Olympische Spiele in Sotschi Putins willkommene Symbolpolitik

Wladmir Putin mit seinem Spielzeug: der olympischen Flamme.

Michail Chodorkowskij ist frei, die Aktivistinnen von Pussy Riot ebenfalls. An der Menschenrechtslage in Russland ändert das wenig. Doch Rechtsstaatlichkeit ist bei der Vergabe von Großereignissen kein entscheidendes Kriterium. Sportfunktionäre loben lieber die "hervorragenden Sportstätten" im Land.

Von Thomas Hummel und Hannah Beitzer

In der Welt des Sports gibt es sehr einflussreiche Organisationen, die dem gemeinen Sportsfreund gar nicht bekannt sind. Zum Beispiel Sportaccord. Das ist die Vereinigung von 109 Sportverbänden, unter ihnen der Fußball-Weltverband Fifa oder der Motorsportverband Fia. Das bekannte Internationale Olympische Komitee (IOC) verfügt nur über 68 Fachverbände. Der Chef von Sportaccord ist demnach ein sehr einflussreicher Mann. Er heißt Marius Vizer.

Der Rumäne mit österreichischem Pass, der auch dem Judo-Weltverband vorsteht, sagte nun: "Die Winterspiele in Sotschi stehen nicht nur für einen gewaltigen finanziellen Aufwand Russlands und die exklusive Aufmerksamkeit von Präsident Wladimir Putin, sie sind auch eine herausragende Leistung von Respekt und Solidarität gegenüber der Menschheit, eine edle Geste der Wertschätzung des russischen Volkes gegenüber allen teilnehmenden Ländern."

Deshalb findet Vizer: "Ich denke, dass Athleten, Politiker, Medien sich nicht nur solidarisch zeigen müssen mit Russlands respektablen Anstrengungen, sondern bei diesem Ereignis auch unterstützen sollten und alle zusammen eine Geste der Solidarität, der Einheit und der Wertschätzung feiern sollten, um ein Beispiel für alle Menschen zu geben." In anderen Worten: Kritik an den Olympia-Gastgebern wegen Umweltzerstörung, dem miserablen Umgang mit den Wanderarbeitern oder Gesetzen, die Homosexuelle diskriminieren, verbietet sich.

Ehrerbietende Kommentare

So deutlich ehrerbietend sind die Stimmen zum Problem Sotschi zwar selten aus der Welt des Sports, ernstzunehmende Kritik am Bild von Putins Russland und seinen Winterspielen im Februar fehlt aber ebenfalls. Das muss schon die Gesellschaft leisten, ein bisschen vielleicht die Politik.

Einige Politiker vermeiden es, sich in Sotschi oder dem 40 Kilometer entfernten Bergort Krasnaja Poljana mit Putin zu zeigen, darunter Bundespräsident Joachim Gauck - und wohl auch Bundeskanzlerin Merkel. Der Druck auf Russland schwoll in den vergangenen Wochen so an, dass sich Putin - so bewerten es vor allem Berichterstatter aus dem Westen - nun zu Symbolaktionen genötigt sieht. Die Freilassungen seines Intimgegners Michail Chodorkowskij oder der Sängerinnen der Punkband Pussy Riot, Maria Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa, sollen die Stimmung rund um die Spiele in Sotschi retten.

Die Haftzeit der Sängerinnen hätte ohnehin im Frühjahr geendet, die von Chodorkowskij im August. Dass sie nun früher freikommen, ist erfreulich für sie - doch die Menschenrechtslage in Russland bleibt prekär. Das umstrittene Anti-Schwulen-Gesetz zum Beispiel, das positive Äußerungen über Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen oder über Medien wie das Internet unter Strafe stellt, gibt es immer noch.

Zudem betonte Putin besonders im Fall Chodorkowskij die "humanitären" Hintergründe der Amnestie. Chodorkowskijs Mutter sei schwer krank. Anders ausgedrückt: Die Amnestie macht deutlich, dass den Putin-Gegnern in Russland nicht das Gesetz hilft - sondern eben nur die Gnade des Präsidenten.