Marathon Bereit für Windeln und Party

Viel Wind, zu wenige Tempomacher – und trotzdem ein gutes Ergebnis: Arne Gabius beim Marathon in Frankfurt.

(Foto: Thomas Frey/dpa)

Nach zwei schwierigen Jahren gelingt Arne Gabius in Frankfurt ein gutes Comeback.

Von Johannes Aumüller, Frankfurt

Wie gut war es, dass der Renndirektor gleich in der Nähe stand. Durch die verdunkelte Atmosphäre der Frankfurter Messehalle absolvierte Arne Gabius die letzten Meter seines Marathons, viel Applaus von den Rängen, viele Schmerzen in den Oberschenkeln, und als er die Ziellinie dann endlich querte, warf er sich dankbar Jo Schindler in die Arme. Für auffallend viele Sekunden stand Gabius mit geschlossenen Augen da, tief atmend und Kräfte sammelnd, und dann war er wieder in der Lage, ein paar Schritte zu gehen und sich vom Publikum bejubeln zu lassen. Für eine starke Leistung, für Platz sechs und eine Schlusszeit von 2:09:59 Stunden.

Arne Gabius, 36, ist wieder da. Das war die Kernbotschaft nach diesen 42,195 Kilometern durch Frankfurts Straßen. Und das war keineswegs selbstverständlich ob des Verlaufs der jüngeren Vergangenheit.

Vor zwei Jahren war Gabius just in Frankfurt einen denkwürdigen Marathon gerannt. Nach 2:08:33 Stunden kam er damals ins Ziel, das war gleichbedeutend mit der Verbesserung eines deutschen Uralt-Rekords (Jörg Peter/1988). Doch seit diesem beeindruckenden Tag lief nicht mehr viel zusammen bei Gabius. Im Frühjahr 2016 stieg er beim Marathon in London vorzeitig aus - Magenprobleme. Kurz danach musste er bei der EM in Amsterdam den Halbmarathon abbrechen, und für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro sagte er gleich ganz ab (Entzündung des Schambeins). Beim ersten Comeback-Versuch in Hannover vor sechs Monaten beendete er den Parcours ebenfalls nicht, diesmal lag es an der Achillessehne. Und im Sommer schmerzte es während des Trainingslagers noch einmal richtig am Schambein, da schien das Jahr gelaufen zu sein.

"Aber ich habe es irgendwie innerhalb von einer Woche in den Griff bekommen", sagt Gabius nun. Andere Übungen, dazu eine veränderte Ernährung, "ich bin zum Teetrinker mutiert", so erklärt er das. Und drei Tage vor dem Rennen kam als zusätzlicher Motivationsschub auch noch Sohnemann Frederik zur Welt. So gut entwickelte sich alles, dass Gabius vor dem Rennen ganz offensiv damit liebäugelte, schon wieder eine neue Rekordzeit zu erreichen.

Das wurde es dann nicht, aber immer noch eine überzeugende Leistung. Eine Zeit von 2:09:59 Stunden schaffte Gabius in einem schwierigen Rennen, mit sehr viel Wind, mit dem Nachteil, dass die Tempomacher früher als geplant ausstiegen - und dass zwischendurch die hinteren Oberschenkel-Muskeln "zumachten", wie das die Läufer nennen. Etwas mehr als vier Minuten betrug am Ende sein Rückstand auf den Überraschungssieger Shura Kitata Tola aus Äthiopien, das bedeutete Rang sechs und nebenbei den deutschen Meistertitel, den sich bei den Frauen die aus Frankfurt stammende Katharina Heinig (2:29:29)

vor Fate Tola (2:30:42) sicherte. "Ich wollte unbedingt das dritte Mal in Frankfurt unter 2:10 Stunden laufen", sagte Gabius, und angesichts seiner Zwischenzeit bei Kilometer 41 sei er richtig erschrocken: "Da habe ich gedacht, dass ich alles auf eine Karte setze: Entweder schaffe ich es unter 2:10 ins Ziel. Oder meine Oberschenkel-Muskeln reißen, und ich komme auf einem Bein ins Ziel gehumpelt. In den nächsten Wochen brauche ich ohnehin nur meine Hände zum Windelwechseln."

Gabius gehört zu den Sportlern, die ihre Wege abseits des Verbandes gehen

Arne Gabius, gebürtiger Hamburger und inzwischen in Stuttgart wohnhaft, stehen aber nicht nur wegen des vermehrten Windelwechselns ein paar interessante Monate bevor. Er gehört zu den auffallend vielen Langstrecklern, die mit dem Verband nicht viel zu schaffen haben, sondern ihren eigenen Weg gehen und sich dabei auch gut zu vermarkten wissen. Gabius findet, dass es nicht genügend Wertschätzung für die Leistungen der Läufer gebe. Seit Frühjahr habe er mit dem Verband keinen Kontakt mehr gehabt, betonte er kürzlich, und es gehe ihm damit sehr gut.

Nur wird sich das bald wahrscheinlich ändern müssen. Im nächsten August findet in Berlin die Heim-EM statt. Einen Marathon-Start hat Gabius zwar schon ausgeschlossen, er will das deutsche Laufen lieber beim traditionellen Berlin-Marathon als beim EM-Marathon vertreten. Aber dennoch peilt er einen Start an, und zwar auf der Bahn über die 10 000 Meter. Über diese Distanz gewann er vor fünf Jahren in Helsinki schon einmal EM-Silber, und die Konkurrenz in Europa ist nach seiner Auffassung eher überschaubar. "25 Runden im Olympiastadion, volles Haus, das ist auch eine geile Party", sagt Gabius.

Aber es wäre eine Party, die auch im Sinne seiner noch nicht gestillten Marathon-Ambitionen wäre: Aufgrund seiner Verletzungen habe er Probleme bei den Unterdistanzen. Bei den zehn Kilometern, beim Halbmarathon, da müsse er wieder zulegen, hat der Trainingswissenschaftler in ihm festgestellt (Gabius ist ausgebildeter Arzt). Und da würde so ein EM-Bahn-Auftritt über 10 000 Meter gerade recht in den Aufbau passen. Auf dass er auf der Marathon-Distanz irgendwann doch noch einmal die 2:08:33 Minuten unterbiete.