Von Bernd Graff

Ein einsamer Journalist im 20. Stock eines Hochhauses sah den 1:0-Sieg der Spanier über die deutsche Mannschaft. Ein existentialistisch aufgemischter Ausfluss eines einzelnen reinsten Herzens.

Es ist wahr. Der Journalist mit starken Wurzeln im Feuilleton, also hochsensibel, sitzt alleine in seinem Büro und tickert. Er kann das Spiel nicht anschauen. England war schon schlimm, Argentinien ging fast nicht mehr, doch das hier, Spanien - Deutschland, übersteigt die Kräfte. Die Nerven. Feuchte Hände seit 15 Uhr. Das Über-Fan-Syndrom, klar. Darum tickert er. Denn beim Tickern muss man auf die Tastatur schauen. Und kriegt's nicht ... nur so halb mit. Genial, oder?   

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Die Hoffnungen einer Nation ruhen auf ihm... und zehn weiteren Spielern: Miroslav Klose, Stürmer im Dienste Joachim Löws. (© afp)

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19:31 Uhr

Erwarten Sie alles! Nur keinen Spielbericht. Jedenfalls nicht einen mit Anspruch auf Fußballsachverstand.

19:34 Uhr

Ich arbeite selbsttherapeutisch, ich meine, wir sind in der vierten WM-Woche - und froh, wenn es bald vorbei und Deutschland Weltmeister ist. So der Plan. Aufregend bleibt es trotzdem.

19:36 Uhr

Sorry, musste mir die Hände trocknen, die glitschen immer an der Tastatur ab. Diese Tastaturen aber auch!

20:02 Uhr

Um das hier klar zu machen: Ich sitze wirklich mutterseelenallein im Hochhaus des Süddeutschen Verlages im schönen Osten des schönen Münchens. Ich bin absoluter Nationalelffan, nur leider nervenschwach - wenn es um Fußball geht. Also gucke ich nicht mehr hin. Die Aufregung, wenn unser Team so wunderbar Wunderball spielt, aber zwischen der 30. und der 60. Minute eines Spiels wackelt, ist zuviel für mich. Ich kann aber auch nicht nicht gucken. Das hier ist die genialste Lösung, die Jungs spielen, ich schaue nur mit halben Auge hin und dann haben sie gewonnen. So etwa stelle ich mir den heutigen Abend vor. Willkommen zu meinem Quarantäne-Lifeticker. die anderen Racker sind natürlich public viewing, wie sich das gehört, und lassen schön grüßen.

20:07 Uhr

Sie haben die Möglichkeit, mir virtuell das Patschhändchen zu halten, indem Sie diesen Text hier kommentieren. (unten) Ich weiß, es ist mädchenhaft, auf diese Weise guckend nicht hinzugucken, wie im Kino, wenn Godzilla kommt, und man durch die Fingerritzen linst. Glauben Sie mir: In meinem Beruf bin ich ein Tiger. Aber Nationalelf! Und - falls Sie können - machen Sie, dass es bald vorbei ist. Ich bin schon wieder ausgerutscht auf dieser Tatstatur - es könnte aber auch langsam mal losgehen.

20:13 Uhr

Ach ja, Sie merken ja, dass das hier kein Ticker der handelsüblichen Art werden wird, und nein, ich werde keine Spielzüge referrieren: 1., weil ich sie ja nicht sehe (oder nur halb) und 2. weil ich die Namen der spanischen Spieler nicht unfallfrei schreiben könnte. Sehen Sie es mir nach! Sie kommen trotzdem auf Ihre Kosten.

20:19 Uhr

Delling - Netzer: wir werden die beiden ja bald nicht mehr gemeinsam Spiele kommentieren sehen, und offen gestanden: Sie fehlen jetzt schon. Niemand kann so schön Fundiertes über den deutschen Fußball sagen wie die beiden. Wir wissen, dass sie Fernsehgeschichte geschrieben haben und unsere Enkel noch Youtube Videos von ihren Kommentierevents anschauen werden. Allerdings werden sie ihre Altvorderen fragen, warum der kleine Mann so lustige Haare hatte. Und wir werden ihnen nicht antworten können. Bitter.

20:24 Uhr

Die Situation hier: Irgendwo auf dem Stockwerk befinden sich noch die beiden Fußballwissengotttitanen Aumüller und Schmieder und gehen ihrer geregelten Arbeit nach. Sie müssen ernsthaft über das Spiel berichten. Doch weil sie immer so streiten, Sie kennen das ja, musste ich sie in getrennte Zimmer setzen. Jetzt brüllen sie durch die Mauern, diese Lauser!

20:26 Uhr

Nationalhymen, wir wischen nochmal den See vor unserer Tastatur auf - und dann gehts ENDLICH los!

20:27 Uhr

Frau Merkel fehlt. Niemand kann so schön klatschen wie sie. Sie klatscht nichtklatschend, also unter Vermeidung einer Berrührung der gegnerischen Handflächen. Sagenhaft. DAS kann sie auch noch.

20:29 Uhr

Anpfiff - wie lange noch?

20:30 Uhr

Die deutsche Mannschaft in Schwarz-Weiß, die Spanier in Rot-Blau. So gehört sich das. Wobei: die schwarzen Trikots haben hier unsere Leben&Stil-Redakteurinnen in Verzückung versetzt. Gut informierte Kräfte meinen aber in Erfahrung gebracht zu haben, dass es den Redakteurinnen mehr um die Spieler selber ging, die in schwarzen Trikots einfach besser zur Geltung kommen.

20:35 Uhr

Erste Nutzerreaktionen des tief empfundenen Bedauerns: "Undo" schreibt: "War der 20. Stock freiwillig gewählt? Frei nach dem Filmtitel: Im 20. hört Dich niemand schreien? Oder war das, sieht einen weinen?" Äh, ja, das hängt ganz vom Ausgang des Spiels ab. Schreien auf jeden Fall, weinen hoffentlich nicht. Das Stockwerk wurde zugewiesen.

20:37 Uhr

"obi0033" schreibt: "atmen üben. am Besten von der Praktikantin eine Tüte reichen lassen. Und dann ein paar Atemzüge in die Tüte atmen und Luft wieder einsaugen. Kissen um den Stuhl verteilen, falles das Spiel vom Hocker hauen sollte. Mei, drehen hier alle durch?" Ja, hier drehen alle durch, aber ich bin alle. Insofern hat sich auch die Tütenlösung erübrigt, da niemand da, der sie reichen könnte. Das auf dem Feld sah übrigens gerade wie eine Chance Spaniens aus, aber ich habe ja nicht hingesehen.

20:40 Uhr

Spanien drückt ja gerade so ein bisschen, aber ich will nichts gesagt haben.

20:42 Uhr

Die Sportkollegen, die ich gerade in ihren Käfigen besucht habe, sind sich einmal EINIG. Die deutsche Mannschaft muss das Passpiel der Spanier unterbinden, nicht, wenn der Ball ankommt, sondern, wenn er geschossen wird. Haben wir hier Fußballintelligenz am Start oder haben wir Fußballintelligenz am Start? Klasse die Burschen: Ich bin ein großer Bewunderer ihrer Kunst, wenn sie nur nicht so oft streiten würden.

20:45 Uhr

Ein Einwurf vom Nutzer Nasenhon, der uns gerade per Telex erreicht hat: "weiss! die Spieler sehen im weiss besser aus. sind ja keine Existenzialisten." Da ist was dran, das wirft die ganze philosophische Perspektve ja gewissermaßen in Kübeln über die Mannschaft. Und sie ist ja noch so jung. Dummerweise sind sie keine Philospohen. Die spielen Fußball und sollen gefälligst gewinnen. Das geht nur mit existentialistischen Toren. Für die Spanier abgrundtief existentialistsich, die meinetwegen auch Rollkragenpullover anziehen können. Wenns dann soweit ist.

20:49 Uhr

Hier hat übrigens ein Nutzer behauptet, beim Spiegelticker würden nicht nur Nutzer zitiert. Darum sei es dort lustiger. Wir können nur existentialistisch. Und wenn das kein Spaß ist, dann will ich Beckett heißen. Ich warte übrigens nicht auf Godot, sondern auf ein Tor der Herren in Weiß! Was gerade eher fatalistisch nicht nach der Welt aussieht, die ja bekanntlich alles ist, was der Fall ist. Lustiger, pffffft!

20:54 Uhr

Eieiei, hier riechts aber sowas von nach Debatte, die gerade jenen Schweiß der Tüchtigen überdeckt, der sonst hier natürlich rumwabert! Der Nutzer hape09 rät dazu, "interdisziplinär zu denken": "Na, sehen die Kollegen völlig falsch. Interdisziplinär gedacht verfolgt die deutsche Mannschaft die Strategie Mohammad Alis gegen George Foreman, Zaire 1974. Der Gegner soll sich erstmal austoben und kurz vor Rundenschluss wird zugeschlagen. Wieviel Runden hat eigentlich so ein Fußballspiel? So viele wie bei der Formel 1?" Sehr gute Frage lieber hape09, wir können sie nur nicht beantworten. Unseres Wissens darf immer nur ein Ball mitspielen, was ärgerlich ist bei so vielen Männern, die den Ball haben wollen. Aber Ali ist ein guter Tipp: die Deuustchen rumb(p)len durch den undurchdringlichen Jungle der Spanier. Haben also alles richtig gemacht bislang - wenn Ihre These denn nur stimmen würde. Das Spiel, sorry, sieht nicht danach aus.

21:02 Uhr

Zugeworfen wurde uns gerade von einer gelben Nutzerin mit Turmfrisur, die sich Lisa_simpson nennt: "der spiegel ist überhaupt nicht lustiger, son käse". Danke, mehr ist dazu nicht zu ergänzen aus unserer Existentialistenecke. Es gibt Gerechtigkeit, aber daran glauben wir ja nicht. Sinnlos&Filterlos rauchend.

21:05 Uhr

User Deartussen schreibt uns ne Mail: "jetzt wollmer mal nicht die Bodenhaftung und das ballgefühl verlieren." Wen meint Deartussen? Uns, die Mannschaft, die doch gerade immerhin mal Trochowski hat aufs Tor schießen lassen? Wir hier haben keine Bodenhaftung wg. 20. Stock und vom Ballgefühl kennen wir nur die Ballflachhaltgefühl-Variante. Ist es eigentlich rum? Das Spiel? Wir stöbern ja gerade im Sartre.

21:10 Uhr

"LvB" schreibt: Reporter auswechseln! Was ist das bloß für ein staubtrockener Reporter auf ARD ? Bitte sofort auswechseln!" Das steht leider nicht in unser Macht, bitte mal in der ARD nachfragen oder in den Ticker-Foren, wo es ja immer so lustig zugeht.

21:14 Uhr

Offensichtlich geht es Nutzer/in Sumatra wie uns. Sie schreibt: "Ich möchte mit dem Hund Gassi gehen und wenn ich zurückkomme ist alles gut." Ich möchte nicht mit dem Hund Gassi gehen, ich möchte nur, dass alles gut ist. Aber: Hier ein AUFSCHREI: Die beiden Sportler rütteln an den Gitter-Stäben, sie wollen einen Elfmeter, der nach einem Foul an dem rehäugigen Ösil erforderlich gewesen wäre. Allein, der Schiedsrichter in ordentlichem Existentialistenzwirn, er gab ihn nicht. Halbzeit. Bis gleich. Hände trocknen und Kopf in den Kühlschrank halten. Jetzt kann man Gassi gehen, wenn man will. Aber dann sind wir sowas von wieder da. Bis später. 0:0, ein glückliches für Deutschland, die müssen sich steigern und sich den Schneid nicht so abkaufen lassen.

21:31 Uhr

So, die Kollegen sind gefüttert, die Hände wieder trocken (noch). Es geht weiter.

21:31 Uhr

Hier auch gleich wieder eine Nutzerfrage von "Ausmhohennorden": "wie heißt der Wolle Petri von den Spaniern?" Antwort: "puyol! wolle puyol!" Ok, das war magenstärkend. Denn hier ist man sich einig - auch alle Pförtner und Drucker und alle, die hier im Maschinenraum werkeln: Das war nicht gut in der ersten Halbzeit. Spanien munterer, frischer, frecher. Die Deutsche Mannschaft irgendwie im Kanincjhnstarre. Klar, ist ja auch noch jung, ist WM und ihr sechstes Spiel. Für unsere Nerven auch - und die könnten jetzt ein wenig Schweinsteigerbaldrian vertragen. Oder so einen Klose-Salto. Ist doch Leberwurst, wie sie ihn reinbringen.

21:38 Uhr

Leserin laestermaul schreibt: "jetzt ist wieder alles spiegelverkehrt wo man sich gerade dran gewöhnt hatte". Stimmt, war mir nicht aufgefallen, ist das regelkonform - und wo haben sie die Spiegel her? Aber verkehrt ist es, keine Frage.

21:41 Uhr

Jetzt machen wir mal den Thomas Müller, das ist der Wunderknabe, der heute nicht mitspielen darf, weil er seinen Teller nicht leer gegessen hat. Und mit dem wir garantiert schon 2:0 führen würden. Warum isst das Kerlchen nicht? Wir grüßen jetzt mal in die weite Ferne: Thomas Müller, natürlich. Dann selbstverständlich jene Fachkraft, die vor dem Spiel breiteste Unterstützung zugesagt hatte und damit wohl die Leberwurstbrotbestreichung meint, die sie uns virtuell zukommen lässt. Danke dafür. Und natürlich alle Damen, die sich gerade nicht am Nordpol befinden. Ich weiß euer Mitgefühl zu schätzen, danke. Allein sie schießen damit keine Tore. Und Thomas, nein, du darfst jetzt wirklich nicht mitspielen, auch wenn du so gerne möchtest.

21:47 Uhr

Jetzt auch noch Kritik: Eine sittsam erboste Leserin lässt uns wissen: "sehr geehrter herr Dr. graff, sie in ihrer Position, mit ihrer Ausbildung, sie müssten eigentlich wissen, dass es kaninchenstarre heißt und nicht kanincjhnstarre. da hätte ich mehr erwartet von einer seriösen Tageszeitung. mit den besten, leider nicht mehr sehr hochachtungsvollen grüßen" Nein, hier heißt es kanincjhnstarre, so wie es immer kanincjhnstarre geheißen hat, seitdem wir in dem Hochhaus in der Nähe eines kanincjhn-stalles arbeiten dürfen. Das ist eine sibirische Nebenlinie positiver Mutanten unserer Kaninchen, man erkennt sie am "j" und dem fehlenden "e".

21:51 Uhr

Ansonsten muss man um die Gitterstäbe fürchten, an denen unsere Sportjungs gerade rütteln. Ich höre aus ihren Kerkern Podolski-raus-Rufe. Sie werden bis Südafrika dringen, ganz sicher.

21:53 Uhr

Wir schmökern ja gerade im Sarte und fanden Gefallen daran: "Der Mensch ist nichts anderes als sein Entwurf; er existiert nur in dem Maße, als er sich entfaltet." An Entfaltung fehlt es der deutschen Mannschaft. Existiert sie jetzt nicht? Das sind so Fragen, während Kroos jetzt mal richtig saftig aufs Tor schießt. Er arbeitet an seiner Existenz, vermutlich.

21:58 Uhr

Wir haben gerade "$entry.text " gepostet. das war unsere Art zu sagen, dass Spanien 1:0 führt. Verdient führt.

22:00 Uhr

Tja: Ein Tisch hin, eine Scheibe, mehrere Stimmbänder und kein Sartre mehr im Regal. So schaut's hier aus. wenn Spanien führt. Und wir haben wenig durch unsere Fingerritzen gesehen, was eine entschiedene Antwort des deutschen Teams erwarten ließe. Nein, kein Defätismus. Blitzblanke Analyse.

22:04 Uhr

Berechtigte Frage der Nutzerin Hohenstein: "hat mal einer gezählt? sind mehr Spanier im Spiel?" Ja, sind. Das hat die Fifa 1953 so festgelegt. Also, dass am 7. Juli 2010 mehr Spanier im Spiel gegen die Deutschen zugelassen sind - ungefähr doppelt so viele und, wenn sie wollen, auch dreimal so viele.

22:08 Uhr

Seltsame Ruhe in den Käfigen. Ob sie noch leben?

22:09 Uhr

Yep, sie leben noch, aber sind jetzt gaaaaaanz leise. Und der Kollege Schmieder hat ein Stück vom Tisch im Mund. Aumüller arbeitet. Der arbeitet immer weiter.

22:10 Uhr

O lala, das Oberseminar des Philosophenkollegs Rüsselsheim hat sich gemeldet: "jetzt mal mehr so von der metaebene her betrachtet: das läuft eher schlecht." Das kommt ganz darauf an, sagt Platon, von welcher Metaebene aus diese Dinghaftigkeit des gerade fliegenden Balls betrachtet wird. Von der spanischen Metaebene aus sieht es gut aus. Tja, Relativitäten müssen sie noch bimsen, die in Rüsselsheim.

22:15 Uhr

Nützt alles nix, das ist in die Hose gegangen. Eine Nutzerin meint, es liege daran, dass sie ihr Fantrikot nicht anhabe. Ja, schade. Wir sagen uns: Eine tolle WM der deutschen Mannschaft war es trotzdem. Sie waren unglaublich! Entschuldigen Sie alle Tippfehler, sie haben sich einfach in unbeobachteten Momenten reingeschlichen. Und wir sind ja existentialistisch tolerant und haben sie gelassen. Kommt nicht wieder vor. Danke, Sie waren eine große Hilfe. Gruß an alle. Ich denke jetzt über Heideggers Definition der Ontologie nach: "Ontologie ist die Lehre vom Seienden als Sein im Hinblick auf sein Sein." Das hätte Löw mal in der Kabine sagen müssen. Dann hätte sogar Gomez getroffen. Tschüss.

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(sueddeutsche.de/bgr)