Homosexualität im Fußball Was Hitzlsperger bewirkt hat

Aufklärer gegen Intoleranz: Thomas Hitzlsperger engagiert sich für mehr Offenheit im Umgang mit Homosexualität im Fußball.

(Foto: Getty Images for 11 Freunde)

In diesen Tagen jährt sich das Coming-out von Thomas Hitzlsperger: Was hat sich seither im Fußball geändert? An der Basis herrscht inzwischen mehr Offenheit, doch auf der großen Bühne fehlen noch entscheidende Impulse.

Von Ronny Blaschke

Thomas Hitzlsperger erhält noch immer viele Anfragen. Journalisten bitten um Interviews, Studenten schicken Fragebögen, Lehrer laden ihn in Schulklassen ein. Der ehemalige Fußball-Nationalspieler überlegt sich genau, in welchem Rahmen er über Homosexualität spricht. In wenigen Tagen, am 8. Januar, jährt sich sein Coming-out, und schon sagen die ersten Medien einen Jahrestag der Enttäuschung voraus.

Schließlich ist ihm kein schwuler Profi an die Öffentlichkeit gefolgt. Doch darum ging es Hitzlsperger, 32, auch gar nicht. Er wusste, dass die Ressentiments in einer Gesellschaft nicht über Nacht schwinden. Er wollte eine Debatte anstoßen, über Diskriminierung, Klischees, Männlichkeitskult. Die Frage sollte also lauten: Gibt es nach den Jahren der Spekulationen nun einen ernsten Anspruch auf Aufklärung?

Glaubwürdig beantworten können das die Aktivisten, die sich schon vor Hitzlspergers Coming-out für das Thema stark gemacht haben, zum Beispiel Dirk Brüllau. Der Sprecher der fast dreißig schwullesbischen Fanklubs erzählt, dass ihre Arbeit mitunter leichter geworden ist. Einige Mitglieder benötigen nur einen Anruf bei ihrem Lieblingsverein, um beispielsweise eine Anzeige im Stadionheft zu platzieren.

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Andere können günstig Räume mieten oder ihre Banner an prominenter Stelle aufhängen. Mit der Identifikationsfigur Hitzlsperger können die Fanklubs konkreter gegen Widerstände argumentieren, findet der Hamburger Brüllau und bezeichnet das Coming-out als Etappenziel. Aber noch immer gibt es in Ostdeutschland keinen schwullesbischen Fanklub. In Dresden wurde eine Gründungsgruppe durch Beleidigungen entmutigt.

Thomas Hitzlsperger, 32, wurde für sein behutsam vorbereitetes Coming-out im Interview mit der Zeit - inklusive ergänzender Videobotschaft - gelobt. Er ist nicht durch alle Talkshows gezogen, er wollte das Thema in den Mittelpunkt stellen. So haben auch weniger bekannte Initiativen von dem Interesse profitiert, zum Beispiel der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg.

Dessen Mitarbeiter Christian Rudolph hat es nicht mehr ganz so schwer, Workshops mit Amateurvereinen zu organisieren. Trainer oder Schiedsrichter kommen auf den Schwulenverband zu, berichtet Rudolph. Es hat einige Coming-outs an der Basis gegeben. Mittlerweile erwägen neben Berlin auch andere Fußball-Landesverbände, eine Partnerschaft mit einem Schwulen- und Lesbenverband einzugehen. Lange war das undenkbar.

Hitzlsperger wollte keinen Leitfaden für ein Coming-out liefern. Er sagt, jeder Lebensweg ist individuell. Er allein kann die veralteten Strukturen nicht aufbrechen, aber er kann den Einfluss von Experten stärken, die im Fußball lange nicht ernst genommen wurden: Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld bemüht sich seit mehr als zwei Jahren um Unterstützung der Funktionäre.

Die Stiftung mit Sitz in Berlin wurde nach dem deutschen Sexualforscher Hirschfeld benannt und erforscht seit 2011 die Lebenswelten von homo-, trans- und intersexuellen Menschen. Gemeinsam mit der Universität Vechta hat sie ein Bildungskonzept entwickelt, das in Fußballstrukturen für einen vorurteilsfreien Umgang und gegen diskriminierende Sprache sensibilisieren soll, auch bei Trainern, Betreuern und Schiedsrichtern.