Debatte um bleichende Kosmetika in Indien Hass auf die eigene Haut

Was tut eine indische Frau, wenn die Aufmerksamkeit des eigenen Mannes nachlässt? Die Kosmetikindustrie weiß Rat: Einfach die Intimzone aufhellen und er hat wieder Interesse. Während der Macher eines Werbefilms für hautbleichendes Duschgel die Aufregung über seinen Spot nicht versteht, sprechen Kritiker von der "ultimativen Beleidigung".

Von Tobias Matern

Traurig und verunsichert schaut die Frau zu ihrem Mann herüber. Wie bekommt sie bloß endlich wieder seine Aufmerksamkeit? Mit schmachtenden Blicken, oder vielleicht doch eher durch eine frische Tasse Kaffee? Nichts wirkt, jede Anbahnung verläuft im Sande. Der Kerl hat nur Augen für seine Zeitung.

Aber dann folgt doch noch die Erlösung, der Gang in die Dusche hilft. Nach der Körperpflege wirbelt der wieder sichtlich verliebte Mann seine glückliche Schönheit durch die Luft. "Das Leben für Frauen wird frischer und sauberer", verspricht das Duschgel "Dry and Clean" (Trocken und sauber). Und was noch wichtiger sei - es garantiere eine hellere Haut. Inklusive des Schambereichs.

Das indische Schönheitsideal ist klar definiert, es lässt sich auf eine einfache Grundregel reduzieren: je weißer die Haut, desto hübscher der Mensch. Nicht nur die Frauen rücken mit Hilfe von Körperlotionen, Deodorants und verschiedenen Cremes dem dunklen Grundton zu Leibe. Neu an dem jüngst veröffentlichten, schmalzigen Spot ist nun die Ausweitung in die Intimzone - dank eines Duschgels.

"Ultimative Beleidigung"

In der zahlenmäßig größten Demokratie der Welt hat das nun zu der Frage geführt, ob es die Gesellschaft beim Thema Aussehen inzwischen nicht ein wenig übertreibe. Die "ultimative Beleidigung" nannte eine Bloggerin den Spot. Die Kolumnistin Amrit Dhillon befand, die jüngste Werbung offenbare, wie weit der Hass auf die eigene Hautfarbe in Indien inzwischen gediehen sei. Und eine Ministerin forderte, den Clip aus dem Fernsehen zu verbannen.

Die Firma, die hinter Dry and Clean steckt, erklärte in Mediengesprächen, eigentlich habe man doch gar nicht so sehr auf den Weißheitseffekt abheben wollen. Entwickelt hat den Spot Alyque Padamsee, der Werbefilmer versteht naturgemäß die Aufregung nicht. Es falle auf, dass Produkte, die weißere Haut versprächen, Sozialaktivisten immer wieder "auf die Palme bringen", zitierten ihn indische Zeitungen. Aber genau wie Lippenstift benutzt werde, um die Lippen roter zu machen, würden diese Lotionen eben benutzt, um die Haut heller zu machen. Er könne da kein Problem erkennen.

Aus seiner Sicht gibt es eine schlichte Erklärung, warum indische Frauen so eine Leidenschaft zum Weißen entwickelt hätten: "Wenn man zwei schöne Frauen sieht, die eine hell und die andere dunkel, lassen sich die Züge bei der Helleren besser erkennen", sagt Padamsee.

Solche Sätze bringen die Aktivisten tatsächlich auf die Palme. Sie argumentieren: Die Industrie gaukele ein Schönheitsideal vor, das sich für indische Frauen einfach nicht erreichen lasse. Zahlreiche Stars, unter ihnen der Bollywood-Schauspieler Shah Rukh Khan, haben schon für entsprechende Artikel geworben - auch für den Mann. In Städten wie Delhi oder Mumbai ist es bisweilen schwierig, im Kosmetikregal nicht auf Cremes zu stoßen, die einen "Weißheits-Effekt" versprechen.

Auch für den Heiratsmarkt in Indien gilt: Wer weiß ist, ist im Vorteil. In den Kontaktanzeigen, die in den Wochenendausgaben der Zeitungen gebucht werden, darf neben dem Hinweis auf die soziale Herkunft ein Zusatz möglichst nicht fehlen: "fair skin" - helle Haut.

"Es gibt in Indien nach wie vor eine regelrechte Besessenheit, weißer zu werden", sagt Pranay Sharma vom Nachrichtenmagazin Outlook. In diesem Bereich könnten seine Landsleute regelrecht "rassistische" Züge unter Beweis stellen, findet der Journalist: "Die Freundlichkeit, die weiße Ausländer erfahren, bleibt aus, sobald es sich um schwarze Ausländer handelt."

Wunsch nach Weißheit verläuft durch alle Schichten

Der Wunsch, weißer zu werden, verläuft in Indien quer durch alle Schichten. In von der Industrie in Auftrag gegebenen Studien heißt es, mehr als 90 Prozent der indischen Frauen wollten solche Produkte verwenden. Eine hellere Haut gelte als "sozialer und ökonomischer Schritt nach vorn", fasst es eine Analyse der Universität von Michigan zusammen. Beauty-Salons in den Metropolen setzen auf Hautbehandlungen, schon Schülerinnen wollen sich bleichen lassen.

Nicht erst seit dem wirtschaftlichen Aufstieg Indiens hat sich die Branche dort etabliert. In den 70er-Jahren kam die Gesichtscreme "Fair and Lovely" (Hell und reizend) auf den Markt - und wurde zum Erfolgsprodukt. Die Macher versprachen: "Indische Frauen haben endlich Hoffnung - sie kommt aus der Tube."

Zwar warnen Dermatologen, die übertriebene Anwendung solcher Produkte führe zu Hautirritationen. Doch die Industrie wächst weiter. Für umgerechnet 432 Millionen US-Dollar verkauften sich nach Angaben einer Marktanalyse des Instituts AC Nielsen bereits im Jahr 2010 solche Cremes in Indien. Tendenz: deutlich steigend.