Rechtsradikale bei Alemannia Aachen Wenn die Fankurve unterwandert wird

Der Drittligist Alemannia Aachen hat ein Fanproblem: Neonazis sind Teil der Szene. Das geht soweit, dass Aachener Fanklubs im Stadion wie sonst nur gegnerische Gruppierungen getrennt werden müssen. Der Verein wirkt ratlos.

Von Christof Ruf

Dass rivalisierende Fangruppen räumlich getrennt werden, gehört zu den Sicherheitsstandards bei jedem Fußballspiel. Das gilt auch für die Spiele von Alemannia Aachen. Doch beim Drittligisten müssen zwei Fangruppen des gleichen Vereins in separaten Blöcken untergebracht werden, um Übergriffe zu verhindern. Wenn der Traditionsklub am Samstag Darmstadt 98 empfängt, wird sich die eine Gruppe im Block S 6 einfinden, die andere positioniert sich in 50 Meter Entfernung.

Die Ultras der "Karlsbande" und die kleinere Gruppe "Aachen Ultras" (ACU) sind sich spinnefeind - vor allem aus politischen Gründen. Während die ACU gegen Rassismus kämpft, hat die "Karlsbande" offenbar kein Problem damit, dass sich in ihren Reihen gewalttätige Neonazis produzieren. Immer wieder ließen sie zu, dass organisierte Neonazis, beispielsweise aus dem Kreis der "Kameradschaft Aachener Land" (KAL), mit ihnen feiern oder sie auf Auswärtsfahrten begleiten.

Die KAL ist eine besonders militante Neonazi-Gruppierung, die im August von Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger sogar verboten wurde. Auch ein verurteilter Bombenbauer nutzte die Stehränge lange als Rekrutierungsfeld. Mehrere Dutzend Bilder, die bekennende Neonazis aus Aachen und dem Umland zeigen, liegen der SZ vor. Sie sind darauf beim gemeinsamen Posieren mit Mitgliedern der "Karlsbande" zu sehen. Der Verfassungsschutzbericht in Nordrhein-Westfalen dokumentiert ebenfalls die rechte Unterwanderung der Ultragruppe.

Eine Dokumentation des "Bündnis aktiver Fußballfans" listet zudem mehrere Dutzend Vorfälle aus den vergangenen beiden Jahren auf, bei denen ACU-Mitglieder bedroht oder tätlich angegriffen wurden. Nicht nur am Rande von Spielen, sondern auch in der Aachener Kneipenmeile Pontstraße. Mehrmals attackierten maskierte Täter ACU-Mitglieder zudem an der Wohnungstür. Auch Fanprojektleiterin Kristina Walther geriet beim Versuch zu schlichten schon zwischen die Fronten. Nachdem sie Anfang des Jahres Alarm geschlagen hatte, möchte sie nun nichts mehr sagen. Auch die ACU äußert sich nicht zu den Vorfällen. Ein Klima der Angst hat in Aachen längst um sich gegriffen.

Das weiß auch Frithjof Kraemer, der Geschäftsführer des Drittligisten, der nicht länger bereit ist, auf die Selbstregulierungskräfte bei der größten Aachener Ultragruppe zu setzen. Nach wie vor trieben sich Rechtsextreme im Dunstkreis der Ultras herum, "ob von der KAL, oder wem auch immer. Jedenfalls hat es die Karlsbande in den letzten Monaten nicht geschafft, ihre Probleme selbst zu lösen."

Im August eskalierte die Situation. Nach dem Auswärtsspiel der Alemannia in Saarbrücken wurde der ACU-Tross von Mitgliedern der "Karlsbande" überfallen. Ein ACUler, der es nicht rechtzeitig in den Bus geschafft hatte, wurde von etwa einem Dutzend Männern minutenlang zusammengetreten und schwer verletzt - obwohl der Fanbeauftragte und ein weiterer Fan sich schützend auf das Opfer geworfen hatten.

"Nach den Vorfällen von Saarbrücken war unsere Geduld am Ende", sagt Alemannia-Geschäftsführer Kraemer. Seitdem darf die "Karlsbande" ihre Zaunfahne nicht mehr präsentieren. "Das trifft die an einer empfindlichen Stelle", sagt Kraemer - für Ultragruppen hat die Zaunfahne regelrechten Fetischcharakter: "Wir werden auch künftig sehr genau beobachten, wer sich in deren Gefolge im Stadion rumtreibt."

Doch das ist nicht so einfach, denn auch viele alteingesessene Zuschauer sehen nicht die Gewalttaten oder die Neonazis als Problem, sondern die ACU, die in der Vergangenheit immer wieder rechte oder schwulenfeindliche Parolen aus dem Fanblock thematisiert hat. Die ACUler ecken dabei allerdings auch durch ihre Interpretation von Ultra-Kultur an. Zu samba-lastig, zu wenig spielbezogen sei die Unterstützung, finden traditionellere Teile der Fanszene. Der Konflikt hat also nicht ausschließlich weltanschauliche Gründe. Doch die sind der Kristallisationspunkt der Eskalation, die längst auch den DFB und die "Koordinierungsstelle der Fanprojekte" (KOS) auf den Plan gerufen hat.

Maßgebliche Gruppen in der Aachener Fanszene haben seit jeher Schwierigkeiten, sich gegenüber Neonazis abzugrenzen. Veteranen der rechten Szene wie der rheinland-pfälzische NPD-Kader Sascha Wagner werden im Stadion von vielen wie ein alter Bekannter gegrüßt. Kein Zufall: Er geht dort seit Jahrzehnten ein und aus. Auf "Facebook" erklärte er sich jüngst mit der "Karlsbande" solidarisch - nur wenige Tage nach den Übergriffen von Saarbrücken.