Tour de France Schöne, neue Tour 2009

Wenn sich kritische Medien aus der Radberichterstattung zurückziehen würden, könnte die nächste Tour ein noch unbeschwerteres Rennen werden.

Ein Kommentar von Andreas Burkert

Ein Leser aus Luxemburg hat geschrieben, er ist recht empört über die SZ-Berichterstattung zu seinem Volkshelden Frank Schleck - er verweist auf das Prinzip der Unschuldsvermutung. Dieses Prinzip ist seit den Tumulten um die Operación Puerto eine beliebte Vokabel derer, die sich als Puristen und Bewahrer des Radsports verstehen. Des "wahren Radsports", ihnen hatte ja auch der Fuentes-Kunde Valverde seinen Etappensieg gewidmet.

Da half nicht einmal die beliebte Vokabel "Unschuldsvermutung" weiter. Italians Riccardo Ricco musste sich nach ein positiven Dopingtest von der Tour verabschieden.

(Foto: Foto: AFP)

Sind gesicherte Indizien vorhanden, macht korrekte journalistische Arbeit Verdachtsberichterstattung erforderlich, was gerne übersehen wird. Weil die Inhalte wohl Illusionen zerstören, geschäftsschädigend sind oder sonstwie zu unangenehmen Hautrötungen führen. Dass Medien die Aufgabe haben, "bei berechtigtem Interesse der Öffentlichkeit" Dinge darzustellen, das hat das Wochenende erneut bestätigt, wird nicht nur in südeuropäischen Ländern ignoriert. Dabei bestehen doch keine mehr Zweifel daran, dass die Probleme des Radsports als phänotypisch zu bezeichnen sind für den athletischen Unterhaltungsbetrieb, der sich zurzeit nach Peking aufmacht.

In einer freien Welt darf selbstredend jeder daran glauben, dass diese Tour rückblickend eine Tour des Aufbruchs gewesen sei. Er kann auf die Erfolge der französischen Antidoping-Agentur AFLD verweisen, die bisher drei Epo-Sünder aussortierte und den Weltverband UCI mit seinem Eifer um Längen übertraf. Er kann andererseits ausblenden, dass die AFLD von rund 20 Fahrern mit Auffälligkeiten im Blutprofil sprach, dass der Italiener Piepoli Epo-Doping eingeräumt hat - und bisher trotzdem nicht überführt worden ist bei rund einem Dutzend Zielkontrollen.

Er kann außerdem ignorieren, dass beim Spanier Duenas ein bisher nicht zugelassenes Präparat gefunden wurde. Und er darf zu Recht darauf verweisen, dass dieses Rennen spannend war und deshalb ehrlicher, menschlicher anmutete, da es um Sekunden ging und, könnte ja sein, schlimmstenfalls alle nur noch ein kleines Bisschen gedopt haben. Ohne Frage, das darf er.

Generell ist es überlegenswert, dem Leser aus Luxemburg zu folgen, er meint, "am besten sollten sich die deutschen Medien ganz aus dem Radsport zurückzuziehen (...), dann hat der Rest der Welt endlich Ruhe vor dieser Hetzjagd". Man könnte ihn, den von ihm ausgenommenen Spartensender, Nachrichtenagenturen und die Veranstalter alleine lassen mit jenen, die ihnen weiter regelmäßig ins Gesicht lügen.

Und vermutlich würde das dann 2009 ein sagenhaftes und noch unbeschwerteres Rennen: Wenn die nicht belangten, mutmaßlichen Fuentes-Kunden Contador und Schleck gegen den zurückkehrenden Fuentes-Kunden Basso kämpfen; wenn sich Team Astana, die neureichen Radmillionäre von Katjuscha und CSC um den spektakulär geläuterten Antidoping-Helden Bjarne Riis duellieren. Womöglich kehrt ja sogar der Kasache Winokurow zurück, weil er doch nur mit einjährigem Bann belegt wurde. Als oberste Regel gälte die Unschuldsvermutung.

Ohne Frage, genau so könnte man es machen.

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