NHL "Jeder stellte sein Ego zurück"

Mit 39 hat der Schweizer Mark Streit neben Tom Kühnhackl den Stanley Cup gewonnen. Er spricht über seinen langen Weg zum Sieg und erklärt die Qualitäten von Sidney Crosby, dem besten Eishockeyspieler der Welt.

Interview von Simon Graf, Pittsburgh/München

Mark Streit hat hektische Tage hinter sich. Am Sonntag wurde er mit dem NHL-Klub Pittsburgh Penguins in Nashville Stanley-Cup-Sieger. Nach der langen Meisternacht mit den Familien flog das Team am Montag zurück und wurde von Kapitän Sidney Crosby nach Hause eingeladen. Am Dienstag waren die Penguins Ehren­gäste bei der Partie des Baseball-Teams Pittsburgh Pirates, am Mittwoch wurden sie bei der Parade durch die Stadt von 650 000 Fans gefeiert. Am Donnerstag räumte Streit seinen Spind, verabschiedete sich von seinen Teamkollegen und flog mit seiner Frau und seiner fünfmonatigen Tochter nach Philadelphia, um in seiner Wohnung, die er verkaufen wird, seine Sachen zu packen für die Rückkehr in die Schweiz. Den Playoff-Bart hat der 39-Jährige noch nicht abrasiert. "Keine Zeit. Das geschieht dann im Sommer."

Jeder kleine Junge, der Hockey spielt, träumt davon, einmal den Stanley-Cup hochzustemmen. Wie fühlt es sich an?

Es ist ein magisches Gefühl. Der Pokal ist recht schwer, wenn man ihn in die Hand nimmt. Er steht für so viel Geschichte, hat unzählige Namen großer Spieler drauf. Wir hatten ihn die letzten Tage immer dabei, wenn wir als Team zusammenkamen. Er verliert seinen Reiz nie. Natürlich haben wir ihn auch mit Champagner gefüllt.

Wissen Sie schon, wann Sie einen Tag mit dem Pokal in der Schweiz verbringen dürfen?

Noch nicht. Die Reiseroute wird nun erstellt. Er dürfte zuerst in Nordamerika touren und dann nach Europa kommen. In die Schweiz, nach Deutschland, Schweden, Finnland. Wissen Sie schon, wohin Sie mit dem Pokal gehen? (lacht) Da habe ich mir noch ­keine Gedanken gemacht. Ich würde ­gerne mit Familie und Freunden ein cooles Fest feiern mit dem Pokal. Wo, weiß ich noch nicht.

Sie hätten 41 Spiele mit den Penguins oder ein Finalspiel bestreiten müssen, um sicher darauf eingraviert zu werden. Werden Sie es trotzdem?

Das sehe ich dann. Ich hoffe es schwer.

Wie stufen Sie diesen Erfolg ein?

Sportlich ist es mein größter Erfolg. Er ist speziell zustande gekommen, weil ich in den Playoffs nur drei Spiele bestritten habe. Aber ich schaue das ganze Bild an, sehe diesen Pokal als Krönung meiner Karriere. Ich habe jahrelang wichtige Rollen gespielt in meinen Teams. Und wenn ich in Pittsburgh zum Einsatz kam, spielte ich sehr gut. Wenn nicht, versuchte ich, dem Team auf andere ­Weise zu helfen. Ich fühle mich schon als Stanley-Cup-Sieger.

Was macht die Penguins aus?

Crosby ist nicht nur der weltbeste Spieler, er ist auch als Typ großartig mit seinen Leaderqualitäten. Wenn einer so voranschreitet wie er, kann man gar nicht anders, als mitzuziehen. Zudem hatten wir einen extrem breiten Kader, zu dem ich ja auch beitrug. Obwohl wir viele Verletzte hatten, spürte man das nicht. Und jeder akzeptierte ­seine Rolle, stellte sein Ego zurück.

Wenn Ihnen jemand gesagt hätte, als Sie mit 22 in der East Coast Hockey League spielten, dass Sie über 800 NHL-Spiele bestreiten und Stanley-Cup-Champion werden würden, was hätten Sie geantwortet?

Ich hätte ihn ausgelacht. Mit 22 wäre es für mich das Größte gewesen, einmal in der NHL aufzulaufen. Einmal ein solches Leibchen zu tragen. 12 Jahre, über 800 Spiele, das hätte ich mir nie erträumt.

Wie wurde es möglich?

Ich war schon immer enorm ehrgeizig, gab mich nie damit zufrieden, wenn ich etwas erreicht hatte. Ich hatte immer das Gefühl, es liegt noch mehr drin. Und wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, lasse ich mich auch nicht entmutigen, wenn es noch meilenweit entfernt ist. Als ich in Montreal ­ankam, empfand ich das Spiel als unglaublich schnell und intensiv. Alle waren so gut. Ich dachte: Das wird happig. Aber ich wollte auf keinen Fall zurück.

War es sogar ein Vorteil, dass Sie nie als Supertalent galten?

Es hat mich sicherlich angespornt. Mit 16, 17 redete niemand groß von mir. Nicht in Bern, schon gar nicht in der Schweiz. Andere wurden als große Talente gehandelt und gedraftet. Ich nicht. Das war für mich ein positiver Antrieb. Und es ist eben auch ein Talent, einen großen Willen zu haben.

In Bern traute Ihnen Ihr damaliger Trainer Bill Gilligan mit 16 nicht zu, dass Sie im Elite-B-Team eine wichtige Rolle ­spielen könnten. Hat er einmal Abbitte geleistet?

(lacht) Ich ging damals mit ­meinem Vater zum Treffen mit Gilligan. Gilligan sagte, er sehe mich als Verteidiger Nummer sieben oder acht. Er konnte nicht recht sagen, was meine Stärken sind. Ich war am Boden zerstört. Meine ­Eltern sagten: "Wir verstehen, wenn du in Bern bleiben willst. Du hast hier deine Kollegen, dein Umfeld. Aber dann musst du deine sportlichen Ambitionen zurückstecken." Das wollte ich auf keinen Fall. ­Später in Fribourg ­setzte man auf mich, im zweiten Jahr spielte ich schon in der ersten Mannschaft - jener Wechsel war extrem wichtig.

Welchen Tipp haben Sie für junge, ambitionierte Hockeyspieler?

Dass man sich nicht entmutigen lässt, wenn einem ein Trainer sagt, man sei zu wenig gut. Das heißt gar nichts. Das erlebte ich ein paarmal. Und dass man seinen eigenen Weg geht.

Wer war Ihr bester Teamkollege in all diesen NHL-Jahren?

Ich habe in meiner Karriere viele großartige Menschen kennen­gelernt. In Montreal etwa hatte ich engen Kontakt mit Cristobal Huet. Aber dann wurde er von einem Tag auf den anderen wegtransferiert. Das ist brutal. In allen Teams ­hatte ich Spieler, mit denen ich es sehr gut hatte. Mit denen ich noch ­heute ­Kontakt pflege.

Sie leben seit zwölf Jahren in Nordamerika. Wie hat Sie das verändert?

Es ist ein spektakuläres Leben, ­hektisch und abwechslungsreich. Natürlich prägt das. Ich habe ­sicher das eine oder andere von Amerika angenommen. Aber die Werte, die mir meine Eltern mitgegeben haben, wie man mit Leuten umgeht, dass man jedem mit Respekt begegnet, habe ich beibehalten. Und ich glaube auch nicht, dass ich durch das Geld, das ich verdient habe, ein anderer geworden bin. Sie sagten nach dem Titel, dass Sie in der NHL weiter­spielen möchten.

Wohin könnte die Reise gehen?

Keine Ahnung. Mein Agent sagte, es werde sich bestimmt die eine oder andere Möglichkeit ergeben. Ich bin offen. Jetzt freue mich ­zuerst einmal auf die Ferien. Aber ich bin auch schon wieder auf­geregt, weil ich nicht weiß, was die Zukunft bringt.

Falls es mit der NHL nicht klappen sollte, wäre es für Sie auch eine Option, noch in der Schweiz zu spielen?

Stand heute nicht. An meinem Punkt der Karriere, mit meiner Spielweise, würde ich mir wohl ­keinen Gefallen tun, in der Schweiz auf der größeren Eisfläche zu spielen. Dieses Spiel ist nicht auf mich zugeschnitten. Aber man weiß nie, was in zwei, drei Monaten ist.

Könnten Sie sich vorstellen, dereinst mit Ihrer Familie in Nordamerika zu leben?

Nach meiner Karriere gehen wir zurück in die Schweiz. Das habe ich mit meiner Frau, mit meinen Kollegen und der Familie schon besprochen. Obwohl es mir in Nordamerika vom Lifestyle und den Leuten, die ich hier kennengelernt habe habe, gut gefällt. Jetzt, nach einer langen Saison, nach neun, zehn Monaten, vermisse ich die Schweiz extrem. Aber ich bin mir auch bewusst, dass ich nach drei, vier ­Monaten Amerika ­vermissen werde. Ich werde sicherlich öfters rübergehen.