Olympia Selbst die Rivalen verneigen sich vor den Deutschen

Goldjungs: Vinzenz Geiger, Fabian Rießle, Eric Frenzel und Johannes Rydzek (von links).

(Foto: dpa)
Von Volker Kreisl, Pyeongchang

Die "Demonstration der Stärke", das ist einer der diffusen Fachbegriffe des Sports. Gemeint ist die komplette Überlegenheit, die lässige Degradierung des Gegners, man denkt an einen angespannten Bizeps. Aber wie sieht so eine Demonstration der Stärke in der Nordischen Kombination aus? Seit diesem Donnerstagabend kann man sagen, die Demonstration der Stärke ist sehr klein, fast einsam, und rundherum ist es sehr weiß.

Es war der letzte von drei olympischen Wettkämpfen im kombinierten Sprung- und Langlauf: die Teamentscheidung. Dass die deutsche Mannschaft von Bundestrainer Hermann Weinbuch favorisiert war, dass sie sogar hoch favorisiert war, wusste man. Zwei Tage zuvor waren im Großschanzen-Einzel drei Deutsche auf dem Podest gestanden, ein sporthistorisches Ereignis. Zuvor hatte bereits Eric Frenzel das erste Einzelrennen gewonnen. Somit war ein weiterer Sieg, vielleicht nach einer Aufholjagd in der Loipe, nach einem spannenden Finish, für die Gegner zu befürchten. Es kam aber viel schlimmer.

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Für gewöhnlich möchte man als Konkurrent seinem Bezwinger während des Wettkampfes ja wenigstens mal begegnet sein. Doch die zweitplatzierten Norweger hatten am Anfang zwar mal den Rücken des Startläufers Vinzenz Geiger gesehen, mehr aber nicht. Österreichs erster Läufer Wilhelm Denifl wiederum skatete etwa vier Kilometer lang gemeinsam mit dem Oberstdorfer Geiger, dann kam es zum ersten und einzigen kurzen Zweikampf, ähnlich einem kurz gereckten Bizeps, und Geiger hopste Denifl davon. Bald schon waren sie nicht mehr gesehen, höchstens als kleiner Punkt am Horizont.

Eine Demonstration der Stärke? "Ja", antwortet der Bundestrainer

"Es war unsere Strategie, dass Vinz auf Denifl erst einmal aufläuft, sich erholt und dann zündet", sagte Weinbuch nachher. Das hatte geklappt, danach war keine Strategie mehr erforderlich. Im Ziel hatte Schlussläufer Johannes Rydzek knapp eine Minute Vorsprung, auch zwischen den Silber- und Bronzegewinnern klaffte eine große Lücke. Zugrunde lag diesem Erfolg ein glänzendes Skispringen am Nachmittag, in dem keiner der vier Deutschen sich eine Blöße gab. Die maximal möglichen drei Goldmedaillen hat das Team also errungen, dazu eine Silber- und eine Bronzemedaille. "War das eine Demonstration der Stärke?", wurde Weinbuch gefragt, er antwortete kurz und knapp: "Ja."

Für eine Mannschaft, die viele Jahre in den Aufbau investiert hat, ist dies sicherlich eine berechtigte Genugtuung, zugleich enthält derart krachende Überlegenheit einen Vorgeschmack auf die negative Wirkung zu starker Dominanz. Diesem Auftritt ergaben sich alle Gegner, sie gratulierten auch ehrlich für die Leistung, auf Dauer würde das aber langweilig werden. Andererseits, für den Moment war es im Stadion ein interessanter Anblick.

Nach dem ersten Wechsel, als Fabian Rießle in die Spur ging, hatten die Verfolger ja nur knapp 13 Sekunden Rückstand. Doch das norwegisch-österreichisch-japanische Trio fand offenbar stillschweigend eine Übereinkunft. Sie gaben Gold auf und blieben im Verbund, um bei einer Verfolgung nicht selber früh zurückzufallen und die Position für einen Schlusssprint um Silber zu verlieren.

So zog ein Deutscher nach dem anderen seine Bahn, nach Rießle kam Eric Frenzel, dann Rydzek - allein und im zügigen Takt des Siegers das Stadion, die Anstiege und den Wald durchmessend. Zuschauer waren dort nicht, nur hin und wieder ein Streckenposten oder ein Kameramann, und natürlich waren dort auch die Trainer Weinbuch und Ackermann, die ihnen den langsam wachsenden Vorsprung zuriefen. Gold war stets im grünen Bereich.

Im Nachwuchs fehlen Talente

Auf der Tribüne des Stadions dagegen harrten doch zahlreiche Zuschauer aus, die Gefallen an dem stummen, aber seltenen Spektakel hatten. Liefen die führenden mit den roten Mützen rechts schon wieder davon, so kamen die Verfolger links oben erst die Stadionabfahrt hinab. Was die Zuschauer nicht wissen konnten, war die Tatsache, dass Weinbuchs Mannschaft durchaus zu schlagen war, aber nur von sich selbst. Denn sie hatte zunächst die Ersatzski vergessen. Im Staffelrennen dürfen die Trainer für den Fall eines Skibruchs oder Bindungsschadens neues Material am Loipenrand oder im Stadion bereithalten. Doch auch dieses Problem wurde noch rechtzeitig erkannt und behoben.

Die Spannung in der nordischen Kombination ist aber wohl nicht in Gefahr. Weinbuch blickte zum Abschluss der olympischen Wettkämpfe in die Zukunft, die nicht in dieser Art weitergehen werde. "Der eine oder andere kippt langsam über den Zenit", sagte er und führte Björn Kircheisen aus Johanngeorgenstadt an; der 34-Jährige war diesmal nur Ersatzläufer geblieben. Und um den Nachwuchs ist es keineswegs bestens bestellt. In manchen Altersstufen fehlen die Talente. "Da müssen wir uns konkrete Gedanken machen", sagte Weinbuch, und runzelte - ein seltener Anblick in diesen Tagen - die Stirn.

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