Olympia Einfach den Schlitten fliegen lassen

Natalie Geisenberger beherrscht ihren Sport wie keine Zweite - dafür gibt es Gründe.

(Foto: Getty Images)
  • Natalie Geisenberger gewinnt bei Olympia wieder die Goldmedaille im Rodeln. Die Oberbayerin lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen.
  • Ihr Erfolg ist auch darin begründet, dass im deutschen Team so viele gute Rodlerinnen unterwegs sind.
  • Eine von ihnen ist Dajana Eitberger, die diesmal Silber gewinnt.
Von Volker Kreisl, Pyeongchang

Da war sie wieder, die Rodelmaschine. Ein langer Armzug, zwei, drei Paddelschläge, dann streckte sich Natalie Geisenberger auf ihrem Schlitten aus und machte sich dünn gegen den Wind. Sie zog ihre Bahn hinab auf der Ideallinie, sie lag ruhig auf dem Eis, als brauche sie bei 130 Kilometern pro Stunde gar keine Schutzbanden rechts und links.

Viermal war Geisenberger das wieder gelungen - wie vor vier Jahren in Sotschi, als sie erstmals Einzel- und später noch Team-Olympiasiegerin wurde. Wieder wirkten Geisenbergers Fahrten auf die stärksten Konkurrentinnen aus Nordamerika und deren Trainer sowie auf die Zuschauer, als wäre der Rhythmus ihrer Fahrt programmiert. Nach dem vierten Lauf in Pyeongchang war die 30 Jahre alte Rennrodlerin aus Miesbach mit rund 0,4 Sekunden Vorsprung zum zweiten Mal Olympiasiegerin, 0,4 Sekunden - das ist so wie ein 4:0 im Fußball. Anders als ihr Teamkollege Felix Loch am Sonntag hat Geisenberger ihre Favoritenposition also genutzt und sich, gestärkt durch Erfolg und Tradition ihres Verbandes, durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Aber so einfach ist es nicht.

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Die deutsche Rodeldominanz wird vor allem von den Frauen verkörpert. In Pyeongchang wurde im Ziel noch mal deutlich, warum diese Abteilung so stark ist: Silber gewann überraschend die Olympiadebütantin Dajana Eitberger aus Ilmenau vor Alex Gough (Kanada). Auf Platz vier war aber schon wieder eine Deutsche, Tatjana Hüfner aus Oberwiesenthal, und die war voller bitterer Enttäuschung, sieben Hundertstel fehlten zu Bronze. "Ich weiß nicht, woran es lag", sagte sie verzweifelt. 2008 war Hüfner Olympiasiegerin, nun will sie über ihren Abschied nachdenken.

Das Ergebnis von Pyeongchang, das knapp verpasste deutsche Gesamtpodest, dokumentiert die heftige Konkurrenz im Verband BSD; in Wirklichkeit ist Geisenberger keine Maschine, sondern eine Gejagte. "Wenn du bei uns einmal kurz nachgibst, dann überholen dich sofort die anderen", sagte sie den kanadischen Reportern in der Pressekonferenz und erzählte davon, wie anstrengend dieses scheinbar so sichere Rennen tatsächlich war.

Begonnen hatte auch für Geisenberger die Woche mit dem Fahrfehler und der Niederlage ihres hoch favorisierten Trainingskollegen Felix Loch. "Das war auch für mich schwierig, damit klar zu kommen", sagte sie. Damit war besiegelt, dass auf dieser Bahn mit ihrer tückischen Kurve neun jeder einen Fehler machen könne, vielleicht gerade die Favoriten. Und natürlich lag das Problem nicht in den drei ersten Durchgängen, die Geisenberger schlafwandlerisch bewältigte, sondern im entscheidenden vierten.

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Vor einem Jahr hatte Geisenberger bei der WM in Innsbruck nach zuvor sieben Titeln zwei kapitale Fehler begangen und das Podium verpasst. Sie ist keineswegs frei von schwachen Momenten, und nun saß sie oben im Aufwärmraum und versuchte, nichts an sich herankommen zu lassen. Aber plötzlich entstand Aufregung, die Menschen um sie riefen durcheinander, die Amerikanerinnen neben ihr begannen zu weinen. Deren Teamgefährtin Emily Sweeney hatte in der Kurvenkombination neun bis zwölf die Kontrolle komplett verloren, prallte von Bande zu Bande, schlingerte durch die Steilwand, fuhr in die oberen Bretter, fiel nach unten und blieb liegen. Geisenberger hoffte für Sweeney, der letztlich nichts Schlimmes passiert war, und versuchte in ihrem Konzentrationstunnel zu bleiben.