Rugby Ein "geiler Sport" soll wachsen

Der deutsche Nationalspieler Max Calitz im Duell mit Englands Mason Tonks.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Die besten Siebener-Rugby-Teams der Welt spielen zurzeit in München beim Oktoberfest Sevens. Das Ziel: die ganze Sportart in Deutschland beliebter machen. Kann das funktionieren?

Reportage von Julian Budjan, München

Der Tag, an dem es auch um die Zukunft des Rugby in Deutschland gehen soll, beginnt mit Bier. "Habt ihr auch alle ein Bier zur Hand?", ruft die Moderatorin zur Begrüßung an diesem Freitagmittag, und auf der Haupttribüne haben zumindest ein paar ein Bier zur Hand. Den Pokal haben sie auf ein Bierfass gestellt, die Fan-Artikel kann man im Bier-Design kaufen, einen Biergarten-Bereich gibt es auch, gleich neben dem Rasen, allerdings nur für die Prominenz.

Willkommen im Münchner Olympiastadion. Willkommen an dem Ort, an dem die weltbesten Nationen im Siebener-Rugby spielen. Und an dem das deutsche Rugby an Bedeutung gewinnen soll.

Das Olympiastadion ist 1972 eröffnet worden, es wurde im Laufe der Jahre zu einem wesentlichen Teil der Münchener Geschichte. Die Fußball-Nationalmannschaft gewann hier 1974 den WM-Titel, für mehr als drei Jahrzehnte war es die Heimstätte des FC Bayern, zahlreiche Künstler spielten hier ihre Konzerte, zuletzt die Rolling Stones. Nun also: Rugby.

Es ist der Versuch, eine Sportart zu etablieren, die in anderen Ländern der Welt längst beliebter ist als der deutsche Lieblingssport Fußball. "Oktoberfest Sevens" heißt das Turnier, die Idee an sich ist nicht ganz neu, schon seit 1987 gibt es in München ein Turnier zur Oktoberfestzeit. Neu ist, dass diesmal die Weltelite im Siebener-Rugby gekommen ist: Olympia-Sieger Fidschi, Weltserien-Sieger Südafrika, England, Frankreich, Australien, Argentinien. Zwei Tage dauert das Turnier, die Veranstalter hoffen, dass sie - bei gelungener Organisation - die World Series nach Deutschland holen können. So oder so wird es das "Oktoberfest Sevens" bis mindestens 2019 geben, jeweils am dritten Wiesn-Wochenende.

Die Zuschauer werden mit unzähligen Kamera-Aktionen bei Laune gehalten

Es soll eine große Party werden, so haben sich das die Veranstalter überlegt. Bässe wummern nach jedem Punkt, zu Beginn und nach dem Ende jedes Spiels. "Come on fans, clap your hands", spielt der Wiener DJ Stari immer wieder. Die deutschen Zuschauer schlagen noch etwas unsicher ihre im Firmendesign eines Paketdienstes gehaltenen Klatschstangen aneinander; die Iren, Engländer und Australier wirken da schon geübter. In den Pausen wird das Publikum mit unzähligen Kamera-Aktionen bei Laune gehalten, auf zwei großen Leinwänden: Fan-Cam, Dance-Cam, Kiss-Cam, Simba-Cam, Bongo-Cam und, natürlich, eine Schnaps-Cam. Gibt's alles.

Natürlich kann ein einzelnes Turnier im Münchner Olympiastadion nicht mal eben Rugby unter die beliebtesten Sportarten der Republik hieven. Aber es kann Aufmerksamkeit schaffen; das Sportfernsehen überträgt jedenfalls. Insgesamt bleibt der Andrang im Stadion auf dieses im Vorfeld groß inszenierte Turnier am ersten Tag hinter den Erwartungen zurück. Wohl weniger als 10 000 Zuschauer sind da. "Es war vielleicht ein bisschen gewagt, gleich so ein großes Stadion auszuwählen, auch wenn ich mich natürlich über jeden einzelnen Rugby-Fan freue", sagt der 20-jährige Tim Lichtenberg, mit vier Versuchen erfolgreichster deutscher Angreifer in der Vorrunde. Der zweite Tag sei aber ohnehin immer besser besucht. Andererseits: Sind einige Tausend nicht schon eine ganze Menge für eine Sportart, die sonst in Deutschland vergleichsweise selten in der Öffentlichkeit vorkommt?

Es ist ja so: Diejenigen, die da sind, haben sichtlich Spaß, viele von ihnen sind verkleidet gekommen: Schlümpfe tanzen über die Tribüne, andere tragen Bananenkostüme, es gibt Wikinger, Videospielfiguren wie Mario und Luigi oder halt Menschen in Tracht.

Im April soll in Hongkong der Aufstieg in die Weltelite gelingen

Sie alle sehen, dass die deutsche Mannschaft sich in der Gruppenphase beachtlich schlägt gegen die Weltelite (wobei die Weltelite auch eher in Zweitbesetzung angetreten ist). Während das deutsche Team das erste Spiel kurz vor Schluss noch mit 14:21 verliert, gewinnt es überraschend gegen England mit 21:14 und schlägt Uganda mit 31:7. Und nach diesen Erfolgen macht sich auch bei den deutschen Fans so etwas wie Begeisterung breit. Die Spieler laufen auf die Tribüne und lassen sich feiern - Szenen, die es so nicht oft gibt, sonst spielt das deutsche Team meist im Ausland, in der Regel ohne größere Unterstützung. Am Samstag scheitern sie im Viertelfinale allerdings dann 12:26 an England und werden Fünfter. Gewonnen hat Australien im Finale gegen die Fidschijaner mit 40:7.

"Das Turnier ist unglaublich wichtig für die Bedeutung von Rugby in Deutschland. Es ist notwendig, dem Publikum mal so einen geilen Sport vorzusetzen. Und wir haben gezeigt, dass wir nicht so weit weg sind von den Besten", sagt Nationalspieler Bastian Himmer dennoch. Das große Ziel des deutschen Siebener-Rugby-Teams ist sowieso ein anderes als der Turniersieg in München: Nach den gescheiterten Versuchen in den beiden vergangenen Jahren wollen sie im April 2018 beim Qualifiktationsturnier in Hongkong in die Gruppe der Weltbesten vorstoßen. Das würde auch der Anerkennung des Rugby-Sports in Deutschland helfen. "Wir haben schon zweimal an der World Series gekratzt", sagt Kapitän Sam Rainger, "das Turnier hier in München ist die erste Station auf dem Weg dorthin."

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