Motorrad Wenn der "Dottore" zum Grand Prix humpelt

Valentino Rossi gibt alles - obwohl er gar nicht mehr Weltmeister werden kann.

(Foto: dpa)
  • MotoGP-Pilot Valentino Rossi steht drei Wochen nach seinem Beinbruch schon wieder am Start.
  • Obwohl der WM-Titel außer Reichweite ist, riskiert der neunfache Weltmeister seine Gesundheit.
  • In Italien regt sich erstmals Kritik am populärsten Sportler des Landes.
Von Birgit Schönau, Alcaniz/Rom

Mit Krücken und Stützstrumpf zum Grand Prix. Da helfen auch die coole Sonnenbrille nicht und die Rennfahrerkappe, es sieht kläglich aus. "Ich bin nicht verrückt", versichert Valentino Rossi, als hätte er in seiner langen Motorrad-Karriere nicht immer wieder das Gegenteil bewiesen. All die Mätzchen, die Kostümierungen, die Showeinlagen. In England stieg er mal als Robin Hood auf die Bühne, aber er trat auch schon als Superman auf oder mit einer aufblasbaren Puppe im Arm. Kein Zweifel: Valentinik, Rossifumi, Dottore Rossi ist das verrückteste Huhn der Branche, ein Harlekin, der dem Underdog-Betrieb der Kradrennen das Flair der Commedia dell'Arte verleihen kann.

Aber um diese Art Verrücktheit geht es hier nicht, und überhaupt geht es auch nicht heiter weiter. Sondern mit zusammen gebissenen Zähnen und mit fiesen Schmerzen. Wie man sich halt fühlt, wenn man drei Wochen nach einem Motorradunfall wieder aufsteigt und ein Rennen fahren will. Schienbein kaputt, Wadenbein gebrochen, beim Training mit einem Motocross-Bike. Da geht es halsbrecherisch über Stock und Stein, das mag ins Auge gehen, aber was will man machen, schließlich kann einer nicht jedes Mal eine Rennstrecke mieten, noch nicht mal Rossi, der teuerste Mann der Branche. Nach dem Unfall hat er einmal ausgesetzt. Jetzt, in Alcaniz, für den Großen Preis von Aragonien, ist er schon wieder dabei. Er habe Glück gehabt, diesmal, sagt Rossi. Und außerdem hart an sich gearbeitet.

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Alles dreht sich um Rossi

Die Rennärzte sind beeindruckt. "Wie gut er sich erholt hat!" schwärmt Angel Charte, der Verantwortliche. Alle Standardtests perfekt durchlaufen. "Er kennt die Risiken und weiß, dass ein Crash üble Folgen haben könnte. Ich will aber noch mal betonen: Er kann fahren, denn er ist bereit dazu." Anders als Rossi, der nur einen Ehrendoktortitel in Kommunikationswissenschaften trägt, ist der bärtige Doktor Charte ein richtiger Dottore. Und als solcher hat er seinem Patienten sinngemäß gesagt: Ist gefährlich, aber das weißt du ja. Wenn du also darauf bestehst - nur zu!

Vor dem Training bei der Pressekonferenz sah man den Motorradpiloten noch auf eine Krücke gestützt.

(Foto: Javier Soriano/AFP)

Beim MotoGP kriegt man also nicht so leicht einen Krankenschein. Kein Wunder, der Zirkus lebt ja von Rossi. Seit Tagen dreht sich alles um ihn, den Vierten im Gesamtklassement. Titelverteidiger Marc Marquez (Honda) und seine Verfolger Andrea Dovizioso (Ducati) und der Dritte Maverick Vinales (Yamaha) werden sich bedanken. Schon wieder sind sie zu Statisten herabgewürdigt, die der Legende Rossi nun auch noch artig zum heldenhaftem Comeback applaudieren müssen. "Er erstaunt uns immer wieder", sagt Marquez. "Einzigartig, ganz besonders", echot Dovizioso. Man hört die Zähne knirschen, am lautesten bei Michael van der Mark, dem niederländischen Ersatzfahrer, der sich fühlen muss wie die Zweitbesetzung der göttlichen Callas. "Tut mir leid, ich verstehe ihn natürlich", sagt Valentino. Ach.

Bei Yamaha beteuern sie, ihren Star nicht genötigt zu haben. Eigentlich hätte Rossi erst in Japan am 15. Oktober zurückkehren sollen, die WM ist sowieso gelaufen. "Das Rennen um den Titel ist offen, aber nur für die ersten Drei", erkennt er selbst. Er wolle nur möglichst schnell wieder zurück zu seiner Form finden und "vielleicht ein paar Punkte holen". Doch in Aragonien liegt nicht gerade seine Lieblingspiste. Diesmal droht die Sache richtig bitter zu werden: "Ich bin nicht so schnell wie sonst, und in den Rechtskurven muss ich höllisch aufpassen, sonst tut's weh."