WM 2010: Slowakei - Paraguay Viel Lärm um viel

Paraguay feiert beim 2:0 gegen die Slowakei eines der schönsten Tore bei dieser WM - und den Sieg, der die Südamerikaner dem Achtelfinale nahe bringt. Die Slowaken vernachlässigen einen wesentlichen Teil des Fußballspiels.

Von Michael König

Der erste Spieltag hatte beiden Mannschaften viel Lärm um Nichts beschert. Die Slowaken beklagten ein nationales Trauma. Einen "Moment der Schande" wollten slowakische Boulevardmedien erkannt haben, als in der 93. Minute der Gegentreffer für Neuseeland fiel. Das Spiel endete 1:1. Die Paraguayer sahen sich derweil auf Augenhöhe mit dem amtierenden Weltmeister und leisteten sich vor Freude eine ausufernde Debatte über den mangelnden Nationalstolz der gebürtigen Argentinier Jonathan Santana (VfL Wolfsburg) und Lucas Barrios (Borussia Dortmund). Auch ihr Spiel gegen Italien war 1:1 ausgegangen.

Die Tabelle der Gruppe F wimmelte anschließend nur so vor Einsen, entschieden oder zumindest vorentschieden, wie es im Fußballdeutsch so schön heißt, war hingegen gar nichts. Am Sonntagmittag machten sich die Slowakei und Paraguay im direkten Vergleich daran, das zu ändern. Wieder gab es viel Lärm - und diesmal auch einen Sieger: Paraguay gewann mit 2:0 durch Tore von Vera und Riveros und ist auf dem besten Wege, nach 1986, 1998 und 2002 zum vierten Mal das Achtelfinale einer WM zu erreichen.

Die Slowaken hingegen können ihr nationales Trauma pflegen, denn ihre Abwehr bot erneut schändliche Lücken. Diesmal allerdings schon in der 27. Minute, als Lucas Barrios durch ihre Reihen spazierte wie durch die Regale eines Supermarktes. Der Dortmunder schaute sich in Ruhe um und schob den Ball eine Reihe weiter in die Abteilung für fußballerische Feinkost. Dort wartete Enrique de Vera, der das Kunststück vollbrachte, gleichzeitig einer gegnerischen Grätsche auszuweichen, umzufallen und mit dem Außenrist das 1:0 zu erzielen. Eine Bewegung wie aus einem Guss, und die Slowaken wirkten anschließend entsprechend: begossen.

Die Führung hatte sich zwei Minuten zuvor schon angedeutet, als Barrios' Dortmunder Teamkollege Nelson Valdez in aussichtsreicher Position vor dem slowakischen Tor auftauchte, dann jedoch seinem Ruf als Chancentod alle Ehre machte. Zehn Minuten nach dem 1:0 hätte Roque Santa Cruz für Paraguay erhöhen können, er scheiterte jedoch an der Fußbabwehr des slowakischen Torwarts. Santa Cruz steht mittlerweile bei Manchester City unter Vertrag: In dieser Szene bewies er, dass er immer noch Chancen vergeben kann wie zu seiner Zeit beim FC Bayern. "Er spielt zurückhaltend", urteilte sein ehemaliger Teamkamerad Mehmet Scholl am ARD-Mikrofon und fügte hinzu: "Leider."

Barrios, Valdez, Santa Cruz - Paraguays Trainer Martino setzte diesmal auf drei Spitzen und die erste Halbzeit gab ihm Recht. Die Statistik zur Pause wies neun Torschüsse für die Südamerikaner aus, einen einzigen für die Europäer. Nach einer Ecke von Vladimir Weiss, dem Sohn des gleichnamigen Trainers, hatte Kornel Salata in der 37. Minute über die Querlatte geköpft. Mehr slowakische Offensive war nicht zu verzeichnen gewesen.

Die Paraguayer hingegen versammelten sich direkt nach dem Halbzeitpfiff zu einer spontanen Teambesprechung im Mittelkreis, als könnten sie den Gang in die Kabine nicht abwarten, um Angriffspläne für die zweite Hälfte zu schmieden. Nach der Pause übernahmen jedoch zunächst die Slowaken die Initiative, und zwar auf zweierlei Weise: Spielten etwas offensiver, allerdings ohne torgefährlich zu werden. Und sie gingen offensiver in die Zweikämpfe, wobei sie der Gesundheit der Gegner gefährlich wurden. Martin Skrtel grätschte in der 66. Minute von hinten in Santa Cruz' Beine und hatte Glück, dass Schiedsrichter Eddy Allen Maillet von den Seychellen ein Verfechter der internationalen Härte ist: Er ließ beide Karten stecken.

Santa Cruz revanchierte sich auf seine Weise für das Foul, als er sich fünf Minuten später auf der linken Seite durchsetzte und auf den in der Mitte lauernden Torres flankte. Torres war für Valdez eingewechselt worden und hatte offenbar dessen Eigenschaft als Chancentod mit übernommen: Er scheiterte mit einem Kopfball. In den Augen der Slowaken war zu diesem Zeitpunkt noch ein Fünkchen Hoffnung zu erkennen - offenbar wollten sie sich an Neuseeland ein Beispiel nehmen und bis zum Schluss auf den Ausgleich drängen.

Doch zum Drängen braucht es Angriffe, und zum Angreifen braucht es Angreifer, und beides war im slowakischen Spiel an diesem Nachmittag nicht vorhanden. Und so erlosch in der 87. Minute auch die letzte Hoffnung, als Paraguay eine seiner vielen, vielen Chancen nutzte und durch Cristian Riveros zum 2:0 traf. Der Mann von CD Cruz Azul zog aus 16 Metern ab, nachdem sich Augenblicke zuvor seine Mitspieler Paulo da Silva und Oscar Cardozo noch gegenseitig am Torschuss gehindert hatten.

"Die beste WM aller Zeiten" hat Paraguays Nationalmannschaft seinen Fans versprochen. Im zweiten Spiel zeigte sich, dass das Team dringend an seiner Chancenverwertung arbeiten muss. Gelingt das, könnte das Versprechen vermutlich mehr sein als bloß Lärm um Nichts.

Mamma Mia!

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