TV-Präsenz Handball: Bald wieder schlechter als Fußball-Regionalliga

Bei der EM attraktiv, in der Bundesliga eher nicht so: Handball im Fernsehen

(Foto: Christof Koepsel/Getty Images)
  • Die Handball-Spiele bei der Europameisterschaft erzielen herausragende Einschaltquoten, bis zu 17 Millionen sehen beim Finale zu.
  • Langfristig ist der Abstand des Fußball zu anderen Sportarten aber gewaltig und kaum aufzuholen.
  • Im Kampf um Fernsehpräsenz gehen Sportarten teils hohe Risiken ein.
Von Tim Brack

Es war ein seltener Moment und sehr wahrscheinlich wird es ihn auf absehbare Zeit auch nicht mehr geben. Millionen Deutsche gucken Sport am Wochenende, doch an diesem besonderen Tag, dem 31. Januar 2016, war etwas anders. Da interessierten sich auf einmal alle nur noch für diese sieben Handballer in Krakau, die mit frecher Lockerheit einfach mal die Goldmedaille bei der EM gewannen. Die zeitgleiche Partie zwischen dem FC Bayern und der TSG Hoffenheim? Nebensache.

17,4 Millionen waren es in der Spitze, die den EM-Sieg der Deutschen am Fernseher verfolgten. Es ist eine Aufmerksamkeit, die die absolute Ausnahme in dieser Sportart bedeutet. So war nicht nur ihre Medaille, sondern auch die hohen Quote etwas, wovon die Handballer bisher nur träumen konnten. "Ich hoffe, dass die Leute endlich wieder auch vermehrt in die Hallen kommen und ein Handball-Hype ausgelöst wird", sagte Torhüter Andreas Wolff noch während der Titelfeier. Weil er ganz genau weiß: Den nächsten Bundesliga-Spieltag der Handballer werden wieder viel weniger Leute mitbekommen. Der Fußball wird wieder die bestimmende Macht werden - was die restlichen Sportarten vor erhebliche Probleme stellt.

Der Abstand des Fußballs zu anderen Sportarten ist riesig

Es genügt bei aller Handball-Euphorie ja schon ein Blick auf die Quoten der Fußball-WM. Zwar verfolgten das Handball-Finale im Schnitt fast 13 Millionen Menschen, allerdings schalteten in der Vorrunde nur 3,8 Millionen Zuschauer beim Spiel gegen Spanien ein. Zum Vergleich: Bei der Fußball-WM 2014 schauten alleine im Vorrundenspiel gegen die USA 27,24 Millionen Zuschauer zu - im Finale gegen Argentinien sogar 34,57 Millionen.

Es geht in dieser Diskussion weniger darum, dass Fußball die Sportart Nummer eins ist, sondern wie groß der Abstand mittlerweile zu allen anderen geworden ist. Ein Beispiel: 2013 verdrängte die Fußball-Regionalliga die Handballer von ihrem angestammten Sendeplatz. Die Quoten zeigten: Selbst viertklassiges Gebolze schauen mehr Deutsche als Elite-Handball.

Alle Sportarten außer Fußball müssen um Fernseh-Präsenz kämpfen

Je häufiger eine Sportart live über den Bildschirm flackert, desto mehr Geld gibt es aus TV-Deals und von Sponsoren. Um medial eine Rolle zu spielen, gehen die Sportarten abseits des Fußballs immer höhere Risiken ein. Immer mehr Wettbewerbe und die damit verbundenen Spiele sind ein Teil der Entwicklung. Jedes Jahr spielen die Handballer eine EM oder WM - das belastet den Körper, Verletzungen werden in Kauf genommen.

"Der Fußball genießt eine Sonderstellung in Deutschland. Es ist die einzige Sportart, die mitbestimmen kann, was, wann, wie im Fernsehen präsentiert werden soll", sagt Michael Schaffrath, Professor für Medienwissenschaft an der Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften der Technischen Universität München. Alle anderen müssen sich bemühen, ins Fernsehen zu kommen. Dabei spielt die Inszenierung des eigenen Sports eine immer größere Rolle.

Die Inszenierung geht so weit, dass Athleten Unfälle riskieren

In der Eishockey-Bundesliga tragen die Spieler Mikrofone, die die knackigsten Aussagen senden. In der Champions League gibt es bei den Handballern teilweise Kabinenkameras - ein Tabu für jede professionelle Fußball-Mannschaft. "Sportler, Vereine und Verbände passen sich zunehmend an die Logik des Fernsehens und der Medien an. Wir nennen dies Medialisierung", sagt Schaffrath.

Das geht sogar so weit, dass Athleten mittlerweile Unfälle riskieren müssen. Zwei Beispiele: Die abgestürzte Kameradrohne im Fall von Skirennfahrer Marcel Hirscher oder der Kameramann, der Usain Bolt bei der WM von hinten umgefahren hat. "Das sind Kollateralschäden, die aus dem Wunsch nach mehr Medienpräsenz entstehen", sagt der Medienwissenschaftler. Schaffrath sieht die beiden Vorfälle kritisch: "Das ist glimpflich ausgegangen. Sollte jemand dabei ernsthaft verletzt werden, diskutieren wir das auf einem ganz anderen Niveau in Deutschland."

So hart der Kampf um Aufmerksamkeit ist: Die Sportarten müssen aufpassen, nicht ihr wertvollstes Gut zu zerstören: die Athleten. Für die deutschen Handballer hat es sich wohl trotz aller Verletzungen gelohnt. Sie haben das Land begeistert und schlagen daraus vielleicht auch einen Vorteil für ihre Liga. Wobei man ehrlicherweise sagen muss: Der WM-Titelgewinn 2007 hat den Ligalltag auch nicht entscheidend verbessert.