Skispringen: Ahonen-Biographie Bekenntnisse eines Königsadlers

Janne Ahonen lässt in die Tiefen seines Skispringerlebens blicken - zum Vorschein kommen Alkohol-Eskapaden und extreme Diäten.

Von Th. Hahn und R. Häyrinen

Mit den Jahren kommt die Gelassenheit, und bei Janne Ahonen aus Lahti wohl auch so ein Gefühl, mit der eigenen Geschichte spielen zu können. Im Frühjahr 2008 hat er seinen Rücktritt als Skispringer erklärt, nach 16 Jahren im Weltcup, 36 Weltcup-Siegen und fünf WM-Titeln für Finnland. Ein Jahr später nahm er den Rücktritt zurück, um sich noch einmal an seiner Sehnsucht zu versuchen, am Olympiasieg, in Vancouver 2010. Und nun, mitten in den Sommervorbereitungen auf sein Comeback, folgt Ahonens nächste Überraschung: seine Autobiographie mit Details aus einem Skispringerleben, das neben Arbeit und Erfolg auch manche Alkoholeskapade aufweist sowie strengste Diäten. "Ich nehme an, manche Leute werden die Geschichten hassen", sagt Janne Ahonen, 32, "und das ist auch richtig so." Er hat keine Angst mehr davor, seinem Publikum nicht zu gefallen.

Janne Ahonen gibt in einer Autobiographie Einblicke ins Skispringerleben.

(Foto: Foto: dpa)

Das Buch hat es in sich, davon darf auch sein lyrischer Titel nicht ablenken: Kuningaskotka - Königsadler. Die Idee zu den Memoiren kam nach dem Karriere-Ende von Ahonens Seite. Sein Manager Jukka Härkönen engagierte Pekka Holopainen als Autoren, einen der profiliertesten finnischen Sportjournalisten vom Boulevardblatt Ilta-Sanomat. Im Herbst 2008, als Ahonen noch längst nicht daran dachte, in den Sport zurückzukehren, fanden die Interviews zum Buch statt, und bei der viel beachteten Vorstellung des Werks vergangenen Montag in Helsinki berichtete Holopainen, dass er überrascht gewesen sei, wie offen der vermeintlich unterkühlte Ahonen erzählt habe.

Was Ahonen Holopainen berichtete, war mehr als nur die Richtigstellung eines Klischees. Es korrigierte das Bild vom untadeligen Profi Ahonen und leuchtete hinter die Kulissen eines bisweilen sehr oberflächlichen Winterzirkusbetriebes. Als Ahonen sich zum Comeback entschlossen hatte, überlegten Autor und Königsadler deswegen durchaus, ob sie die Biographie nicht etwas entschärfen sollten. Sie entschärften nichts.

Ahonen ist kein Alkoholiker wie das andere finnische Skisprungidol Matti Nykänen, Olympiasieger 1984 und 1988, dessen Abstürze Finnlands Boulevard seit Jahrzehnten beschäftigen. Und Ahonens 300-seitige Biographie ist auch nicht eine einzige Eskapaden-Sammlung, eher zeichnet sie das Bild eines Mannes, der sich bei aller, fast selbstzerstörerischer Hingabe zum Sport zwischendurch auch mal einen Ausbruch erlaubt.

Beim Saisonfinale 2005 in Slowenien etwa. 2004/05 war Ahonens beste Saison, er wurde Weltmeister, Vierschanzentournee- und Gesamtweltup-Gewinner, und am Abend vor dem letzten Springen von der Flugschanze in Planica brachte Ahonens Teamkollege Risto Jussilainen 24 Dosen Bier mit aufs Hotelzimmer. Die tranken sie. Am nächsten Morgen erschienen sie schwer verkatert zum Dienst. Sie sprangen trotzdem nicht schlecht. Ahonen flog sogar 240 Meter weit, was Weltrekord bedeutet hätte, wenn er nicht gestürzt wäre. Sanitäter trugen ihn aus dem Zielraum, und dann weigerte sich Ahonen strikt, ins Krankenhaus gebracht zu werden. Er fürchtete, die Ärzte dort würden entdecken, mit wie viel Restalkohol im Blut er geflogen war.

Tiefer in die absurde Welt des Skispringens deuten aber Ahonens Schilderungen von den Radikaldiäten, mit welchen er sein Gewicht für einen Körper mit besseren Flugeigenschaften reduzierte. "Ich bin nie ins Extreme gegangen", hat Ahonen 2007 in der SZ zu dem Thema gesagt, aber das war offensichtlich eine dieser Flunkereien, die der Skisprung-Guru Mika Kojonkoski zu seiner Zeit als finnischer Nationaltrainer den Springern um Ahonen empfahl. In Ahonens Buch steht, Kojonkoski habe den Springern geraten, ihr Gewicht für die Öffentlichkeit immer etwas höher anzusetzen, als es tatsächlich war.

Es ist bekannt, dass Kojonkoski, heute Nationalcoach in Norwegen, vor der Einführung der Body-Mass-Index-Regel sehr viel Wert auf ein niedriges Wettkampfgewicht legte. In Ahonens Buch heißt es: "Kojonkoski machte aus dem Abnehmen eine Kunst. Er dachte, das sei ein lebenswichtiger Teil des Sports." Und dazu gibt es eine Episode von einer Teamsitzung in Salt Lake City 2002. Der hungernde Springer Matti Hautamäki fühlte sich dabei so schwach, dass er fürchtete, sich nicht auf den Beinen halten zu können, wenn er aufstehen würde. Er ließ sich deswegen einen Donut bringen, und als Hautamäki den Donut gerade zum Mund führen wollte, griff eine Hand von hinten danach und nahm es ihm weg. Kojonkoskis Hand.

Ahonen klagt niemanden an, das geht wohl auch schlecht, wenn man seine eigene Diätroutine bedenkt. Ahonen ist von Natur aus ein schwerer Springer, trotz Body-Mass-Index-Regel muss er vor jeder Saison stark abnehmen. Er fängt damit drei Wochen vor dem Saisonstart an. In dieser Zeit isst er Müsli mit fettarmem Joghurt zum Frühstück. Mittags nichts. Abends wieder Müsli und fettarmen Joghurt oder Tabletten zur Fettverbrennung. Dazu trinkt er Kaffee zum Entwässern und einen Energietrunk. Er sagt, so komme er schnell von 73 Kilo auf 65.

In diesem November wird Janne Ahonen wieder so vorgehen. Er findet nichts dabei. Für ihn ist das der Preis dafür, fliegen zu können. Was andere darüber denken, ist ihm egal. Was wohl der finnische Ski-Verband dazu sagt? "Vielleicht werden sie mir die Ohren lang ziehen." Janne Ahonen lächelt. Er hat auch keine Angst davor, seinem Verband nicht zu gefallen.

Schrecksekunde auf der Schanze

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