18. Dezember 2012, 13:51 Fashionspießer: Einteiler für Erwachsene Invasion der Frottee-Monster

Zahllose Männer werden in diesem Jahr ihren Frauen und Freundinnen statt Strapsen Strampler unter den Weihnachtsbaum legen. Nicht etwa für den Nachwuchs, sondern im Erwachsenen-Format. Doch auf der Straße haben diese Frottee-Monster absolut nichts verloren. Eine Stilkolumne.

Von Lena Jakat

Tief einatmen. Und aus. Den Atem kontrollieren. Der Oberkörper ist nach vorn über die Knie gefallen, die Stirn ruht auf der Yogamatte. Balasana. Die Kindeshaltung dient im Yoga der Einkehr, der Entspannung zwischen anstrengenderen Figuren wie dem hinabblickenden Hund. Doch vielen westlichen Spiritualitätssportlern reicht es längst nicht mehr, zweimal pro Woche in Shiva Müllers Yogaloft zum Kind zu werden. Sie wollen diese relaxte Unbeschwertheit mit nach Hause nehmen, sie gar hinausschreien in die Fußgängerzonen und Twitterprofile der Welt. Das Instrument ihrer Mission: der Erwachsenenstrampler.

Der wahlweise auch Ganzkörperpyjama oder Schlafoverall genannte Einteiler soll für geschlechtsreife Menschen die Kuscheligkeit des Kinderwagens noch einmal erlebbar machen. Egal ob uni oder im Norwegerpullimuster verfügt dieses Kleidungssstück stets über einen Reißverschluss vom Schritt bis zum Schlüsselbein und meist über eine Kapuze.

Längst ist aus Einzelfällen, die als solche noch vor gar nicht allzu langer Zeit wohl eher ein besorgtes Kopfschütteln als anerkennendes Nicken ausgelöst haben, eine Massenbewegung geworden. Getragen - selbstverständlich - von den Prominenten dieser Welt. "Jeans zu Stramplern", propagieren popkulturell einflussreiche Menschen wie Justin Bieber (gut, so lange ist dessen erster Stramplerfrühling noch gar nicht vorbei) und Boyzone (trotz des irreführenden Namens allesamt selbst längst Väter). Die britisch-irische Castingband One Direction hat nach einem Strampler-Auftritt einen wahren Run auf die Dinger ausgelöst.

Auf Anti-Rutsch-Socken wird so unmerklich die bedingungslose Infantilisierung der Welt betrieben. In den USA soll sich der Verkauf der Einteiler im Vergleich zum Vorjahr verfünffacht haben, in Großbritannien melden Einzelhändler, der Onesie - wie er auf der Insel heißt - sei der Verkaufsschlager zu Weihnachten. "Schatz, bitteschön, diesmal Strampler statt Strapse." Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie das "50-Shades-of-Grey"-Jahr alternativ hätte zu Ende gehen können, geschenketechnisch. Doch die Kuschler haben über die Bondage-Phantasten triumphiert. Was Menschen, die ihrem Sexualpartner zu groß geratene Babykleidung unter dem Baum legen - am Ende noch im Partnerlook -, auf die Weihnachtskarte schreiben, mag man sich allerdings nicht vorstellen.

Nun ließe sich ja einwenden, dass es jedem selbst überlassen sei, was er in seinen eigenen vier Wänden anzieht. Geschenkt. Doch wie alle Missionare tragen auch die Onesie-Jünger ihre Überzeugung - und somit ihre Frotteemonster - auf die Straßen. Sie schlurfen darin an Schaufenstern entlang, lassen in Kneipen den schlabbernden Stoffüberfluss über den Rand der Barhocker herabfallen und ziehen sich in der S-Bahn die Kapuze ins Gesicht.

Es ist ja nicht so, dass jedem Einteiler dieser Welt die modische Akzeptanz zu verweigern wäre. Der Blaumann ist nicht nur praktisch, sondern kann auf sehr klassische Art auch sexy sein. Ebenso gibt es unter den Jumpsuits, die uns seit ein paar Sommersaisons begleiten, durchaus sehr vorzeigbare Exemplare. Tatsächlich handelt es sich beim Onesie vielmehr um ein Kuckuckskind, hineingelegt in das Nest der hippen Overall-Familie von seinen wahren nächsten Verwandten: Schlafanzug und Skiunterwäsche. Und auch wenn sich auf den Modewochen Designer noch so sehr bemühen, den Pyjama-Look zur Haute Couture zu erheben, wurden diese Kleidungsstücke für unter die Wintersporthose beziehungsweise für unter die Bettdecke erfunden. Und das aus gutem Grund.

Wer sich endlich wieder fühlen will wie dereinst in der Wiege, möge das bitte auch heute noch in seinem Bettchen tun - aber nicht in der Öffentlichkeit. Schließlich rollt sich auch niemand mitten im Weihnachtstrubel der Fußgängerzone zur Kindeshaltung zusammen.