Medienforscher Michael Meyen "Transfers bedienen die Medienlogik perfekt"

Unter Beobachtung des Fernsehens: Bayern-Keeper Manuel Neuer beim Champions-League-Finale.

(Foto: dpa)

Ist der Fußball zur Unterhaltungsmaschine verkommen? Medienforscher Michael Meyen hat sich mit den Wechselwirkungen von Fußball und Medien befasst. Im Interview erklärt er, wie die Medien das Spiel verändert haben - und warum Trainer heute einfach gut aussehen müssen.

Von Lisa Sonnabend

SZ.de: Sie haben in den vergangenen Jahren viel zum Thema Fußball und Medien geforscht. Sie sind wohl selbst ziemlich großer Fan.

Michael Meyen: Ich habe überlegt, wie sich Hobby und Forschung am besten verbinden lassen. Was hier am Institut jedoch gar nicht so einfach ist, weil es unter den Kommunikationswissenschaft-Studenten sehr viele Frauen gibt. Fußball liefert Emotionen und Gemeinschaftserlebnisse - das gefällt mir.

Ihr Lieblingsverein?

Mich fasziniert der FC Bayern München, weil es der Klub schafft, zu polarisieren. Es geht einfach nicht, dass jemand keine Meinung zu den Bayern hat. Entweder man mag das offene Bekenntnis zum Kommerz und Erfolg oder man hasst es, dass der Verein dem Fußball Illusionen raubt.

Welche Idee liegt Ihrer Studie zugrunde?

Der Gedanke war: Der Fußball hat sich verändert, weil die Medien sich verändert haben. Fußball ist auf ein positives Bild in den Medien angewiesen. Die privaten Fernsehsender und das Internet haben die Medienlandschaft extrem verändert - der Fußball spielt eine immer größere Rolle. Es verschwindet zudem ein kritischer Journalismus, der Fußball wird zur Unterhaltungsmaschine. Die Frage war: Ist der Fußball noch wie er in den Siebzigern und Achtzigern war? Er ist es nicht.

Ist Fußball nur noch Unterhaltung?

Wir haben viele Fernsehberichte angeschaut - zum Beispiel das Champions-League-Viertelfinale 2012 zwischen dem FC Barcelona und AC Mailand. Barcelona hat das Spiel klar gewonnen, Lionel Messi war ständig am Ball, von Zlatan Ibrahimovic war während des Spiels dagegen so gut wie nichts zu sehen. Doch kaum wurde der Name Messi genannt, fiel auch der Name Ibrahimovic. Die Milan-Fußballer, die das Spiel bestimmten, wurden lediglich etwa zehn Mal genannt, der schwache Ibrahimovic dagegen 50 Mal. Die Medien konzentrieren sich auf einzelne Spieler, sie inszenieren Duelle. Es geht nicht mehr um das, was auf dem Platz passiert, sondern um das Drumherum.

Wie hat sich der Fußball noch verändert?

Der Rhythmus ist ein anderer. Früher war Anpfiff am Samstag um 15.30 Uhr - heute dagegen sind das ganze Wochenende über Spiele. Das Champions-League-Finale findet seit 2010 nicht mehr an einem Mittwoch statt, sondern wurde auf einen Samstag gelegt, um das Publikum zu maximieren.

Und es hat zahlreiche Regeländerungen gegeben.

Die Fifa hat vieles unternommen, um die Fernseheigenschaften noch besser zu bedienen, indem das Spiel schneller wird. So dürfen Spieler mittlerweile nicht mehr auf dem Feld behandelt werden, es gibt deutlich mehr Balljungen an den Seitenlinien, es gibt gelbe Karten für Spielverzögerung. Einer meiner Master-Studenten hat bei bedeutenden Partien mit der Stoppuhr die Nettospielzeit gemessen - und die steigt an. Bei den WM-Finals 1986 und 1990 - beide Mal Deutschland gegen Argentinien - lag die Nettospielzeit bei etwa 50 Minuten. Bei Partien wie Spanien gegen Deutschland ist man mittlerweile bei 65 Minuten.