WM 2010: Bilanz Turnier voller Ironie

Diese WM war auch voller Ironie. Zum Beispiel das Wetter: Sollte dies nicht der Sonnen-Kontinent sein, wo man sich wenigstens auf wohlige Wärme verlassen kann? Aber nein, Sepp Blatter wollte es anders. Die WM in den afrikanischen Winter zu legen, war eine absurde Entscheidung der Fifa. Nur den Afrikanern konnte man diese Frechheit zumuten, weil man sie eben nicht besonders ernst nimmt. Es hieß dann immer wieder, dass es zu schwierig gewesen wäre, den Zeitplan der WM umzustellen. Unmöglich war es nicht. Allein der Wille fehlte.

Nun wunderten sich also manche, warum die Fanparks in Südafrika so verwaist waren. Können diese Afrikaner nicht feiern? Und können sie sich nicht auch mal für andere Mannschaften begeistern? Natürlich können sie. Aber nicht da draußen, in eisiger Kälte. Fußball soll ja Spaß machen, also sitzen sie zu Hause oder in der Kneipe am Fernseher, wie jeder Mensch, der sich seine Zehen nicht ohne Not abfrieren möchte.

Der Gastgeber war genauso wenig verantwortlich für die Idee einer Winter-WM wie für die monopolistischen Geschäftspraktiken, die ebenfalls der Weltfußballverband durchgesetzt hat. Damit grenzte er Zehntausende Kleinhändler im Lande aus. Wenn der Fifa die Entwicklung Afrikas so wichtig gewesen wäre, wie sie glauben machen wollte, dann hätte sie auch Raum schaffen müssen für diese kleinen Geschäfte.

Überzogene Erwartungen

Südafrika weiß nun, wie wenig hinter der Rhetorik der Fifa steckt. Das Land wird noch lange darüber diskutieren, ob sich die hohen WM-Investitionen tatsächlich gelohnt haben, und wie man künftig die Stadien unterhalten und nutzen soll. Die Fifa aber packt wieder ihre Koffer, sie zieht weiter, zum nächsten Milliardengeschäft in Brasilien. Dabei ist es überfällig, dass sich ein Unternehmen, das mit dem Fußball riesige Gewinne macht, auch an den Kosten des Gastgebers seiner Turniere beteiligt - zumal wenn es um ein Land wie Südafrika geht, das jeden Dollar braucht, um seine Entwicklungsprobleme zu lösen.

Südafrikas Ruf im Ausland mag davon profitieren, dass der Staat als Gastgeber glänzte. Aber die Erwartungen, dass der Fußball die junge Nation im Inneren fest zusammenschweißen könnte, waren überzogen. Das große Wir-Gefühl blitzte zwar immer wieder auf in diesen Wochen der WM. Aber das allein kann die Gräben in der Gesellschaft nicht dauerhaft überbrücken.

Es geht dabei weniger um Spannungen zwischen Weiß und Schwarz, sondern mehr um die wachsende Kluft zwischen Reich und Arm. Die gute Stimmung bei der WM war stets überlagert vom anhaltenden Frust der unteren Schichten, die sich vom Wohlstand ausgeschlossen fühlen. Da ist Wut und Ernüchterung über eine politische Klasse, die das Volk zwar vom Joch der Apartheid befreit hat, aber es nicht schafft, die Bürger mit dem Nötigsten zu versorgen. Millionen brauchen Häuser, Toiletten, Strom und Wasser. 14 Jahre nach Nelson Mandelas Triumph leben sie noch immer in Schachteln aus Wellblech.

Südafrika hat bei der WM bewiesen, was das Land alles stemmen kann. Diesen Schwung muss es jetzt hinübertragen in die Zeit nach dem Turnier. Daran werden die Bürger ihre junge Demokratie messen. Und sie dürften die WM schnell vergessen, wenn sich an ihrem Schicksal nicht bald etwas ändert.