Kiel Die Handball-Hauptstadt lebt Fußball

Neue Farben in der zweiten Liga: die Eckfahne von Holstein Kiel. Foto: Gateau/dpa

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Aufsteiger Holstein Kiel verwandelt ein 0:2 in ein 2:2.

Von Thomas Hahn, Kiel

Die Lieder im Stadion am Kieler Westring klingen nach Entschlossenheit, obwohl es gar nicht gut aussieht in der neuen Kieler Fußball-Welt. Holstein Kiel, der Aufsteiger, bekommt seine erste Lektion im rauen Zweitliga-Geschäft: Der SV Sandhausen verteidigt humorlos seine frühe 2:0-Führung. Die Kieler mühen sich, rennen, schießen, prallen zurück. Wohlwollender Applaus kommt von den Rängen, dann wieder Raunen. Und gelöster Jubel, als Steven Lewerenz in der 76. Minute den Anschluss schafft und Marvin Ducksch in der Nachspielzeit sogar noch das 2:2. Dieser Anfang ist schwer für die frisch aufgeblühte Fußball-Gemeinde in Schleswig-Holsteins Hauptstadt.

Aber er ist auch gut. Kiel ist eine Stadt, an die man sein Herz verlieren kann. "Hässliche Perle an der Förde" hat sie mal einer genannt, der während des Studiums dort lebte und demnächst beruflich von London nach New York zieht. Viel präziser kann man wohl kaum beschreiben, wie harmonisch diese genügsame Metropole des Nordens ihre eher biedere Architektur mit einer herrlichen Nähe zu Wasser und Wald verbindet. Kiel ist speziell. Hier sind Dinge groß, die woanders klein sind, der Segelsport zum Beispiel, der jedes Jahr im Juni bei der Kieler Woche eine Bühne bekommt. Oder Handball, weil der Rekordmeister THW Kiel in Gehweite vom Hauptbahnhof seine Halle hat. Mit dem Fußball hatten die Kieler dagegen eher weniger am Hut. Als wollten sie nicht mitmachen bei der deutschlandweiten Hysterie ums Nationalspiel.

Allerdings ändert sich das gerade.

Jahrzehntelang fristete der Fußball in Kiel ein Dasein als Randsport, der Frust und Langeweile verbreitete. Holstein war wie die immerwelke Blume im Garten der Stadt, ein Versprechen ohne Farbe. Der Klub hatte durchaus ein gewisses Renommee. Erstens war er zu Kaiser Wilhelms Zeiten mal deutscher Meister gewesen (1912). Zweitens halten sich alte Hauptstadt-Vereine oft auch ohne Grund für etwas Besseres. Aber ein belastbares Hoch bekam der Verein nie hin. Von 1978 bis 1981 kickte er mal in der Nord-Staffel der damals noch zweigleisigen zweiten Liga. Danach ging es zwischen vierter und dritter Liga hin und her. Große Sprüche und teure Kader trugen zum schlechten Ruf bei. "Das Image hier war schon ein bisschen ramponiert", sagt Geschäftsführer Wolfgang Schwenke in freundlicher Untertreibung. Holstein war eine andauernde Enttäuschung.

Die Kulisse verbreitet einen Hauch von erster Liga - 30 600 Fans schauen zu

Aber jetzt entdeckt Kiel den Fußball neu. Mit dem Zweitliga-Aufstieg im Mai hat Holstein eine neue Begeisterung entzündet. Die Mannschaft wurde mit Autokorso und Rathausempfang gefeiert wie sonst nur die Handballer. Der Dauerkartenverkauf stieg von 2000 auf 4000. Die Aufmerksamkeit der örtlichen Medien vor dem Saisonstart war beträchtlich. Fast die ganze Stadt war gespannt auf dieses Abenteuer zweite Liga. Der Fußball erwacht in der Handball-Stadt - und das hat Folgen, die dem Establishment natürlich nicht verborgen bleiben.

"Ein Fußball ist größer als ein Handball", sagt THW-Geschäftsführer Thorsten Storm. Da kann sein Klub noch so viele Champions-League-Titel im Briefkopf führen - ein Fußball-Zweitligist entfaltet mindestens genauso viel Strahlkraft. Zumal die Kieler Erfolge ihres THW mittlerweile gewohnt sind. Holsteins Hoch dagegen ist neu. Auf einmal gibt es einen Wettbewerb in der eigenen Nachbarschaft. "Das regionale Sponsoring und das Geld aus der Region teilen sich jetzt auf", sagt Storm.

Freuen tut er sich offiziell natürlich trotzdem über Holsteins Aufstieg. Und Schwenke sagt: "Wir sind eine Landeshauptstadt, da ist Platz für zwei." Die beiden Klubs wollen sich nicht wehtun. Ein Nachbarschaftsstreit würde unnötig Energie kosten, und aus Sicht von Holstein wäre es erst recht unsinnig, vor den Kollegen vom Handball den dicken Max zu machen. Das wäre ein Rückfall in die alte Unbescheidenheit, die früher immer in Spott und Misserfolg mündete. Außerdem stecken in Holstein Anteile des THW. Schwenke zum Beispiel, 49, seit 2009 bei Holstein, war einst Handball-Nationalspieler und fünf Mal Meister mit dem THW. Die Zeit beim Handball-Riesen hat ihn geprägt, mit den Kollegen an seiner alten Wirkungsstätte steht er in regem Kontakt.

In gewisser Weise war der THW sogar die Inspiration für den Umschwung beim ehemals ungeliebten Fußball-Klub. So hat das zumindest mal der Holstein-Reformer Roland Reime erzählt. Reime war von 2007 bis zu seinem Tod im März Holsteins väterlicher Präsident. Lange war er Vorstandsvorsitzender einer Versicherungsgruppe, die Hauptsponsor des THW Kiel war. Reime waltete deshalb auch als Beiratsvorsitzender beim THW und war nie besonders angetan von der teuren Transferpolitik bei den Handballern. Als er zu Holstein kam, kümmerte er sich darum, dass der Verein professionelle Strukturen bekam, aber legte auch Wert darauf, dass nachhaltige Jugendarbeit und eine abwägende Geldpolitik zur Holstein-Philosophie gehörten.

Schwenke trägt diese Politik mit. Das bedeutet nicht, dass Holstein ohne Härten auskommt, aber es scheint immerhin dazu zu führen, dass Leute, die gehen müssen, im Herzen doch ein bisschen beim Klub bleiben. In der Aufstiegssaison musste nach vier Spieltagen der langjährige Trainer Karsten Neitzel gehen, weil der kämpferische Fußball, den er spielen ließ, zu dieser Zeit weder Erfolge brachte, noch dem Sport-Geschäftsführer Ralf Becker gefiel. Markus Anfang folgte. Er kam aus der Jugendabteilung von Bayer Leverkusen mit einem spielerischeren Anspruch.

Und als sich der Aufstieg abzeichnete, verfasste Neitzel aus der Ferne einen Gastbeitrag für den NDR, der sich wie eine späte Liebeserklärung las. "In Kiel war es möglich, 13 Spiele in Folge nicht zu gewinnen, und trotzdem noch eine Chance zu bekommen", schrieb Neitzel und gönnte seinem ehemaligen Verein den Aufstieg sehr.

Und jetzt? Die Luft ist dünn in der zweiten Liga, da können auch die freundlichsten Fußball-Schaffenden kurzatmig werden. Aber sie fürchten sich nicht vor der Aufgabe. Nach dem turbulenten Auftakt sitzt Markus Anfang etwas müde in der Pressekonferenz. "Wir haben gemerkt, dass wir heute Neuland betreten haben", sagt er. Den späten Ausgleich lobt er als Zeichen für eine intakte Moral. Die ersten Schritte sind gesetzt in der neuen Kieler Fußball-Welt, und Anfang findet: "Jetzt sind wir angekommen."