14. Dezember 2012 10:59 Vom Schenken und Beschenktwerden "Dessous können beschämend sein"

Von Antonia Hilpert

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft - das ist wahr, solange man das Geschenk mit Bedacht auswählt. Sonst kann der Schuss auch nach hinten losgehen. Damit Sie bei Ihren Weihnachtspräsenten alles richtig machen, haben wir mit Knigge-Expertin Agnes Jarosch gesprochen.

Agnes Anna Jarosch ist Leiterin des (privat organisierten) Deutschen Knigge-Rats und Chefredakteurin des Umgangsformen-Ratgebers "Der große Knigge". Sie lebt in Stuttgart. Dort berät sie als Coach und Referentin Etikette-Trainerinnen, Führungskräfte und Veranstaltungsmanager in Fragen des guten Umgangs.

SZ.de: Im Weihnachtstress ist es schwer, noch ein passendes Geschenk zu finden. Womit kann ich nicht viel falsch machen - und was geht überhaupt nicht?

Agnes Anna Jarosch: Die Wahl des Geschenks ist davon abhängig, wie gut man einander kennt. Je intimer die Beziehung, desto persönlicher darf auch das Geschenk sein. Ein Parfum zu verschenken, wäre im geschäftlichen Bereich zum Beispiel unpassend. Es wird direkt auf der Haut getragen und zählt zu den persönlichen Geschenken. Da sollte man eher etwas Unverfänglicheres wählen, beispielsweise edle Schreibutensilien. Generell kann man festhalten: Je besser man eine Person kennt, desto leichter ist es, ein geeignetes Präsent zu finden. Wenn man weiß, dass jemand gerne Wein trinkt, dann spricht nichts dagegen, auch mal ein edles Fläschchen zu verschenken. Wenn stattdessen bekannt ist, dass der andere keinen Alkohol trinkt, wäre das gedankenlos. Hier ist Aufmerksamkeit gefragt! Am besten das ganze Jahr über Augen und Ohren offen halten und Notizen machen. Meistens fällt zwischendurch auf, dass ein Kollege beispielsweise keine schöne Kaffeetasse im Büro hat. Und schon hat man eine Geschenkidee.

Wenn mir bis zuletzt nichts einfällt, ich vor dem 24.12. einfach nicht zum Einkaufen komme oder - noch schlimmer - ich am "Heiligen Nachmittag" merke, dass ich eine Person vergessen habe - was kann ich tun? Gibt es eine Art "Notfallgeschenk"?

Das gibt es durchaus. Auch ich habe zu Hause immer ein paar "Notfallgeschenke" parat. Bei mir sind das zum Beispiel edle Kugelschreiber oder Pralinen. Für den privaten Bereich eignen sich Gutscheine sehr gut. Wenn ich die andere Person ein bisschen kenne und weiß, dass sie unbedingt einen neuen Film sehen möchte, wäre ein schön drapierter Kinogutschein das Richtige.

Darf ich einem Kollegen, den ich besonders gern habe, etwas schenken, während ich die anderen außen vor lasse?

Dazu muss man sich zunächst die Unternehmenskultur ansehen. Einige Firmen haben eine Wichteltradition. Jeder Mitarbeiter kauft ein Geschenk, wobei die Preisspanne vorab festgelegt wird. Alle Geschenke kommen in einen großen Sack und wechseln bei der Weihnachtsfeier nach einem bestimmten Zufallsprinzip die Besitzer. Wenn es solche Rahmenbedingungen nicht gibt, darf man seinen Lieblingskollegen durchaus ein individuelles Geschenk machen. Damit kein Neid entsteht, sollte man das Präsent nicht unbedingt vor den Augen aller anderen übergeben. Da ist Fingerspitzengefühl gefragt.

Gibt es etwas, das ich zu Weihnachten auf keinen Fall verschenken sollte?

Ja. Zum einen Geschenke mit missionarischem Charakter: Man sollte jemandem, der nicht gern kocht, keinen Schnellkochtopf schenken. Und man wird aus einer Person, die Opern nicht mag, keinen Opernliebhaber machen, indem man ihm Karten für "Nabucco" schenkt. Wahrscheinlich kränkt man ihn damit nur. Zum anderen sind alle Geschenke, die peinlich werden könnten, tabu. Das ist beispielsweise der Fall, wenn die Schwiegermutter der neuen Freundin ihres Sohnes Unterwäsche unter den Weihnachtsbaum legt. Gerade bei Dessous kann das für alle Beteiligten beschämend sein.

Darf ich auch ein Geldgeschenk überreichen oder sprechen moralische Gründe dagegen?

Prinzipiell sind Geldgeschenke möglich, es kommt aber auf die Verpackung an. Ich empfehle, das Geld mit einem Anlass zu verknüpfen, so umgeht man auch die Gefahr, einfallslos zu wirken. Wünscht sich jemand einen neuen Tennisschläger, könnte man zum Beispiel einen Tennisball vorsichtig anschneiden und als Verpackung nutzen. Sollen es hingegen neue Pumps sein, wären kleine Puppenschuhe geeignet, um das Geld angemessen zu verpacken. In Verbindung mit einem solchen Gutscheincharakter ist gegen ein Geldgeschenk nichts einzuwenden. Einen Blanko-Umschlag, in den das Geld nur lieblos hineingesteckt wird, verschenkt man hingegen definitiv nicht.

Gibt es Regeln, wie viel ein Geschenk wert sein soll?

Das hängt mit der Einkommenssituation in der Familie zusammen. Im Normalfall pendelt sich das automatisch ein und jede Familie beziehungsweise jeder Freundeskreis entwickelt seine eigene Geschenkekultur, die nicht von außen reglementiert werden muss.

Was kann ich verschenken, wenn in meinem Geldbeutel absolute Ebbe herrscht?

Dann ist Kreativität gefragt: Im privaten und vor allem im familiären Bereich kann man seinen Lieben auch eine Freude machen, indem man sie bekocht oder einen Gutschein fürs Babysitten verschenkt. Handwerklich Begabte können auch Selbstgemachtes verschenken. Im Internet, auf Flohmärkten oder auch im Einzelhandel kann man ebenfalls auf Schnäppchenjagd gehen. Wer nicht so gut bei Kasse ist, braucht etwas Zeit und ein bisschen Schnäppchen-Glück.

Wie soll ich reagieren, wenn mir ein Geschenk überhaupt nicht gefällt? Und anders herum: Was kann ich tun, wenn mein Geschenk beim Gegenüber nicht ankommt?

Im geschäftlichen Bereich ist es sehr unhöflich, sich über ein Geschenk zu beschweren. Die Geste soll schließlich in erster Linie den hohen Stellenwert der Geschäftsbeziehung unterstreichen. Im Familien- oder Freundeskreis ist das Vertrauensverhältnis in der Regel gut und eine respektvolle Ehrlichkeit sollte möglich sein. Man beginnt am besten mit einem Dank, also beispielsweise: "Vielen Dank, ich freu mich, dass du daran gedacht hast, dass ich einen neuen Pullover brauche. Der Stoff ist so warm und kuschlig." Dann darf ein dezenter Hinweis folgen: "Ich befürchte aber, dass die Farbe nicht so gut zum Rest meiner Garderobe passt." Das genügt, bitte keine Beschwerden. Der Schenkende wird den Wink verstehen und von sich aus einen Umtausch anbieten.

Und wenn es derjenige einfach weiter verschenkt?

Das ist absolut tabu! Wenn so etwas herauskommt, wird es peinlich. Da sollte man lieber mit offenen Karten spielen und Mut zur Ehrlichkeit zeigen.

Vor Weihnachten werde ich oft nach meinen Wünschen gefragt. Wie viele Punkte meiner langen Wunschliste darf ich ansprechen und in welchem finanziellen Rahmen sollten sich diese befinden?

Das Beste ist, eine kleine Auswahl an Wünschen zu nennen, die preislich ein bisschen differenziert ist. So wird das Gegenüber nicht auf eine Summe festgenagelt, die vielleicht sein Budget übersteigt.

Muss ich ein Geschenk annehmen oder darf ich es auch ablehnen, wenn ich mich dabei unwohl oder unter Druck gesetzt fühle?

Auf geschäftlicher Ebene ist es meistens firmenintern geregelt, bis zu welchem Wert Geschenke angenommen werden dürfen. Privat würde ich aktiv die Kommunikation suchen und das Problem ansprechen: "Ich freue mich, dass du an mich gedacht hast, aber ich fühle mich nicht wohl mit einem Geschenk, das so wertvoll ist." Hier erkennt man auch: Es ist nicht immer gut, ein zu teures Geschenk zu wählen, da man dadurch den Beschenkten unabsichtlich in Zugzwang bringen kann.

Darf ich mich erkundigen, wie viel mein Geschenk gekostet hat?

Das macht man in unserer Kultur nicht. Bei uns werden Preisangaben geschwärzt und Preisschilder abgezogen. In anderen Teilen der Welt ist das anders. Ich habe mehrere Jahre in Korea gelebt und dort ist es üblich, die Preisschilder nicht zu entfernen. So zeigt man, dass es sich um ein Original und nicht um Billigware handelt.