Leverkusen - Hamburg (15.30 Uhr) Pässe in ein Land ohne Namen

Hinken den Ansprüchen hinterher: Hakan Calhanoglu, Christoph Kramer und Javier Hernandez (v. l.) nach der Niederlage gegen den FC Villarreal.

(Foto: Alberto Saiz/AP)

Leistungsträger kommen nicht in Form und kokettieren mit Vereinswechseln: Bayer 04 präsentiert sich in der entscheidenden Saisonphase in einem bedenklichen Zustand.

Von Philipp Selldorf, Leverkusen

Die Laufbahn am rechten Flügel war frei, kein gelbes U-Boot störte den Weg von Karim Bellarabi. Er konnte sich also in aller Ruhe darüber informieren, wem er jetzt am besten den Ball zukommen ließe. Zur Auswahl standen unter anderem: Stefan Kießling, langjährig bewährter Qualitätstorjäger aus dem Frankenland, und Javier "Chicharito" Hernandez, erprobter Preisschütze aus Mexiko mit erstklassigen Referenzen aus der Premier League und der Primera Division. Nicht die schlechteste Auswahl also.

Bellarabi hat dann den Ball in hohem Bogen von der rechten Flanke auf die linke Flanke befördert, dorthin, wo weder ein Mitspieler zum Empfang bereit war, noch einer der wie üblich ganz in Gelb gewandeten Profis des FC Villarreal. Der Ball landete in einem Land ohne Namen und sprang unberührt ins Aus.

Erfolg Europa League? "Es fällt schwer, daran zu glauben"

Das verirrte Zuspiel des seit Monaten wie verwirrt spielenden Bellarabi war eine typische Szene aus dem Auftritt von Bayer Leverkusen im Europa-League-Spiel beim spanischen Tabellenvierten FC Villarreal. Die Rheinländer präsentierten sich erneut in einem hochgradig bedenklichen Zustand und waren mit dem 0:2 noch gut bedient. Das Resultat lässt zwar einen Rest von Hoffnung für das Wiedersehen am nächsten Donnerstag in der BayArena. Dazu müsste allerdings eine plötzliche und umfassende Besserung eintreten. "Es fällt schwer, daran zu glauben", räumte Trainer Roger Schmidt ein, "aber ich weiß, wozu wir fähig sind."

Mit diesem Wissen steht Schmidt zurzeit ziemlich allein da. Ansonsten herrscht mittlerweile großes Rätselraten, wozu diese Mannschaft tatsächlich fähig ist. Ist sie so gut, wie sie das Management, die Branche und die Spielerbörse einschätzen? Oder ist sie ein Fall der Täuschung und Selbsttäuschung? Sind Hakan Calhanoglu oder Bellarabi womöglich gar nicht die Spitzenspieler und millionenschweren Investitionsobjekte, als die sie allgemein gelten? Was ist mit dem Linksverteidiger Wendell, der im Gespräch mit der spanischen Zeitung AS offen mit einem Wechsel zu Real Madrid kokettierte, das angeblich bereit ist, 35 Millionen Euro für den Brasilianer zu bezahlen? "Ich würde zu Fuß nach Spanien laufen", sagte der 22-Jährige.

Und das sind längst nicht alle unbeantworteten Fragen im Kader: Ist Julian Brandt, so kraftlos und ziellos wie er derzeit spielt, vielleicht nicht das Bombentalent, als das er so oft schon gefeiert wurde? Ist Christoph Kramer wirklich jener Christoph Kramer, der in der vorigen Saison in Mönchengladbach zu den besten Mittelfeldspielern der Liga zählte und einen Stammplatz im Nationalteam bekam? Den Nachweis, dass es sich um dieselbe Person handelt, brachte Kramer beim Spiel in Villareal nicht durch eine souveräne Leistung - eine solche wird bei ihm seit längerem vermisst -, sondern durch ein Malheur. Ein Spanier hatte ihm den Ball mit Wucht gegen den Kopf geschossen, Kramer ging benommen zu Boden - die Ähnlichkeit mit dem ohnmächtigen Kramer aus dem WM-Finale war unverkennbar. Vorerst wird er Bayer nun wegen eines Schleudertraumas fehlen.

Von Qualitätsmängeln im Kader wollen sie im Klub nichts wissen

Im Laufe dieser Spielzeit hat diese kostbare und kostspielige Leverkusener Mannschaft allenfalls eine Handvoll überzeugender Spiele hingelegt, die besten Saisonleistungen gab es vor der Saison - in den harten Auseinandersetzungen mit Lazio Rom um den Zugang zur Champions League. Ein weiteres Highlight war der Auftritt im Camp Nou in Katalonien, als Bayer gegen Barca nicht nur den verdienten Sieg versäumte, sondern auch noch unverdient verlor. Diese Partie liegt allerdings mehr als ein halbes Jahr zurück.

Trotzdem herrscht im Klub die Überzeugung, dass die sich stetig zuspitzende Krise nicht auf Qualitätsmängeln im Kader beruht. "Wir sind besser, als wir gezeigt haben", sagte Sportchef Rudi Völler nach dem Villarreal-Spiel. Es war ein Satz, den er 2016 schon öfter gesagt hat. Und es ist auch ein Satz, der - je öfter er ihn wiederholt -, sein Bekenntnis zum Trainer in Frage stellt. Vor dem Flug nach Spanien hatte Völler sich zum wiederholten Male entschieden an Schmidts Seite gestellt ("Wir haben einen erstklassigen Trainer.").

Roger Schmidt hat nun allerdings vor dem Bundesligaspiel gegen den Hamburger SV am Sonntag den ersten Schritt unternommen, um Völler von seinem Gelöbnis zu entbinden. "Irgendwann muss man anfangen, Spiele zu gewinnen", sagte er, "wenn das über lange Zeit nicht passiert, wird man im Klub etwas Anderes machen wollen."