27. November 2012 14:55 Fashionspießer: Hündchen in der Tasche Wenn die Achsel bellt

Was soll man anfangen mit einem zitternden 600-Gramm-Wesen, das Fledermausohren hat, aber ein Hund sein will? Die Mode-Industrie hat wieder mal zuerst reagiert und das perfekte Accessoire für den It-Dog erschaffen. Nun heißt es für Chihuahua und Co.: Ab ins Achseltäschchen! Und für die Hundehalter: Ab in die Ecke! Eine Stilkolumne.

Von Violetta Simon

Die Frau von heute trägt wieder Haar unter der Achsel. Allerdings nicht ihr eigenes, sondern in Form eines zitternden Fellhäufchens. Wo einst ein mit Strass verziertes Täschchen baumelte, schaukelt heute ein glupschäugiges Hundegesicht mit Fledermausohren, besser bekannt unter der Bezeichnung "Chihuahua". Die Minitöle in der Achseltasche ist DAS angesagte Accessoire schlechthin, zumindest bei trendbewussten Hundehalterinnen.

Mit einem Gewicht, das in etwa einem Pfund Aufschnitt entspricht, zitterte sich der Mikrohund geradewegs in die Herzen der Damenwelt. Es ist diese Leichtigkeit, die sie an ihrem Taschenhund lieben: Bei einem kräftigeren Tier würde sein graziles Frauchen unverzüglich ins Taumeln geraten. Das üppige Strassgehänge und die kiloschweren Creolen könnten sich aufschaukeln, die pinkfarbenen Plateaupumps würden den Rest erledigen.

Ob der Taschenhund Beine hat? Wer weiß das schon. Sie würden ihm ohnehin nicht viel nützen. Niemals könnte der mexikanische Zwerg Schritt halten mit dem Menschen. Im Supermarkt würde er von Einkaufswägen überrollt. Im Restaurant zwischen rückenden Stühlen und eiligen Kellnerschritten zermalmt. Und hat man nicht erst neulich wieder von einem Chihuahua gehört, der in die Fahrradspeichen geriet, weil sein Frauchen ihn beim Radfahren an der Leine geführt hatte?

Wunderbarerweise hat die Industrie zielsicher die Marktlücke entdeckt, die da unter dem Frauchen-Arm kläffte ... äh ... klaffte und flugs gefüllt: mit einer Hundetasche für den Taschenhund. Praktisch, vor allem, wenn man keine Hotelerbin ist und über einen Bodyguard verfügt, der einem den kleinen Liebling hinterherträgt.

Und so wurde aus einem Hund ein Achselhund, dessen natürliche Umgebung eine Damenhandtasche ist, vorwiegend in Leopardenprint. Tierfreunde, die in der Taschenhaltung Tierquälerei wittern, sollten lieber nicht versuchen, den Minihund aus seiner vermeintlichen Gefangenschaft zu befreien: Sobald seine Stummelbeinchen den Boden berühren, beginnt er derart mitleiderregend zu zittern, dass es die reine Tierquälerei wäre, ihn NICHT wieder in die Tasche zu stecken - der einzige Ort, an dem dieser Fellzwerg sich sicher fühlt.

Und während seine Artgenossen bei Fuß gehen, hat die trendige Beutelratte jede Bodenhaftung verloren. Hechelnd glotzt der Mikrohund aus Brusthöhe in die Welt und lässt sich widerstandslos durch Boutiquen, Nagelstudios und Fastfood-Restaurants schleppen. Damit ist der Achselhund in Zeiten erzwungener Mobilität und Gehälterstagnation der ideale Begleiter in der Krise: so nomadenhaft wie seine Besitzerin und dabei extrem sparsam im Unterhalt.

Weil das mit der Krise noch ein Weilchen dauern wird, ist auch nicht damit zu rechnen, dass uns der Anblick von Achselhunden so bald erspart bleibt. Immerhin überdauerte er Golden Retriever ebenso wie Labrador, Mops und französische Bulldogge, saß sogar experimentelle Kreuzungen wie Schnoodle und Labradoodle aus. Selbst wenn sich mit dem Langhaardackel (der vorwiegend auf Ludwig oder Maximilian hört) bereits ein neuer Trend anbahnt: Der Chihuahua verteidigt weiter seinen Rang als It-Hund, weil man ihn sich so lässig über die Schulter werfen kann.

Muss man also künftig die Tasche dem Hund anpassen oder den Hund der Tasche? Wenn es uns gelungen ist, den Labrador mit einem Pudel zu einem Labradoodle zu kreuzen - warum nicht auch einen taschenkompatiblen, kastenförmigen Chihuahua ohne Beine? Ein süßes Gesicht mit Fledermausohren genügt schließlich. Abends holt man ihn dann raus und setzt ihn aufs Nachtkästchen oder positioniert ihn als Buchstütze neben die Sex-and-the-City-DVDs.

Unpraktisch ist so ein beinloser Achselhund nur, wenn man ihn irgendwo vergisst. Jetzt nur mal angenommen, seine Besitzerin lässt ihn versehentlich im Regen stehen. Tja, da bliebe er dann, der Chihuahua, verdammt zur Regungslosigkeit. Und würde sich vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben wie ein richtiger Hund, nämlich wie ein begossener Pudel, fühlen.