Elektrogeräte aus kompostierbarem Plastik Wohin mit dem iPhone 6? In die Biotonne!

Verwelkende Handys wird es in Zukunft geben - da sind sich Experten sicher. Momentan arbeiten Fachleute an biologisch abbaubarem, erdölfreiem Bio-Plastik. Das könnte dann für Autoarmaturen, Spielzeug, Einwegverpackungen und sogar für Mobiltelefone eingesetzt werden.

Von Oliver Herwig

Einem Brieföffner wurde die Ehre zuteil, das erste kompostierbare Designobjekt aus Plastik zu sein - gleich in drei Materialien.

(Foto: Lukas Isphording)

Die Welt nach dem Öl, das ist nach gängiger Vorstellung eine Mad-Max-Apokalypse. Marodierende Banden streifen durch das, was von unserer Welt übrig geblieben ist, balgen sich um einige Kanister Diesel und vertreiben sich den gar nicht so lieben Tag mit Morden, Sengen und Brennen. Am Erdöltropf hängt unsere Zivilisation, ein Blick auf die Dinge des Alltags bestätigt das. Die Moderne ist zumindest im Bereich der Dinge vor allem: Plastik und noch mehr Plastik. Mehr als 350 Millionen Tonnen kommen Jahr für Jahr hinzu. Das soll sich allerdings bald ändern, denn kompostierbares Plastik bietet erstmals eine Alternative.

Zurück zur Natur, das hat sich auch Designprofessor Andreas Mühlenberend von der Hochschule Magdeburg-Stendal auf die Fahnen geschrieben. Zusammen mit seinem Chemiker-Kollegen Peter Gerth vom KAT-Kompetenzzentrum für nachwachsende Rohstoffe entstand das weltweit erste Designprodukt in drei erdölfreien, kompostierbaren Materialien. Ein, nun ja, Brieföffner, gestaltet von der Jung-Designerin Nadja Neubauer. Schnittig sieht er aus, wie ein gebogener Bumerang in Milchweiß, transparent, in Terrakotta-Optik. Die Form folgt genau den Kraftlinien, kein Gramm Material zu viel. So weit, so gut.

Der Stoff, aus dem die Bio-Design-Träume sind, klingt freilich gewöhnungsbedürftig: Polymilchsäure (PLA), Biopolyamid (Bio-PA) und PLA plus Füllstoff (Bambus, Flachs oder Hanf) heißen die Bestandteile. Fühlt sich an wie normales Plastik, ist aber vollständig biologisch abbaubar. Dass sich das Produkt unter den Händen seiner Benutzer auflöst, steht allerdings nicht zu befürchten. Mühlenberend schmunzelt. "Höchstens, wenn auf dem Schreibtisch kompostartige Zustände herrschen. Ein unaufgeräumtes Büro reicht bei Weitem nicht aus." Vermodernde Gegenstände? Ein absurder Gedanke. Doch genau darum geht es, um den Kreislauf der Natur, in den sich modernes Design endlich einklinkt, als wären Gestalter Formpflanzer oder Materialgärtner in Personalunion.

200.000 Tonnen Bioplastik

Schwerter zu Pflugscharen, und Joghurtbecher zu Humus - das entbehrt nicht einer gewissen Logik. Wenn der Inhalt gerade zwei, drei Wochen haltbar ist, braucht auch die Verpackung nicht jahrelang zu halten, die Umwelt verschmutzen und die Meere vergiften. "Ich stelle mir vor, dass mit dem Öffnen einer Verpackung ein kontrollierter Verfallsprozess einsetzt", sagt Mühlenberend. Und warum auch nicht? Schon heute gibt es zahlreiche Tüten, die aus kompostierbarem Material hergestellt sind. Bald sollen viel mehr Dinge aus Bio-Kunststoffen bestehen. Bio-Plastik ist auf dem Vormarsch. Bereits heute stellen rund zwei Dutzend Firmen mehr als 200 000 Tonnen her, im Jahre 2015 könnten es bereits mehr als 1 800 000 Tonnen sein. Und das ist noch immer verschwindend wenig gegenüber der Produktion herkömmlicher Thermoplaste, Duroplaste und Elaste. Gut.100 Kilogramm verbrauchen wir Europäer davon für Auto-Armaturen, Spielzeug, Telefone und Einwegverpackungen.

Mühlenberend reicht das nicht. "Biokunststoffe helfen uns, die Kollateralschäden unseres Lebensstils zu begrenzen. Bestenfalls geben sie interessante Hinweise, unser Konsumverhalten zu ändern." Ist er da wieder, der Designer als Lehrmeister des guten Lebens? Ganz und gar nicht. Mühlenberend spricht ohne Furor, eher mit leiser Ironie. Was nach dem Brieföffner komme? "Hoffentlich mehr davon", antwortet der Designprofessor und lässt eine Vision durch den Raum schwirren, die recht kühn klingt. "Ich gehe davon aus, dass ein halbes Dutzend gut lancierter Produkte die Welt verändern werden. Stellt man sich das iPhone 6 in nachhaltigem Kunststoff vor, so werden drei Jahre später alle Mobiltelefone so beschaffen sein." Und womöglich fünf Jahre später in der Biotonne oder im heimischen Blumentopf landen, zumindest die Handy-Hüllen. Wobei auch Mühlenberend weiß, dass damit keineswegs alle Nachhaltigkeitsprobleme gelöst sind.

Dennoch sind Wachsen und Auflösen von Plastikdesignprodukten in einem natürlichen Kreislauf eine bestechende Vorstellung, Mad Max müsste noch warten. Und auch die Industrie freut's. Denn wer will schon mit einem verwelkten Handy herumlaufen?