Interview: Christian Zaschke

Der frühere Handball-Nationalspieler Stefan Kretzschmar über Defizite des deutschen Teams bei der EM und eine überraschende Seite des Bundestrainers Heiner Brand.

Mit einem 26:26 gegen Tschechien haben Deutschlands Handballer die EM beendet. Das bedeutete für sie Rang zehn - und damit die schlechteste Platzierung aller Zeiten bei einem EM-Turnier. Stefan Kretzschmar, 36, begleitete das Turnier in Österreich als Fernsehexperte. Der ehemalige Weltklasse-Linksaußen absolvierte 218 Länderspiele und ist noch immer einer der bekanntesten deutschen Handballer. 2007 beendete er seine Laufbahn, anschließend arbeitete er bis Mitte 2009 als Sportdirektor des SC Magdeburg. In Innsbruck saß er oft mit Bundestrainer Heiner Brand zusammen und plauderte über Handball damals und heute, manchmal interviewte er Brand, was stets recht witzig anmutete, da Kretzschmar so lange unter Brand gespielt hat. Die beiden bestritten die Interviews in heiterer Gelassenheit. In ebensolcher Stimmung traf Kretzschmar die SZ zum Gespräch.

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Stefan Kretzschmar geht mit den deutschen Handballern hart ins Gericht. (© Foto: ddp)

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SZ: Herr Kretzschmar, vom vielbeschworenen Kampfgeist einmal abgesehen: Hat die Nationalmannschaft, die hier in Österreich angetreten ist, irgendetwas gut gemacht? Hat Ihnen irgendetwas gefallen?

Stefan Kretzschmar: Das ist ja die schwierigste Frage gleich am Anfang, mit der ich mich am stärksten in die Bredouille bringen kann. Ich zäume das Pferd mal von hinten auf: Diese Mannschaft hat am Ende sehr enttäuschend gespielt. Ich hatte mir wesentlich mehr erhofft. Ich hatte nicht erwartet, dass wir hier eine Medaille gewinnen, das war abseits jeder Realität, aber ich hätte mir einige Sachen gewünscht, die ich gar nicht gesehen habe. Ich habe ein Angriffsspiel gesehen, das überhaupt nicht funktioniert hat - aber ich will jetzt gar nicht sagen, was alles nicht gut war. Die Frage war ja, was mir gefallen hat.

SZ: Genau.

Kretzschmar: Ich glaube, dass Kreisläufer Christoph Theuerkauf seine Chance genutzt hat; wenn man etwas Positives finden will, muss man das vielleicht sagen. Zudem waren die Torhüter nicht unser Problem. Dann hört's aber auch schon auf.

SZ: Ähnlich schlecht war eine deutsche Handball-Nationalmannschaft bei einer EM vor zehn Jahren.

Kretzschmar: War das in Kroatien?

SZ: Ja, Sie waren dabei.

Kretzschmar: Ich erinnere mich.

SZ: Zwei Jahre später begann die Serie, die dieser Auswahl den Ehrennamen "Goldene Generation" einbrachte, sie wurde Zweiter bei EM, WM und Olympia und holte 2004 den EM-Titel. Kann die heutige Mannschaft auch so eine Entwicklung nehmen?

Kretzschmar: Ich vergleiche die Mannschaft von heute eher mit der von uns im Jahr 1998. Wir haben zwar damals überraschend EM-Bronze geholt, aber in der Entwicklung waren wir ähnlich weit wie das heutige Team.

SZ: Was ist mit der Mannschaft von 1998 passiert, dass sie diese erstaunliche Serie starten konnte?

Kretzschmar: Die Mannschaft hatte begonnen zu verstehen, worum es im Handball geht. Als ich anfing zu spielen, war mir das gar nicht so bewusst. Ich habe den persönlichen Erfolg über alles andere gestellt. Übertrieben formuliert war es mir wichtiger, dass ich viele Tore werfe, als dass die Mannschaft gewinnt.

SZ: Aber Sie haben dazugelernt?

Kretzschmar: Wie es richtig geht, habe ich verstanden, als Persönlichkeiten in die Mannschaft kamen, die mir das eindrucksvoll erklärt haben.

SZ: Darf man fragen wer?

Kretzschmar: Christian Schwarzer war jemand, der vorgelebt hat, wie so etwas funktioniert, und im Idealfall färbt es irgendwann ab, selbst auf den egoistischsten Spieler, den eine Mannschaft hat. Unsere Mannschaft hat angefangen, sich selbst zu übernehmen und selbst zu regulieren. Das war vorher Aufgabe des Bundestrainers, da hat er strenge Regeln angelegt. Später hat er sich rausgehalten und die Mannschaft sich selbst überlassen. Sie ist, einfach formuliert, erwachsen geworden. Wir hatten auch das Glück, Anführer zu haben, die den Weg vorgeben konnten.

SZ: Gibt es derzeit auch einen Anführer oder immerhin jemanden, der sich dahingehend entwickeln könnte?

Kretzschmar: Es fällt mir schwer, da jemanden zu finden. Ich traue es Michael Kraus nach dieser EM nicht mehr unbedingt zu. Der wäre eigentlich prädestiniert dafür. Hens wäre jemand, der es könnte, Torsten Jansen auch, aber keiner von denen ist der laute Typ, der auch mal offensiv mit dem Wort umgeht. Jeder vergräbt sich ein bisschen und kocht sein eigenes Süppchen. Man kann nicht von Holger Glandorf erwarten, dass er der Anführer wird, aber Holger ist so ein Typ wie früher bei uns Volker Zerbe. Und Oliver Roggisch ist ungefähr wie bei uns Klaus-Dieter Petersen. Aber dann wird es schwer mit den Parallelen; den Daniel Stephan, den Markus Baur und den Christian Schwarzer zu finden, das ist gerade nicht möglich.

SZ: Kraus ist erst 26, er kann sich noch entwickeln. Sie haben sich ja auch entwickelt, wie Sie eben erzählten.

Kretzschmar: Was dem Jungen hilft, sind Lernprozesse, aber davon benötigt er noch eine Menge. Wenn man ihn beobachtet oder sich mit den Leuten in seiner unmittelbaren Umgebung unterhält, dann merkt man, dass nicht unbedingt alle hinter ihm stehen. Es ist die Aufgabe der Mannschaft, das zu artikulieren und sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Aber das kann sie nicht - Probleme beim Namen zu nennen.

SZ: Das ging früher?

Kretzschmar: Ich kann mich erinnern, dass wir zwei Länderspiele gegen Russland hatten, in der Nähe von Koblenz, und als Gastgeschenk gab es für jeden Spieler eine Flasche Sekt. Das erste Spiel haben wir deutlich verloren. Abends haben sich alle auf dem Zimmer von - ich glaube, es war Jan Holpert - getroffen und diese Pullen leer gemacht und darüber gesprochen, was nicht in der Mannschaft stimmt. Und dann kam der Bundestrainer und fragte: ,Was ist denn hier los?' Einer der Spieler sagte: ,Wir trinken auf den Sieg von morgen.' Daraufhin ging der Bundestrainer wieder, und wir haben das Gespräch zu Ende geführt. Klingt jetzt natürlich nach Legendenbildung, aber in der Tat haben wir am nächsten Tag die Russen geschlagen, die damals das Maß aller Dinge waren.

Auf der nächsten Seite: Kretzschmar über das Talent von Spielmacher Michael Kraus und die Aufgaben für die Olympischen Spiele 2012.

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  2. "Kraus steht sich selbst im Weg"
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