Studie "Doping in Deutschland" Kontrolleure sollen selbst manipuliert haben

Ein besonders spannendes Kapitel der Studie "Doping in Deutschland" beleuchtet die Frage: Wie ernst war es den Kontrolleuren mit dem Kontrollieren? Dabei verstärkt sich der Verdacht, dass Mediziner in der alten BRD selbst Teil des Systems waren.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Als zu Wochenbeginn die große Debatte über die Doping-Vergangenheit der Bundesrepublik Deutschland losbrach, hat sich auch die Nationale Anti- Doping-Agentur (Nada) zu Wort gemeldet. Er wünsche sich die Namensnennung der beteiligten Ärzte und Betreuer, sagte Vorstand Lars Mortsiefer, und eine Veröffentlichung der ausführlichen Studienversion: "Um ein Gesamtbild zu zeichnen, muss ich sicherlich auch die gesamte Möglichkeit haben, alles zu bewerten."

Doch dieses Gesamtbild, es betrifft nicht nur dopende Sportler, doping- forschende Sportmediziner und dopingduldende bis dopingfördernde Vertreter aus der Politik und der Sportfunktionärskaste. Sondern auch den Arbeitsbereich von Mortsiefer und der Nada: die Analytik und das Kontrollsystem. Denn die Studie verstärkt alte Zweifel, wie ernst es den Kontrolleuren zu BRD-Zeiten mit dem Kontrollieren wirklich war - und dient zudem dazu, Fragen zur künftigen Struktur des Anti-Doping-Kampfes abzuleiten.

Im Zentrum dieses Aspektes steht der 1995 verstorbene Manfred Donike - seines Zeichens über viele Jahre der oberste Dopingfahnder Westdeutschlands, der hartnäckig auf die Einführung von Trainingskontrollen drängte. Sein einst äußerst positives Bild hat schon lange Kratzer bekommen. Zu aktiven Zeiten als Radsportler trug er den Spitznamen "Kanüle". Donike war lange Jahre eng befreundet mit dem Freiburger Joseph Keul, einer Zentralfigur der westdeutschen Dopingforschung.

Zudem unterhielt er enge Kontakte zum DDR-Funktionär Manfred Höppner. Diesem unterstand das Labor in Kreischa, das über systematische Ausreisekontrollen verhinderte, dass DDR-Athleten bei Wettkämpfen außerhalb des Landes als Doper aufflogen. Schon 1977 warf der Leichtathletik-Funktionär Horst Klehr, ein entschiedener Dopinggegner, Donike vor, Tests zu manipulieren. 14 Jahre später sah er sich in seinem Verdacht bestätigt, als er Donike manipulierte Proben unterschob, Positivfunde aber ausblieben.

In der Studie finden sich nun Stellen, die dieses fragwürdige Bild weiter präzisieren. So geht es zum Beispiel um den Fall eines Radsportlers kurz vor den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles. Nach einem Sturz hatte er von einem Arzt das Dopingmittel Primabolan erhalten, und es wurde befürchtet, dass die Substanz bis zum Wettkampf nicht mehr vollständig würde abgebaut werden können. Also wurde der Urin des Athleten aus den USA nach Köln geflogen, um ihn untersuchen zu lassen. Ein Zeitzeuge sagt: "Wir haben die Probe einfach nicht negativ gekriegt." Gemäß der Studie war diese Art von "Vorkontrollen" zumindest im Radsport kein Einzelfall.