Interview mit Willi Lemke "Herr Lemke, laden Sie die Kalaschnikow!"

Der Bremer Willi Lemke über das Psychoduell mit Uli Hoeneß, sein Leben als UN-Berater und den letzten Besuch bei Willy Brandt.

Interview: K. Röttgen und L. Schulze

Das SZ-Gespräch mit dem früheren Werder-Manager und heutigen UN-Sportbotschafter Willi Lemke ist das neunte einer Reihe von Treffen mit Persönlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens, die engen Bezug zum Sport haben. Bisher erschienen sind Interviews mit Günter Grass (8. Juli 2006), Kardinal Karl Lehmann (7. September 2006), Jürgen Flimm (9. Dezember 2006), Thomas Brussig (14. Juli 2007), Roland Berger (4. August 2007), Campino (1. Dezember 2007), Per Steinbrück (2. Februar) und Angela Merkel (6. Juni 2008).

SZ: Herr Lemke, haben Sie schon mit Dietmar Hopp telefoniert?

Willi Lemke: Ich bin Ende September 2008 in seine Loge gegangen und habe ihm zu dem unglaublichen Fußball gratuliert, den seine Mannschaft trotz der 4:5-Niederlage im Weserstadion gezeigt hat. Hopp kann stolz auf sein Werk sein. Für die Schmähungen, denen er ausgesetzt ist, habe ich kein Verständnis.

SZ: Sie könnten ihm jetzt einiges über die psychologische Kriegsführung des FC Bayern berichten. "Ralf Rangnick ist ein Besserwisser. Er versteht bereits nach sechs Monaten nicht, mit Höhenluft umzugehen", wirft Uli Hoeneß dem Trainer des neuen Konkurrenten Hoffenheim vor. Und Mäzen Hopp unterstellt er, den Spielern mehr Geld zu zahlen, als erzählt werde. Diese Töne müssten Ihnen bekannt vorkommen.

Lemke: Über die beiden Zitate habe ich nur den Kopf geschüttelt. Aber neu ist dies in der Tat nicht. Da muss man sich nur die Presselandschaft der letzten 20 oder 25 Jahre anschauen, die habe ich noch ganz gut abgespeichert. Es ist der gewöhnliche Umgang der Bayern mit einem Klub, der ihnen gefährlich werden könnte. Weiter möchte ich das nicht kommentieren.

SZ: Hopp schließt nicht aus, dass die Attacken aus München seine unerfahrene Truppe verunsichern. Haben Sie sich in den achtziger und neunziger Jahren mit Hoeneß so gefetzt, weil Sie Mannschaft, Fans und nicht zuletzt ihm signalisieren wollten: Das Selbstbewusstsein der Bayern haben Bremer auch!?

Lemke: Das war ein Grund, natürlich. Wir haben dagegengehalten, wenn die Münchner nach unserer Meinung mal wieder nach Gutsherrenart geredet hatten. Manchmal hatten wir damals das Gefühl, dass sich welche für die Erfinder des Fußballs hielten. Und die saßen an der Isar.

SZ: Aggressivität zu zeigen gehört nach Erkenntnis des Unternehmensberaters Roland Berger zum Geschäft. Beim Fußball sei wie in der Wirtschaft die Hälfte des Erfolges Psychologie. So gesehen macht Erfolgsmensch Hoeneß seit fast 30 Jahren alles richtig.

Lemke: Ich halte nichts von der Methode, die Ellbogen auszufahren und Leute abzugrätschen, nur um mehr Erfolg zu haben. Manager in der Wirtschaft mögen da anderer Auffassung sein. Wohin das auch führen kann, ist gerade weltweit zu besichtigen.

SZ: Weder Sie noch Hoeneß scheuten seinerzeit persönliche Angriffe. Woher rührte diese Feindschaft? Brigitte Seebacher-Brandt erzählte, dass Sie mit Werder-Fan Willy Brandt eine Flasche Champagner trinken wollten, falls der Bayern-Manager scheitert. Nur der politische Gegensatz zwischen "rotem Willi" und CSU-Freund Hoeneß kann es doch nicht gewesen sein.

Lemke: Es ging los mit dem brutalen Foul von Klaus Augenthaler an Rudi Völler im November 1985. Rudi wurde so schwer am Oberschenkel verletzt, dass er fünf Monate pausieren musste. Doch die Münchner entschuldigten sich keineswegs sofort, sie gaben ihm sogar eine Mitschuld mit der unfassbaren Begründung: Wer so schnell laufe, müsste damit rechnen, dass seine Gegner schon mal das Bein statt den Ball treffen.

SZ: Hoeneß sprach von einem "normalen Foul", worauf ihm Völler zornig entgegnete: Das könne er nur als zynisch bezeichnen.

Lemke: Jedenfalls war bei uns Schluss mit lustig. Von da an hat sich der Streit immer weiter hochgeschaukelt.

SZ: Und wie. Nur zwei Beispiele: Sie sagten, "Hoeneß glaubt, mit Geld und Macht Leute niederbügeln, sie mit gezielten Attacken mundtot machen zu können". Er wiederum erklärte nach Ihrer Berufung zum Bremer Bildungssenator: Es sei "erstaunlich, dass ein Mann mit einem solchen Charakter Minister eines Bundeslandes werden kann".

Lemke: Wir haben uns vor einigen Monaten beim Aktuellen Sportstudio im Zweiten Deutschen Fernsehen getroffen, freundlich die Hand gegeben und einen guten Tag gewünscht. Unsere Schlachten sind geschlagen.

SZ: Sie wurden vorige Woche als Werders Aufsichtsratschef wiedergewählt und Sie sind seit April vergangenen Jahres Sport-Sonderbeauftragter von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. Wir gehen davon aus, dass Ihnen die Arbeit bei den Vereinten Nationen zur Zeit mehr Spaß macht, obwohl es dafür nur den symbolischen Dollar im Jahr gibt.

Lemke: Der Job macht mir unendlich viel Spaß, weil ich am Ende meiner beruflichen Laufbahn etwas tun kann, worin ich noch einmal einen ganz besonderen Sinn sehe. Wissen Sie, ich habe ja 18 Jahre lang Fußball organisiert, im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Ich habe gedacht, der Moment mit der Meisterschale auf dem Rathausbalkon sei die Krönung in meinem Leben. Mit zunehmendem Alter setzt man andere Prioritäten. Heute weiß ich, dass mir die Geburten meiner Kinder, bei denen ich dabei war, mehr bedeuten als ein gewonnener Titel für Werder. Auch die Bildungspolitik, für die ich mich in Bremen acht Jahre engagiert habe. Auf meinen Reisen für die UN habe ich sehr viel Leid und Elend gesehen. Es befriedigt mich, wenn ich dort ein bisschen helfen kann. Vor zehn Jahren hätte ich Ihnen noch gesagt: Das Allerwichtigste ist, der Ball muss ins Tor.

Mitleidige Blicke

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