Radprofi Lance Armstrong Wie der Sport versagte

Es mag sein, dass Lance Armstrong formal kein Dopinggeständnis abgelegt hat. Nichts aber belegt die Dopingpraxis in der schönen heilen Sportwelt so gut wie dieser Fall. Die Verantwortlichen sind nicht fähig und oft auch nicht willens, die Betrugsproblematik so rigoros anzugehen, wie sie es gerne verkünden.

Ein Kommentar von Johannes Aumüller

Es ist schon eine kuriose Wendung, mit der nun die längste Dopingaffäre der Sportgeschichte ihr vorläufiges Ende findet. Lance Armstrong will sich nicht mehr gegen den von der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada erhobenen Vorwurf des systematischen Dopings in seinen früheren Rad-Teams wehren - er glaubt, der Prozess würde "unfair" verlaufen. Das sagt ausgerechnet der Mann, dem längst niemand mehr abnimmt, nur mit Energieriegeln sieben Mal die Tour de France gewonnen zu haben.

Nein, mangelnde Fairness eignet sich wahrlich nicht als Grund für diese Entscheidung. Einleuchtender erscheint da schon die Überlegung, dass Armstrong der erdrückenden Indizienlage nur wenig hätte entgegensetzen können.

Nur ein Auszug aus der Hinweisliste: 2005 fand sich in Nachtests einer während seines ersten Tour-Siegs sechs Jahre zuvor entnommenen Probe das Blutdopingmittel Epo. Es gab die Zusammenarbeit mit dem als "Dottore Epo" bekannt gewordenen und in Italien wegen Sportbetrugs verurteilten Mediziner Michele Ferrari. Zuletzt folgten eindeutige Zeugenaussagen von früheren Teamgefährten. Die einzige offene Frage war: Wie ist es möglich, dass Armstrong trotz dieser Sachlage unbehelligt blieb?

Die Antwort sagt viel aus über den Zustand des Anti-Doping-Kampfes im organisierten Sport. Die Verantwortlichen sind gar nicht fähig und oft auch gar nicht willens, die Betrugsproblematik so rigoros anzugehen, wie sie es gerne verkünden.

In der Causa Armstrong war sogar das Gegenteil der Fall: Der Radsport-Weltverband hielt stets schützend seine Hand über seinen Vorzeige-Pedaleur, selbst Anti-Doping-Labore gerieten aufgrund ihrer Handlungen ins Zwielicht. Die Omertà, das Gesetz des Schweigens, funktionierte.

Erst als vor gut zwei Jahren unabhängige Instanzen wie der US-Ermittler Jeff Novitzky und die amerikanische Anti-Doping-Agentur ihre Arbeit aufnahmen, entwickelte sich die Angelegenheit für Armstrong bedrohlich. Der Fall erinnert an das Verfahren gegen die US-Vorzeigesprinterin Marion Jones vor ein paar Jahren, die erst vor Gericht die Verwendung verbotener Substanzen zugab. Die Erkenntnis ist: Wenn ein professioneller Doper etwas zu befürchten hat, dann nicht von den Sportverbänden, sondern von den juristischen Instanzen des Staates.

Noch ist nicht endgültig entschieden, ob Lance Armstrong seine sieben Tour-Siege verliert (die USASA hat die Titel bereits aberkannt) und ob für ihn die jeweils Zweitplatzierten nachrücken würden. Sollte es aber dazu kommen, würden zu den Beförderten zählen: Jan Ullrich (kürzlich wegen Dopings verurteilt), Ivan Basso (wegen geplanten Dopings gesperrt), Alex Zülle (wegen Dopings gesperrt) - und Andreas Klöden, über den es in einem Dokument der Freiburger Staatsanwaltschaft heißt, er habe sich nachweisbar einer Blutdopingbehandlung unterzogen.

Mag sein, dass Lance Armstrong formal kein Dopinggeständnis abgelegt hat: Nichts aber belegt die Dopingpraxis in der angeblich schönen heilen Sportwelt so gut wie dieser Fall.