Wolfburgs verliert - Viel aufzuarbeiten

Hoffenheim genügt eine konservative Leistung, um den Champions-League-Viertelfinalisten aus dem Spiel zu nehmen. Wolfsburg hat interne Probleme.

Von Tobias Schächter, Sinsheim

Für Julian Nagelsmann war es eine aufregende Woche. Endlich darf sich der 28 Jahre junge Cheftrainer der TSG Hoffenheim offiziell "Fußballlehrer" nennen. Nur der bisherige U-16-Trainer Domenico Tedesco der TSG schloss den Lehrgang unter der Woche besser ab als Nagelsmann und darf zur Belohnung ab der neuen Runde die U 19 übernehmen. Für Nagelsmann fällt nun die Doppelbelastung aus Theorie und Praxis weg. Er hatte in den vergangenen Tagen nach der 1:5-Pleite am vergangenen Wochenende beim VfB Stuttgart zum ersten Mal in seiner jungen Bundesligalaufbahn Kritik einstecken müssen.

Dass dieser junge Trainer aber lernfähig ist, bewies er jetzt: Mit einer in der zweiten Halbzeit leidenschaftlichen Defensivleistung verteidigten die Hoffenheimer die frühe 1:0-Führung gegen den harmlosen VfL Wolfsburg durch Andrej Kramaric (3.) bis zum Schlusspfiff und gewannen drei ganz wichtige Punkte im Abstiegskampf. Und Nagelsmann, der in Stuttgart zu forsch und naiv aufgestellt und gecoacht hatte, erklärte nun: "Man muss auch mal konservativ verteidigen können."

"Eine Verbindung zwischen Publikum und Mannschaft"

Weil Frankfurt in Gladbach mit 0:3 verlor, zog Hoffenheim punktemäßig mit den Hessen auf Relegationsrang 16 gleich - beide Klubs haben nun 24 Zähler. Und wäre Kevin Volland in der 57. Minute nicht mit einem Elfmeter an VfL-Torwart Koen Casteels gescheitert, hätte Hoffenheim die Eintracht sogar in der Tabelle überholt. Nagelsmann schwor seine Elf direkt nach dem Abpfiff bei der Ansprache in der Kabine auf die letzten acht Saisonspiele ein. Der Trainer habe von den Spielern gefordert, nun keinen Zentimeter nachzugeben und genauso weiterzumachen. Das erzählte TSG-Manager Alexander Rosen, der nach dem dritten Heimsieg in der sechsten Partie mit Nagelsmann feststellte: "Der Trainer ist sofort angenommen worden, es ist eine Verbindung zwischen Publikum und Mannschaft entstanden."

Wolfsburgs Torhüter Koen Casteels bringt den Hoffenheimer Andrej Kramaric (l.) zu Fall. Den fälligen Strafstoß pariert der Belgier gegen Volland.

(Foto: Michael Probst/AP)

Tatsächlich feierten die Hoffenheimer Fans den Sieg nach dem Abpfiff euphorisch. "Das ist ein Pfund im Abstiegskampf", findet Rosen. Unter Nagelsmanns Vorgängern Markus Gisdol und Huub Stevens wollte nie ein richtiger Schulterschluss zwischen Publikum und Profis gelingen. Diese beiden Trainer schafften in 20 Spielen zuvor nur zwei Siege insgesamt, nun gewann die TSG mit Nagelsmann in sechs Partien zehn Punkte (drei Siege) - und die Hoffnung der Fans zurück. Auch die bittere Pleite in Stuttgart und der verschossene Elfmeter gegen Wolfsburg warfen die Mannschaft nicht aus der Bahn.

Allerdings betonte Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking zu Recht: "Wir haben es den Hoffenheimern einfach gemacht, wir waren schläfrig und zeigten ein sehr, sehr schlampiges Passspiel." Nur vier Tage nach dem erstmaligen Einzug ins Champions-League-Viertelfinale gegen KAA Gent waren die Wolfsburger zwar optisch überlegen, aber ohne jede Durchschlagskraft im Angriff. Die einzige echte Ausgleichschance vergab der schwache Nationalstürmer Andre Schürrle kläglich erst in der Nachspielzeit.

"Ein Scheißspiel" hatte VfL-Manager Klaus Allofs gesehen. Viele Spieler seien im Kopf nicht bereit gewesen, den Kampf gegen einen abstiegsbedrohten, aber willensstarken Gegner anzunehmen, ärgerte er sich. Dabei mussten die Hoffenheimer auf ihre vier (!) etatmäßigen Sechser (Schwegler, Strobl, Polanski, Rudy) wegen Verletzung oder Sperre verzichten und hatten am Ende im Mittelfeld mit Nadiem Amiri, Philipp Ochs, und dem Debütanten Russell Canouse drei Talente auf dem Platz aus den Geburtsjahrgängen 1995, 1996 und 1997. Die Leidenschaft der Jugend reichte, um lahme Wolfsburger (bei denen Julian Draxler verletzt fehlte) in Schach zu halten.

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Warum verliert Max Kruse im Morgengrauen 75 000 Euro?

Nach zuletzt zwei Siegen in der Liga und dem Erfolg in der Champions-League bedeutet diese Niederlage einen "Rückschlag" (Schürrle) für die Wolfsburger Champions-League-Ambitionen in der kommenden Saison. Nur auf Rang sieben platziert, liegt Gladbach auf Rang vier schon fünf Zähler weg und Hertha BSC auf Rang drei schon acht. Rang drei war das Ziel, das Klaus Allofs vor dem Spiel in Hoffenheim noch einmal ausgerufen hatte. Nach dem Abpfiff musste der Manager zugeben: "Es bleibt für uns nun ein Spiel weniger, wo man etwas liegen lassen kann." Viele Niederlagen können sich die Wolfsburger nicht mehr erlauben, wollen sie in der kommenden Runde international dabei sein.

"Intensiv aufarbeiten" will Allofs eine am Spieltag durch einen Bericht der Bild-Zeitung bekannt gewordene, bizarre Geschichte: Nationalspieler Max Kruse, der in Hoffenheim ganz schwach spielte, sind im vergangenen Oktober offenbar 75 000 Euro abhandengekommen. Er hat diesen Betrag im Morgengrauen mit sich geführt und in einem Taxi in Berlin liegen lassen. Kruse erstattete Anzeige gegen Unbekannt. Was der bekannte Pokerspieler Kruse zu nachtschlafender Zeit mit diesem Geldbetrag in Berlin gemacht hat, ist nicht bekannt.

SZ Sport am Wochenende Bild

Allofs will nun mehr von Kruse erfahren und dann "gegebenenfalls reagieren". Er sagte: "Die Art von Schlagzeilen können wir nicht gebrauchen. Wir wollen schon für Schlagzeilen sorgen, aber nicht so." Es gibt viel aufzuarbeiten in Wolfsburg - auf und neben dem Platz.