hälsen. An langen Riemen, so dass sie in Höhe des Hüftknochens gegen die Körper ihrer jugendlichen Träger klapperten. Altmodische Apparate, nur echt vom Flohmarkt. Hip ist nunmal oft, was alt ist - oder zumindest auf alt gemacht.

Und jetzt, wo die ersten Sonnenstrahlen und Plusgrade näher rücken, kehrt der tot geglaubte Trend zurück. Dabei geht es nicht unbedingt darum, die Oldschool-Teile tatsächlich zu benutzen. Oder haben Sie schon einmal gesehen, wie sich ein Hipster aus dem Trageriemen seiner Nikon FE oder Yashika Elektro 35 nestelt, um ein Foto zu machen? Nein, die Kamera ist nicht in erster Linie Gebrauchsgegenstand, sie ist Accessoire.

Der analoge Fotoapparat gehört zum Stil des Bohemiens, er soll Freigeistigkeit ausdrücken und Kreativität. "Ich fotografiere gerade nicht, aber wenn ich wollte, dann könnte ich", sagt der Hipsterjunge mit seinem Lieblingsschmuckstück. "Dann würde ich die schönsten Bilder der schönsten Landschaften in der Abendsonne machen. Und die tollsten Fotos für meine geplanten Fotoserien 'Urbanität', 'Die Einsamkeit vergessener Handschuhe' und 'Industriemüll, von der Natur vereinnahmt'".

Vielleicht trägt der Junge morgen ein Buch mit sich herum ("Ich lese gerade nicht, aber sonst immer und überall"). Oder er steckt sich einen Stift hinters Ohr ("Ich schreibe gerade nicht, aber Poesie ist mein zweiter Vorname"). Hauptsache, es sieht schön und verwegen aus - und ist lässiger als das, was andere Menschen so mit sich herumtragen. Umhängetaschen. Schals. Mützen. Wie langweilig.

Wie Fensterglasbrillen und Handyattrappen

Doch der Kamera-Träger verlässt sich darauf, dass der Betrachter mit seinem Auge auf der Oberfläche verweilt, alles schön und verwegen findet und weiterhuscht, ohne länger darüber nachzudenken, was er da gerade eigentlich gesehen hat. Denn wäre der Beobachter aufmerksam, würde er sofort bemerken, dass der Aufzug nicht von einem tief philosophisch-künstlerischen Wesen zeugt. Von Rotwein, schummrigem Licht und abgewetzten Sofas, auf denen über Proust diskutiert wird, während aus dem Hinterzimmer kratzige Plattenspieler-Musik aus den zwanziger Jahren ertönt.

Im Gegenteil. Eine Fotokamera als Accessoire einzusetzen, ist im Grunde das gleiche wie eine Fensterglasbrille zu tragen. Oder - kleiner Ausflug in die Neunziger - eine Handyattrappe. Es ist eine Vorspiegelung falscher Tatsachen aus Style-Gründen. Und es ist lächerlich.

Nichts als Fassade

Vor allem, weil es dabei wohl in den seltensten Fällen darum geht, den eigenen Fertigkeiten und Fähigkeiten Ausdruck zu verleihen. Welcher ernstzunehmende Fotograf würde seine teure Kamera ohne Schutz und an der Hüfte baumelnd durch Schwabing oder über den Gärtnerplatz tragen? Das einzige, was das Retro-Accessoire tatsächlich zeigt, ist ein angestrengtes Bemühen, kreativ und - ja genau, hip - rüberzukommen. Der Gipfel der Oberflächlichkeit ist damit erreicht, bitte alles aussteigen. Und merken: Im Zweifel weiß so ein Hipsterjunge weniger über Proust, als über die Spring/Summer-Kollektionen von Urban Outfitters und American Apparel.

Der lässig über die Schulter geworfene Vintage-Fotoapparat ist damit ein Sinnbildern für die Hipsterkultur allgemein. Früher hieß es, die Menschen in den schrulligen Outfits würden mit ihren Ideen, ihren Werten und ihrer Konsumfreudigkeit die Welt retten. Oder zumindest die USA. Doch so, wie die Umhänge-Kamera bei genauerem Hinsehen merkwürdig erscheint, wird auch der Rest des hipsteresken Independent-Intellekto-Stils mehr und mehr als das entlarvt, was er eigentlich ist: Eine hübsche Fassade, hinter der sich nicht viel mehr verbirgt als übergroße Freude daran, auszusehen wie alle anderen Hipster.