Leichtathletik Toptrainer Salazar - der Mann mit den vielen Medikamenten

Totenkopf auf der Brust. Das Logo des Nike Oregon Projects auf der Jacke von Alberto Salazar (mit seinen Schützlingen Galen Rupp, li., und Mo Farah).

(Foto: Getty Images)
  • Alberto Salazar trainiert das Nike Oregon Project, eine der erfolgreichsten Laufgruppen der Welt.
  • Er gilt jedoch auch als einer der umstrittensten Trainer der Branche. Nun rückt er in den Fokus von Dopingfahndern.
  • Die Anti-Doping-Agentur der USA beklagt "unverschämte" Bedingungen des Sportartikelherstellers bei der Aufklärungsarbeit.
Von Johannes Knuth

Der bisherige Winter war ein schöner für den Langstreckenläufer Mo Farah, bis zuletzt. Dem 33-Jährigen gelang im Februar ein Europarekord über 5000 Meter, bei seinem letzten Rennen in der Halle. Die kommende Freiluft-Saison soll ja seine letzte auf der Bahn sein, nach der WM in London will Farah ins lukrative Straßenlaufgeschäft wechseln. Vor kurzem haben sie ihn in Großbritannien noch zum Ritter geschlagen, Sir Mo Farah lautet nun die korrekte Anrede. "Ein Traum, der wahr wird", berichtete der Geadelte. Die Geschichte klingt ja wirklich schön: Ein Achtjähriger aus Somalia siedelt nach London über, zu seinem Vater, er spricht kein Englisch, erobert dann die Kunststoffbahnen der Welt, holt vier Olympiasiege fürs Königreich. "Meine Erfolge waren nur möglich wegen der Hingabe und Liebe meiner Familie und meines Teams", sagte Farah stolz.

Wären da nur nicht diese lästigen Zweifel an eben diesem Traum, die den 33-Jährigen aus London nun wieder einholen, vor dem Start in die Freiluftsaison.

Anlass ist ein vertraulicher Zwischenbericht der amerikanischen Anti-Doping-Behörde Usada; 269 Seiten, die die offenbar Russland-nahe Hackergruppe "Fancy Bears" zuletzt diversen Medien zuspielte. Die Usada - die die Echtheit des Berichts indirekt bestätigte - war vor knapp zwei Jahren in den Sumpf rund um Farah, den Trainer Alberto Salazar und dessen Langlaufcamp in Oregon eingestiegen. Die BBC und Pro Publica hatten damals ehemalige Trainer und Athleten vom "Nike Oregon Project" (NOP) aufgeboten. Salazar, so berichteten sie, würde die Anti-Doping-Regeln umfahren. Sie berichteten von Medikamenten, die Athleten nahmen, obwohl sie gesund waren, von Testosteronmitteln für Salazars Musterschüler Galen Rupp. Die Beschuldigten wehrten sich feurig; Farah, der in den Recherchen nicht genannt wurde, blieb seinem langjährigen Trainer treu. Die Zweifel aber blieben an Salazar kleben, er verteidigte sich zwar wortreich, moderierte die Kernfragen aber weg. Und jetzt?

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Ein früherer Trainer des Projekts beschreibt Alberto Salazar als "teuflischen Irren"

Die Ermittler der Usada stützen in ihrem Bericht nun die Recherchen von einst, sie schildern auch dubiose Prozeduren, die gegen "die Regel des Sports verstoßen" könnten. Salazar soll 2011 begonnen haben, seinen Athleten, darunter Farah, das Mittel L-Carnitin zu verabreichen, um den Energiestoffwechsel anzukurbeln. Allerdings nicht über Monate, wie empfohlen, sondern binnen Tagen, per Infusionen. Die Usada stieß dabei auf Dokumente, die zeigen, dass ein Arzt des NOP Beutel mit 100 ml der Substanz vorbereitete. Erlaubt sind 50 ml, pro Infusion und Athlet. Salazar, folgerte die Usada, habe "fast mit Sicherheit" das Anti-Doping-Protokoll verletzt. Was Salazar und der Arzt bestreiten.

Dann sind da noch diverse Testosteroncremes, die Salazar besitzt - und nicht nur an seinen Söhnen ausprobiert haben soll, um zu prüfen, ab welcher Menge ein Dopingtest auslöst (angeblich weil er Sabotageakte fürchtete). Er soll sie auch Rupp einmassiert haben (was Salazar dementiert). Vern Gambetta, ein ehemaliger Trainer des NOP, beschrieb Salazar vor Kurzem auf Twitter als "teuflischen Irren"; es sei eine Frage der Zeit, bis er einen Athleten mit Experimenten töte. Der Beschuldigte klassifizierte alle Vorwürfe als "falsch". Das Testosteron sei für ihn, wegen einer Insuffizienz. Die Usada schreibt in ihrem Bericht aber, dass Salazars Nachweise nicht ausreichten, sie habe weitere Belege angefordert. Als die BBC Salazar zuletzt fragte, ob er diese eingereicht hatte, sagte er: nichts.

Es sind schwere Zeiten für den britischen Sportadel

Wann die Usada ihren Abschlussbericht vorlegen wird, ist unklar. Offenbar auch, weil der Mäzen des NOP die Nachforschungen blockiert: der Sportartikelgigant Nike. Der Spiegel berichtete zuletzt, die Usada habe Dokumente bei Nike angefordert, vor allem über Salazars Testosteronmittel. Sorry, antwortete Salazars Anwalt, das Material läge auf einem Server von Nike. Datenschutz und so. Als die Usada beim Sportartikelhersteller anfragte, wurde sie mit "unverschämten" Bedingungen konfrontiert. Man habe mittlerweile zwar Dokumente erhalten, steht in dem Bericht, diese seien aber "längst nicht ausreichend".

Und Farah? Er habe "niemals die Regeln gebrochen", teilte er mit. Tatsächlich stapeln sich auch bei ihm die Zweifel. Wegen zwei Dopingkontrollen, die er vor Olympia 2012 verpasste. Oder seiner Verbindung zu Jama Aden, von dem er sich hastig distanzierte, nachdem der Coach vor einem Jahr mit dem Blutbeschleuniger Epo erwischt wurde. Oder wegen des jüngsten Berichts der Usada, die jetzt Farahs Dopingproben bei der britischen Agentur anforderte, für Nachtests. Offenbar auch wegen des Materials, das sie über das NOP sammelte.

Es sind schwere Zeiten für den britischen Sportadel. Sir Bradley Wiggins steht seit Monaten im Sturm der Kritik, weil seine ehemalige Radsport-Equipe eine merkwürdigen Medikamentenlieferung nicht erklären kann. Lord Coe, Chef des Leichtathletik-Weltverbands, verfolgen drängende Fragen, was er über den russischen Dopingmorast wusste. Und Sir Mo ist zunehmend von Zweifeln umzingelt, und der Frage: Was ist Traum, was ist Wirklichkeit?

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