Wimbledon-Sieger Andy Murray Geschichte trägt kurze Hosen

"Ich kann das nicht glauben": Wimbledon-Sieger Andy Murray

(Foto: AFP)

Bei der Niederlage im vergangenen Jahr weinte Andy Murray auf dem Center Court. Dieses Jahr steht der Schotte als Wimbledon-Sieger auf dem Balkon und sagt: "Ich kann das nicht glauben." In drei spektakulären Sätzen besiegt er den Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic und schreibt britische Tennis-Geschichte.

Von Michael Neudecker, London

Andy Murray ging die Treppen rauf und dann nach rechts, so geht der Weg vom Centre Court in Richtung Kabine. Überall standen Menschen, Ordner, Angestellte des Klubs, Soldaten, alle jubelten sie, klatschten ihn ab, Murray hielt den Pokal fest umklammert, er bedankte sich, schüttelte unablässig den Kopf und schrieb Autogramme, denn alle wollten sie eins, auch die Soldaten.

Andy Murray ging weiter, die Gänge dieses doch erstaunlich großen Gebäudes entlang, die Kamera folgte ihm, er sagte danke, schrieb, schüttelte den Kopf, die Menschen draußen konnten ihn durch die Fensterscheiben sehen, sie schrien, jubelten ihm zu, und irgendwann kam er vorbei an ein paar historischen Fotos aus der Wimbledon-Geschichte, da sah es so aus, als sei Andy Murray auf direktem Weg ins Museum.

Andy Murray aus Dunblane in Schottland, 26 Jahre alt, hat am Sonntag im Finale von Wimbledon den Serben Novak Djokovic 6:4, 7:5, 6:4 besiegt, er ist jetzt der erste britische Wimbledon-Sieger seit 77 Jahren. Der letzte hieß Fred Perry, er gewann 1936, da waren noch nicht mal Andy Murrays Eltern geboren. Fred Perry lebte zu einer Zeit, als Tennisspieler lange Hosen trugen, weshalb Murray später ein lustiger Reporter fragte: Ob ihm eigentlich klar sei, dass er der erste Brite sei, der Wimbledon in kurzen Hosen gewonnen habe?

"Ich kann das nicht glauben"

So einer geht nicht einfach in die Kabine, wenn es vorbei ist.

Sondern dorthin, wo all die sind, die seit Jahren nichts mehr wollten als seinen Wimbledon-Sieg. Er ging auf den Balkon über dem Eingang zur South West Hall des Centre Courts, dem Balkon, auf dem der Wimbledon-Sieger immer seine Trophäe präsentiert. Er wurde gefeiert, wie man einen Sieger nur feiern kann, aber Andy Murray schüttelte noch immer den Kopf, er blickte ernst, irgendwie entrückt. Er versuchte, den Moment zu greifen, zu verstehen, was passierte, aber es sah nicht so aus, als würde ihm das gelingen. "Ich kann das nicht glauben", sagte Andy Murray später, und dann noch einmal: "Ich kann das nicht glauben."

Es war das achte Mal, dass Andy Murray in Wimbledon antrat und das zweite Mal, dass er das Finale erreichte. Beim ersten Mal, im vergangenen Jahr, unterlag er Roger Federer, danach weinte er auf dem Centre Court, er wirkte, als sei es unmöglich, ihn zu trösten. "Das war einer der schwierigsten Momente in meiner Karriere", sagte Murray jetzt, bei der Siegerehrung.

"Das waren die härtesten Punkte in meinem Leben"

Den Pokal widmete er seinem Team, wie sich das gehört, vor allem aber Ivan Lendl, seinem Trainer. Lendl war in den Achtzigern einer der besten Tennisspieler der Welt, aber er gewann nie in Wimbledon. Lendl stand oben in der Box, wie so oft trug er eine Sonnenbrille, die Sonnenbrille verstärkt seine unheimliche Pokerspieler-Aura noch, aber nun, als Murray da mit dem Pokal stand und redete, da sah es fast so aus, als würde Lendl lächeln.

6:4, 7:5, 6:4, Andy Murray wird sich das Ergebnis wahrscheinlich noch ein paar Mal in Erinnerung rufen. Ein Sieg im berühmtesten Tennisturnier der Welt, gegen den Weltranglisten-Ersten: in drei Sätzen. Murray ist der Weltranglisten-Zweite, er ist nah dran an Djokovic, aber er ist eben Zweiter - und nun also das: ein klarer Dreisatz-Sieg.

Es war allerdings kein Match, das sich für ihn anfühlte wie ein Dreisatz-Sieg. "Brutale Ballwechsel", sagt Murray, "ein unglaublich hartes Match". Speziell die letzten Punkte: "Das waren die härtesten Punkte in meinem Leben." Murray und Djokovic bestritten nun das dritte Grand-Slam-Finale in Folge, ihre Matches sind immer Begegnungen auf Augenhöhe, beide spielen ähnlich, sie schlagen die Bälle von Grundlinie zu Grundlinie, präzise, kraftvoll, es gab kein Match in diesen zwei Wochen mit derart konstant langen Ballwechseln wie das Finale.

Eine Atmosphäre wie in einem Fußballstadion

Djokovic spielte nicht schlecht, es war nur so: Egal, wie gut er den Ball platzierte, egal, wie oft ihm ein Break gelang - Murray hatte immer eine Antwort.

Je länger das Match dauerte, desto häufiger verließen die beiden die Grundlinie, Djokovic spielte den Ball immer wieder kurz hinter die Netzkante, und Murray rannte jedes Mal nach vorne, nahezu immer erwischte er den Ball. Und nahezu immer spielte er ihn mit kaum fassbaren Schlägen zurück, vorbei an Djokovic, longline, diagonal, wie es ihm gefiel. Die Zuschauer schrien in diesen Momenten am lautesten, überhaupt: "Es war so unglaublich laut", sagt Murray. Als ihm im dritten Satz das Break zum 5:4 gelungen war und die Spieler noch einmal die Seiten wechselten, standen alle auf, 15.000 schreiende, singende und klatschende Menschen, es war in diesen Momenten eine Atmosphäre wie in einem Fußballstadion.

Ob er sich an den Moment erinnern könne, als Djokovic den Ball ins Netz schlug und Murray mit seinem vierten Matchball zum Sieger wurde? Nein, sagte Murray, er überlegte kurz. Nein, "ich kann mich wirklich nicht daran erinnern".

Und dann ging Andy Murray doch noch mal in die Kabine, es half ja nichts. Er musste sich umziehen, in Wimbledon ist Sonntagabend der wichtigste Programmpunkt der zwei Wochen: das Champions' Dinner.