Kugelstoßen: Nadine Kleinert Silber statt Tiefschläge

Nadine Kleinert wollte schon Boxerin werden. Doch sie kam zurück zum Kugelstoßen und gewann in einem euphorischen Wettkampf WM-Silber.

Von Thomas Hummel, Berlin

Kurz nach der Qualifikation, Sonntagmittag, lehnte Nadine Kleinert an einer der vielen Metallbrüstungen im Berliner Olympiastadion und unterhielt sich, als sie plötzlich ihr Gespräch unterbrach. "Das ist die Steffi, die Steffi wirft", rief sie ihrem Gegenüber zu. In einem Bildschirm ein paar Meter weiter lief die Speerweferin Steffi Nerius an und drehte nach einem schwachen Wurf enttäuscht ab. "Die Steffi ist auch nervös. Alle alte Hasen sind nervös", kommentierte Nadine Kleinert.

Neben der 37-jährigen Nerius gehört die Kugelstoßerin mit ihren 33 Jahren definitiv zu den alten Hasen in der deutschen Mannschaft. Kleinert hatte zudem einiges gewonnen in ihrer Karriere, Silber bei den Olympischen Spielen 2004, zweimal Silber und einmal Bronze bei Weltmeisterschaften. Dennoch seien ihr bei ihren ersten Heim-WM-Versuchen zunächst "die Beine weggegangen, dann rutschte mir die Kugel über den Daumen. Das ist mir noch nie passiert".

Es war ein kleines Drama, das sich da am Sonntagvormittag im Vorkampf abspielte. Doch als Kleinert den dritten und letzten Versuch auf 19,36 Meter stieß und sich damit für den Endkampf am Abend qualifizierte, "war wieder alles gut", wie Kleinert erleichtert erklärte. Sie nahm dieses gute Gefühl mit in den Tag, mit in den Abend, mit in ihren ersten Versuch, in dem sie die Kugel so weit hinausschleuderte wie seit vier Jahren nicht mehr: 20,06 Meter, Einstellung der persönlichen Bestweite.

Kleinert jubelte wie früher Bruno Labbadia beim Tor. Oder wie ein Boxer nach einem Tiefschlag. Sekunden später ging die Welle herum im Berliner Olympiastadion. Doch das war noch nicht alles. Kleinert wirkte wie auf einer Euphoriewelle, im dritten Versuch stieß sie 20,20 Meter, ihr Trainer Klaus Schneider auf der Tribüne jubelte fast wie Bruno Labbadia früher bei einem Tor.

Den ersten Platz hatte Kleinert da schon abgegeben, an Valeri Vili aus Neuseeland, die das Frauen-Kugelstoßen seit Jahren dominiert. Vili gewann den Wettkampf mit 20,44 Meter. Doch dahinter gewann Kleinert wieder die Silbermedaille. Die Chinesin Lijiao Gong wurde Dritte.

Kleinerts Nachfolgerin im DLV, die 22-jährige Denise Hinrichs, hätte eigentlich auch ein gutes Gefühl mit in den Tag nehmen können. Sie hatte in der Qualifikation nur einen Versuch benötigt, mit 18,69 Meter stand sie schon im Endkampf. Doch die 22-Jährige zeigte mit 18,39 Meter keinen guten Wettkampf, auch Christina Schwanitz vom SV Neckarsulm (17,84) verabschiedete sich vor dem Endkampf der besten Acht.

Dabei hatte es schon Tage gegeben, in denen die 33-Jährige Kleinert lieber über Tiefschläge gejubelt hätte. Nach den Olympischen Spielen in Peking, wo sie Siebte wurde, hätte sie mit dem Kugelstoßen fast aufgehört - sie wechselte zum Boxen. Es schienen sich goldene Zeiten anzukündigen, auch finanziell. Plötzlich riefen die Sponsoren bei ihr an, das Fernsehen wollte übertragen, sogar die New York Times schrieb ihre Geschichte auf. Doch dann merkte Nadine Kleinert: Das Boxen ist nichts für sie. Und kam zurück zum Kugelstoßen.

"Das war eine Entscheidung des Herzens. Ich stand nicht hundertprozentig hinter dem Boxen", sagte sie im November. Schon damals zog sie weitere Kugelstoß-Motivation aus der WM im eigenen Land und kündigte an, um die Medaillen stoßen zu wollen. Dabei bot ihre Saison anschließend wechselhafte Leistungen, bei der Deutschen Meisterschaft unterlag sie noch Hinrichs.

Der DLV wird an diesen Tag im November nun noch dankbarer zurückblicken. Denn Kleinerts Medaille ist Teil eines ersten Wochenendes, in dem die Wünsche und fast Träume des Verbands Wirklichkeit wurden: Bronze für den Kugelstoßer Ralf Bartels, Silber für die Siebenkämpferin Jennifer Oeser und Silber für die Kugelstoßerin Kleinert. Das sind schon dreimal mehr Medaillen wie in Peking vor einem Jahr.

Und Steffi Nerius hat mit ihrem letzten Wurf auch noch die Qualifikation für den Speerwurf-Endkampf am Dienstag geschafft.

Ralf Bartels: Der Medaillensammler

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