Fashionspießer: Ellenbogen-Patches Verflickt und zugenäht

Wenn gespieltes Draufgängertum auf echte Nostalgie trifft, kann das nur eine modische Folge haben: Lederflicken auf den Ärmeln des neugekauften Oberteils. Warum die vermeintlich trendigen Patches überhaupt nicht cool sind - und man beim persönlichen Kontakt mit Flicken-Trägern vorsichtig sein sollte. Eine Stil-Kolumne.

Von Matthias Kohlmaier

Gekleidet wie seinerzeit der geliebte Opa: Sakko mit Flicken auf den Ellenbogen.

(Foto: phil12 - Fotolia)

Meistens unterrichten sie Deutsch und Geschichte. Vielleicht auch Latein. Jedenfalls irgendwas, das für viele Schüler nach 45 Minuten Schlafnachholen mit geöffneten Augen klingt. Es sind ältere Herren, in Klamotten gehüllt, die schon eine Menge tagträumender Schüler gesehen haben. Obenrum tragen sie oft ein Jackett aus unverwüstlichem Tweed, gern in beige mit Hahnentrittmuster. Handtellergroße Lederflicken sind auf die vom jahrzehntelangen Korrigieren am heimischen Schreibtisch durchgeschubberten Ellenbogen genäht.

Und genau solche Lederflicken sollen jetzt auf einmal cool sein? Ein Trend? Wirklich? Freilich heißen die Dinger jetzt nicht mehr Lederflicken, sondern haben einen neuen, per Anglizismus aufgepeppten Namen - Ellenbogen-Patches. Aber trotzdem: Wurden die nicht immer von Menschen getragen, die vordergründig gar nicht besonders cool sind (Beispiel siehe oben)? Aber das Leder-Patch hat in diesem Fall auch eine zweite Seite.

Es gibt nämlich auch ganz andere Flickenträger, die der heutigen Mittzwanziger- bis Mittvierziger-Generation die Lederplättchen auf dem Ellbogengelenk nahegebracht haben. Der geliebte Großvater - von den meisten wahrscheinlich Opa genannt -, der früher immer so tolle Geschichten erzählt hat. Der quasi allwissende Uni-Professor, der nicht nur Platons Höhlengleichnis erklären konnte, sondern auch nach der Vorlesung noch so lange dageblieben ist, bis die letzte Frage beantwortet war. Menschen, bei denen man immer so ein warmes Gefühl in der Magengegend bekommt, wenn man sich an sie erinnert.

Aber warum haben so viele von denen Sakkos, Pullover, Strickjacken mit geflickten Ellenbogen getragen? Ganz einfach: das ist eine Generationenfrage. Früher war Kleidung nicht (nur) modisches Accessoire, sonder schlichtweg ein Gebrauchsgegenstand. Und wenn der mal kaputtging, wurde er eben repariert. Wenn der Ellenbogen von Opas Lieblingsstrickjacke löchrig war, hat Oma einen Flicken drauf genäht. Bei der kleinsten Gebrauchsspur einfach ein neues Teil zu kaufen, ist eine Errungenschaft der H&M-Generation.

Und eben jene Generation hat die Leder-Patches jetzt für ihre Zwecke instrumentalisiert. Und will damit sagen: Diese Jacke hat schon eine Menge erlebt - und ich natürlich auch. Hart erarbeitet sind die Löcher an den Ärmeln, die die Flicken erst nötig gemacht haben, wollen die Träger in die Welt hinausrufen. Draufgängertum gepaart mit einem Schuss Nostalgie, das sollen sie vermitteln, die Ellenbogen-Patches.

Vorspiegelung falscher Tatsachen

Aber mal ehrlich: Warum haben es die Lederflicken-Träger eigentlich nötig, jedem Betrachter ihr vermeintliches Abenteurertum entgegenzuposaunen? Genau, weil es dieses Abenteurertum gar nicht gibt. Ein neu gekauftes Oberteil mit Flicken auf den Ellenbogen ist nämlich im Prinzip genau dasselbe, wie eine mit Löchern gekaufte Jeans: Vorspiegelung falscher Tatsachen. Der Pullover/die Jeans hat nicht viel erlebt, der Träger meist ebenso wenig. Aber das muss man ihm ja nicht direkt ansehen.

Doch könnte es vielleicht sein, dass die Lederflicken nicht ausschließlich Accessoire sind? Wer es im 21. Jahrhundert zu etwas bringen will, muss schließlich nicht selten die Ellenbogen gewaltig einsetzen, ob nun gegen den unliebsamen Kollegen oder an der Supermarktkasse. Da sind die Ärmel nach einer Weile schon mal durchgescheuert und am Flicken führt gar kein Weg mehr vorbei.

Die Patches sind damit sowas wie die Trophäe der Karrieretypen in unserer (Ellenbogen-)Gesellschaft. Sie sind es, die das Gelenk schützen, wenn der Träger mal wieder kräftig auskeilt. Ihre Botschaft: Ich habe mich durchgesetzt und kann das jederzeit wiederholen. Vorsichtshalber also hier noch ein kleiner Ratschlag für die nächste Begegnung mit einem Lederflicken-Träger: Deckung!